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Solidarität bis nach Brasilien - Interview mit Enno Haaks (GAW)

Enno Haaks ist Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werks (GAW). Er steht weltweit in Kontakt mit Vertretern evangelischer Minderheiten. Auch in der Ukraine, in Russland und Belarus. Wie die Situation der Gemeinden dort ist und was ihnen hilft, erklärt er im Interview mit Martin Janotta.

Luftangriff, Charkiw, 2.3.2022 Foto: Nikita ZhadanTrümmer von einem Luftangriff am 2. März im Zentrum von Charkiw. Im Hintergrund ist die orthodoxe Mariä-Entschlafens-Kathedrale zu sehen. Foto: Nikita Zhadan

Herr Haaks, was hören Sie derzeit von den evangelischen Christen in der Ukraine?


Enno Haaks: Ich bin in Kontakt mit Bischof Pawlo Schwarz von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine, der auch Pfarrer in Charkiw ist. Dank unserer polnischen Geschwister konnten wir ihm einen Bus mit Hilfsgütern an der Grenze übergeben. Das haben wir vom GAW finanziert mit ungefähr 22 000 Euro. Bischof Schwarz ist damit nach Charkiw gefahren, hat in der Kirche übernachtet und dann zehn Leute Richtung Westukraine gebracht, damit sie aus dem Land rauskommen. 

Wie ist es im Westen der Ukraine?

Enno Haaks, Generalsekretär GAW - Gustav Adolf Werk, Foto: Pressebild/ Christian ModlaEnno Haaks: In der Region gibt es noch keine Angriffe. Aber es kommen viele Flüchtlinge. Dort ist die größere unserer beiden ukrainischen Partnerkirchen beheimatet, die reformierte Kirche von Transkarpatien, eine Kirche der ungarischen Minderheit in der Ukraine. Die haben das Recht auf einen ungarischen Pass, deshalb sind viele von ihnen in den vergangenen Jahren nach Westeuropa gegangen. Jetzt hat Bischof Sándor Zán Fá-bian seine Leute, vor allem die Pfarrer, gebeten: Bitte bleibt hier. Sie kümmern sich um Flüchtlinge, haben auch aus Kiew Kriegswaisen geholt. Wir unterstützen mit der Konfirmandengabe vom GAW dieses Jahr die reformierten Gemeinden in der Ukraine – das haben wir schon im Vorjahr beschlossen, als sich die jetzige Situation niemand vorstellen konnte. Zum Beispiel gehen unsere Spenden an ein Heim für Kinder mit Behinderung. Die Kirche bietet auch Hausaufgabenhilfe für Roma-Kinder an. Ich habe Bischof Fábian gefragt, ob wir weiter für diese Projekte sammeln sollen oder ob sie das Geld für andere Dinge brauchen. Er hat mir geschrieben, dass die Projekte weiterlaufen sollen.

Enno Haaks, Generalsekretär GAW - Gustav Adolf Werk, Foto: Pressebild/ Christian Modl

Wie sieht es in anderen Regionen der Ukraine aus?

Enno Haaks: In Odessa am Schwarzen Meer ist noch alles ruhig. Dort sind Verletzte in Krankenhäusern untergebracht und es wird schwieriger, an Medikamente heranzukommen. Aber der lutherische Pfarrer konnte bisher ganz normal Gottesdienst mit seinen Gemeinden feiern. Das ist auch wichtig: dass die Leute nicht nur mit Hilfsgütern versorgt werden, sondern auch mit Trost.

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Sind die evangelischen Gemeinden in der Ostukraine von den Zerstörungen im Krieg direkt betroffen?

Enno Haaks: In Charkiw scheint die Kirche nicht beschädigt zu sein, sonst hätte Bischof Schwarz dort nicht übernachtet. Auch aus den ländlichen Gemeinden sind uns noch keine Schäden gemeldet worden.

Millionen Menschen fliehen in die Nachbarländer der Ukraine. Wie hilft das GAW dort?

Enno Haaks: Von rund 50 000 Euro, die wir bisher an Hilfen ausgegeben haben, gingen etwa 30 000 Euro in die Ukraine, der Rest in die Nachbarländer. Wir haben zum Beispiel reformierten Gemeinden in Polen geholfen, die Flüchtlinge aufgenommen haben. In Rumänien haben wir ein Projekt einer lutherischen Gemeinde für Geflüchtete unterstützt. 3000 Euro gingen nach Katerini in Griechenland. Die evangelische Kirche dort hat viel Erfahrung mit Flüchtlingshilfe, durch den Krieg in Syrien. Jetzt kommen da auch Ukrainer an. Evangelische aus der Slowakei haben an der ukrainischen Grenze ein Zelt für Flüchtlinge aufgebaut. Auch in Tschechien haben wir mit 5000 Euro unterstützt. In ganz Osteuropa gibt es eine unglaubliche Solidarität.

