Christliche Themen für jede Altersgruppe

So wurde die Bibel

Menschen erzählten ihre Geschichte mit Gott. Am Anfang geschah dies mündlich. Im Lauf der Zeit be­kamen die alten Überlieferungen feste Formen. Daraus wurde im Laufe von Jahrhunderten und langen Diskussionsprozessen die Bibel, so wie sie heute vorliegt. 


Die Tempelrolle, die um 120 vor Christus entstanden ist, gehört zu den Schriftrollen, die in Qumran entdeckt worden sind. (Foto: epd-Bild)

Doch Tatsache ist, dass zwischen 1947 und 1956 in elf Felshöhlen 1,3 Kilometer nördlich der antiken Siedlung von Qumran rund 15?000 Fragmente von etwa 850 Rollen aus dem antiken Judentum gefunden wurden. Sie stammen aus der Feder von mindestens 500 verschiedenen Schreibern und wurden zwischen 250 vor Christus und 40 nach Christus beschriftet. Die meisten Rollen sind aus Ziegen- oder Schafsleder, das zu dünnem Pergament bearbeitet wurde.

Nur einige der Rollen waren gut erhalten, darunter eine 7,34 Meter lange, nahezu unbeschädigte Rolle des Buches Jesaja, Teile der Psalmen und des Buches Daniel. Die meisten übrigen Schriften lagen ungeschützt auf dem Boden und waren in briefmarkengroße Fragmente zerfallen.

Der sensationelle Fund elektrisierte die Bibelwissenschaftler: Die aus der Zeit um 200 vor Christus stammende Jesajarolle gibt nahezu lückenlos den Text des Propheten wieder. Dieser deckt sich inhaltlich bis auf wenige unbedeutende Abweichungen mit der bis dahin ältesten vollständigen Bibelhandschrift, dem Codex Leningradensis aus dem Jahr 1008 nach Christus. Deshalb gehen die Forscher heute von einer enormen Genauigkeit bei den mindestens 1200 Jahre fortgesetzten Kopien von Bibelhandschriften aus.

Diese Erkenntnis war für die Bibelwissenschaft äußerst wichtig, denn von den ursprünglichen Manuskripten der biblischen Texte ist keines erhalten geblieben. Fazit: Kein Buch der Antike ist annähernd so genau überliefert wie die Bibel.

Der Fund belegt die hervorragende Überlieferung der Heiligen Schrift. Doch wie ist sie eigentlich entstanden? Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist auch kein gewöhnliches Buch, das ein Verfasser in einigen Monaten oder Jahren geschrieben hat. Die Bibel ist vielmehr eine kleine Bibliothek; sie besteht aus 66 Büchern.

Der Name deutet die Vielzahl der Bücher schon an: Das Wort „Bibel“ kommt aus dem Griechischen, „ta biblia“ bedeutet dort „die Bücher“. Das Alte Testament umfasst 39 Bücher, das Neue Testament 27 Schriften.

Die Bibel erzählt die Geschichte Gottes mit dem Menschen. Und Menschen erzählen darin ihre Geschichte mit Gott. Am Anfang geschah dies mündlich. So kann man die Bibel als Ergebnis einer jahrtausendealten Erzähltradition sehen.

Lange bevor die Schriftkultur entstand, wurden von einer Generation zur nächsten wesentliche Erfahrungen mit Gott und der Welt mündlich weitergegeben. Im Zelt, am Lagerfeuer in der Steppe, beim Stammestreffen an der Quelle. Im Lauf der Zeit bekamen die alten Überlieferungen feste Formen. Sie wurden gesammelt und dann kaum noch verändert.

Ab dem 9. Jahrhundert vor Christus wurden die Texte dann schriftlich fixiert. Menschen sammelten Worte, Erzählungen, Dichtungen und Sprüche, aber auch amtliche Mitteilungen. Es war die Zeit, als die Israeliten, ein Volk von Wandernomaden, sesshaft wurden. Sie begannen, die alten Texte aufzuschreiben. Das besorgten berufsmäßige Schreiber. Besonders am Tempel Salomos (965?–?926 vor Christus) in Jerusalem wurden die heiligen Texte aufgeschrieben, gesammelt und aufbewahrt.

Die Könige nach Salomon ließen eine Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel aufschreiben. Für die Rechtsprechung wurden Gesetzestexte gesammelt und mit Ausführungsbestimmungen versehen. Gottesdienstordnungen entstanden. Auch Psalmgebete für den Gottesdienst schrieb man auf.