Wie kommt das?

Enno Haaks: In Tschechien haben uns die Menschen erzählt, dass sie sich an 1968 erinnert fühlen, an den Prager Frühling. Die sagen: wir wissen, was die Russen machen, die schlagen alles brutal nieder. Wir wollen das auf keinen Fall wieder, wir sind froh, dass wir in Europa sind. Auf einmal kommen aus diesen Ländern viel mehr pro-europäische Stimmen.

Welche humanitäre Hilfe für die Ukraine ist jetzt nötig? Hilfsorganisationen bitten eher um Geldspenden als um Sachspenden.

Enno Haaks: Das ist richtig. Es ist klar, dass die Leute etwas tun wollen, aber Hilfsorganisationen wissen, welche Hilfsgüter gebraucht werden und können die oft günstiger über Großmärkte kaufen. In den Nachbarländern der Ukraine bekommt man noch alles. Geldspenden sind also sinnvoller. Anders ist es bei Sachspenden, die man in Deutschland direkt an Flüchtlinge verteilt.

Wie geht es eigentlich den evangelischen Christen in Russland mit der Situation?

Enno Haaks: Die haben es sehr schwer. Wer dort eine andere Konfession hat als die orthodoxe, gerät schnell in Verdacht, ein ausländischer Agent zu sein. Und was für die Menschen in Russland ein Riesenproblem ist, auch in Belarus, ist die Willkür dort. Sie wissen nie genau, woran sie sich halten sollen, weil es kein funktionierendes Rechtssystem gibt.

» Versorgen auch mit Trost «

Wie macht sich der Krieg in der Beziehung des GAW zu den russischen Gemeinden bemerkbar?

Enno Haaks: Wir wissen nicht, wie es mit der Hilfe für unsere russischen Geschwister weitergeht. Die russischen Konten sind gesperrt, wir können kein Geld dorthin überweisen. Viele Russen verlassen das Land, zum Beispiel über Finnland. Da gehen der Gesellschaft wichtige Leute verloren.

Urkaine, Krieg. Clker Free Vektor Images, pixabayClker Free Vektor Images, pixabay

Wie sehen denn die Christen in Belarus auf den Konflikt?

Enno Haaks: Wir hatten am 13. März einen Gottesdienst im Berliner Dom. Da sagte ein Student, der aus Belarus geflohen war: „Ich weiß nicht, wie ich in das Land zurückkehren soll, das zum Protektorat Russlands geworden ist. Ich weiß nicht, wie ich den ukrainischen Brüdern in die Augen sehen soll, und ich entschuldige mich dafür, dass es mir nicht gelungen ist, Lukaschenko im Jahr 2020 zu stürzen. Ich weiß es nicht. Aber ich glaube immer noch an Jesus Christus. Ich glaube, dass der Tod bereits besiegt wurde.“

Starke und mutige Worte.

Enno Haaks: Ja. Die Christen in Belarus haben es sehr schwer, ihren Glauben zu leben. Ich habe oft Kontakt mit Pfarrer Wladimir Tartanikow. Er betreut die vier lutherischen Gemeinden mit insgesamt rund 200 Mitgliedern. In Hrodna, nahe der Grenze zu Polen, haben sie eine Kirche mit einer Orgel, die wir vom GAW dorthin transportiert haben. Orgelkonzerte sind auch bei Menschen außerhalb der Gemeinde beliebt. Pfarrer Tartanikow wird vorher immer gesagt, was er innerhalb dieser Konzerte sagen darf und was nicht. Er braucht für alles eine Genehmigung.

Was können wir in Deutschland für evangelische Christen in der Ukraine, in Russland und Belarus tun?

Enno Haaks: Sie nicht vergessen. Spenden. Projekte unterstützen, damit sie sichtbar bleiben. Beten natürlich. Und weiter auf die Straße gehen. Ich finde es sehr bewegend, wie weltweit demonstriert wird. Ein Kollege aus Brasilien hat mir erzählt, dass dort eine Million Ukrainer leben. Auch in solchen Ländern, die auf den ersten Blick weit weg von diesem Krieg sind, setzen Menschen sich für Frieden in der Ukraine ein. Das ist ermutigend.