Ab dem 8. Jahrhundert vor Christus hielten Propheten und deren Schüler ihre Worte schriftlich fest und ermöglichten dadurch eine größere Verbreitung. Daneben entstanden kleine Sammlungen von Volkstraditionen mit Geschichten, Fabeln, Liedern und Lebensregeln.

Im 7. Jahrhundert bestand Israel nur noch aus einem kleinen Territorium im Süden und versuchte, sich auf seine Fundamente zu besinnen. Dies war Anlass, viele bisher getrennt überlieferte Schriften zusammenzufassen. Manche Texte wurden überarbeitet und bekamen so auch eine neue Bedeutung.

Der massivste Einschnitt in die Geschichte Israels war das babylonische Exil von 587 bis 538 vor Christus. Die jüdischen Theologen sahen es unter dem Druck des Exils als Hauptaufgabe, die religiöse Identität ihres Volkes festzuschreiben. Nach der Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels und dem Ende des Tempelkultes bekam die Heiligung des Sabbats große Bedeutung, und eben die heiligen Texte.

Neue Texte entstanden, zum Beispiel der erste Schöpfungsbericht, der heute am Beginn der Bibel steht. Andere Texte wurden bearbeitet und in vorhandene Schriften eingefügt. Im Buch Jesaja beispielsweise können drei Autoren aus verschiedenen Epochen identifiziert werden.

Ein Leitmotiv bei der Entstehung der Hebräischen Bibel war die Darstellung der Geschichte des jüdischen Volkes von den Anfängen bis ins 2. Jahrhundert vor Christus. Aus dieser Zeit stammen die ältesten erhaltenen Handschriften mit Bibeltexten. Nur einige wenige Bücher des Alten Testaments waren von Beginn an als geschlossene Bücher gedacht, wie etwa das Hohelied oder das Buch Ester.

Ab dem 5. Jahrhundert vor Christus  haben jüdische Gelehrte die heiligen Schriften dann zu größeren Einheiten zusammengefügt, beginnend mit den fünf Büchern Mose. Bis zum 2. Jahrhundert wurden die Texte immer wieder überarbeitet. Bestehende Texte wurden dabei mit neuen kombiniert.

Darum gibt es zum Beispiel zwei Schöpfungserzählungen am Anfang der Bibel: die erwähnte Priesterschrift aus dem 6. Jahrhundert und den wesentlich älteren Text des sogenannten Jahwisten aus dem 9. Jahrhundert im zweiten Kapitel des 1. Mosebuches. Die Redakteure hatten kein Problem damit, einander widersprechende Texte nebeneinanderzustellen. Sie begründeten damit die innerbiblische Toleranz. Wichtig war ihnen das gemeinsame Zeugnis beider Schöpfungsberichte: Gott hat die Welt erschaffen.

Die Texte hatten noch keine Buchform. Papyrus- oder Pergamentseiten wurden (wie bei einer Zeitung) in mehreren Spalten beschrieben und dann aneinandergeklebt oder -genäht. So entstanden lange Streifen, die man aufrollte und bequem lesen und lagern konnte.

Die jüngsten Bücher des Alten Testaments wurden erst im 2. Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben. So sind von den Anfängen mündlicher Überlieferung bis zu den letzten schriftlichen Aufzeichnungen des Alten Testaments 1000 Jahre vergangen.

In den Jahrhunderten nach der Zerstörung Jerusalems und des zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 nach Christus fixierten jüdische Gelehrte die Gestalt des Textes bis in kleinste Einzelheiten. Sie schlossen die Sammlung mit 36 Schriften ab. Wieder war es die Sorge um die religiöse Identität des Volkes Israel, die der hebräischen Bibel den Weg ebnete.

Auch das Neue Testament fußt auf einer mündlichen Erzähltradition, die allerdings nur wenige Jahrzehnte dauerte. Nach der Auferstehung Jesu begannen seine Jünger und Anhänger in Palästina, Syrien und in Ägypten, von seinem Leben und seiner Botschaft zu erzählen. Zunächst waren dies Zeugnisse von seinem Tod und seiner Auferstehung. Sehr bald wurde dies als „Urbekenntnis“ der entstehenden neuen Gemeinschaft formuliert. Dieses ursprüngliche Zeugnis ist in 1. Korinther 15,3 erhalten. Daneben gab es mündliche Überlieferungen von Worten Jesu, von Wundertaten und Erinnerungen an Begegnungen mit ihm.

Zwei Jahrzehnte lang schrieben die „Nazoräer“, wie man die Christen erst nannte (Apostelgeschichte 24,5), nichts über Jesus auf. Sie erwarteten das baldige Ende der Welt und seine Wiederkunft, dauerhafte Aufzeichnungen brauchte man da nicht. Als Bibel hatte man – wie der Jude Jesus – die Texte Israels.

Obwohl die Wiederkunft Jesu ausblieb, breitete sich das Christentum in großer Geschwindigkeit aus – trotz der großen Verfolgungen unter den römischen Kaisern. Die Mission der Jünger war erfolgreich, vor allem die des spät berufenen Apostels Paulus. Nicht nur in Rom, sondern auch Griechenland, Kleinasien und Ägypten bestand Bedarf nach den schriftlichen Grundlagen des neuen Glaubens.

Der früheste Text des Neuen Testaments stammt aus dem Jahr 50. Es ist der Brief des Paulus an die Gemeinde in Thessalonich in Griechenland. Paulus schrieb ihn auf seiner zweiten Missionsreise in Korinth, nachdem er von der Gemeinde Meldungen über Spekulationen zur Wiederkunft Christi, Neigungen zu Müßiggang und unsittlichem Wandel erhalten hatte. Die Gemeinde wollte vor allem eine Antwort, was mit den gestorbenen Christen geschieht, die die ausstehende Wiederkunft Christi nicht mehr erleben konnten (4,13?–?18). Paulus musste – vermutlich erstmalig – von der Auferstehung der Christen sprechen.

Inhaltlich nahm das Christentum mit den Briefen des Paulus eine Wendung. Hatte Jesus noch das nahe Reich Gottes verkündet, predigte Paulus den auferstandenen Christus als Retter und Erlöser. Die Briefe sollten auch dazu dienen, innergemeindliche Gegner kaltzustellen.

Die Briefe des Paulus entstanden als Instrumente der Gemeindebildung und fungierten als Wegweiser in theologischen Auseinandersetzungen. Sie wurden in den paulinischen Gemeinden aufbewahrt und sind die frühesten Schriften des Neuen Testaments.

Etwa zur gleichen Zeit – um die Mitte des 1. Jahrhunderts – hat man auch damit begonnen, die Berichte von den Worten und Taten Jesu schriftlich festzuhalten, ein Prozess, der in der redaktionellen Komposition der Evangelien seinen Abschluss fand. Die Verfasser der Evangelien haben zusammengetragen, was sie über das Leben und Wirken Jesu in Erfahrung bringen konnten.

Von den neutestamentlichen Texten ist keine Originalschrift erhalten. Sie wurden zunächst noch auf Papyrus abgeschrieben und zu einem sogenannten Codex zusammengeheftet. Diesen versah man zum Schutz mit Holzdeckeln. Berühmte alte Handschriften, wie der Codex Sinaiticus, der beinahe den ganzen Bibeltext enthält, oder der Papyrus 46 (um 200 nach Christus), eine der ältesten Abschriften der Paulusbriefe, wurden in Klosterbibliotheken oder im Wüstensand gefunden. Sie bezeugen die hervorragende Überlieferung des ursprünglichen Textes.

Das älteste neutestamentliche Schriftstück entdeckte der Papyrologe Colin H. Roberts 1935. Der Brite entzifferte einen in Ägypten gefundenen Papyrusfetzen als Teil des Johannesevangeliums. „Papyrus 52“ umfasst Johannes 18,31?–?33 und auf der Rückseite die Verse 37?–?38. Die Abschrift wurde 125 nach Christus oder etwas früher gefertigt, also nur Jahre oder wenige Jahrzehnte nach Abfassung des Johannesevangeliums.

In der noch jungen Gemeinde Jesu Christi gab es noch eine Vielzahl weiterer Texte. Deshalb musste die frühe Kirche eine Entscheidung fällen, welche Schriften als verbindlich gelten. Die Pastoralbriefe (zwei Timotheusbriefe, Titusbrief), die katholischen Briefe (zwei Petrusbriefe, Jakobusbrief, drei Johannesbriefe, Judasbrief) und der Hebräerbrief wurden mit aufgenommen, die um 150 nach Christus entstandene Offenbarung des Johannes kam erst nach langen Diskussionen in den Kanon. Am Ende des 2. Jahrhunderts nach Christus stand das Neue Testament im Wesentlichen in seinem heutigen Umfang fest. Unter Kaiser Konstantin wurde ab 313 das Christentum als Religion zugelassen und gefördert. Der Kaiser bestellte 50 Bibeln für die wichtigsten Orte in seinem Reich, sie sollten auf das kostbare und haltbare Pergament geschrieben werden.



THEMA
So wurde die Bibel
Ev. Gemeindeblatt für Württemberg
broschiert, 50 S.
4€