Christliche Themen für jede Altersgruppe

Spaß an Stuttgart - Stadtkante Stuttgart

STUTTGART – Es fehlt an niederschwelligen kirchlichen Angeboten für Menschen zwischen 25 und 40 Jahren, dachten sich sechs junge Stuttgarterinnen und Stuttgarter. Deswegen haben sie das Format „Stadtkante“ ins Leben gerufen. Beim Auftakt gab es viel zu entdecken und zu erschmecken.

Zeit für ein Selfie im Essenziale Stuttgart. Foto: Julian Rettig

Und da ist er doch noch. „Keine Weinprobe in Stuttgart ohne Trollinger“, sagt Lukas Gansky, als er den fünften Wein des Abends präsentiert. Sobald die Besucherinnen und Besucher des „Stadtkante“ -Abends den Klassiker der schwäbischen Weinkultur im Glas haben, merken sie aber: Wie Lukas versprochen hat, sind die Aromen doch ein bisschen anders als erwartet. Frischer – und damit passend zum ganzen Abend. Zur „Stadtkante“, einem neuen Format für junge Stuttgarter.

"Stadtkante" in Stuttgart

Hinter der „Stadtkante“ steckt ein sechsköpfiges Organisationsteam. Die Pfarrerinnen Stefanie Heimann und Sarah Schindler, die Pfarrer Nicolai Opifanti und Johannes Seule, Katharina Schmutz, Diakonin bei B27, der Arbeit für junge Erwachsene im Hospitalhof, sowie René Böckle, Referent für Jugendkultur der Evangelischen Jugend in Stuttgart. Ihr gemeinsamer Antrieb für die „Stadtkante“? „Wir lieben alle Stuttgart und wollen neue Ecken in der Stadt kennenlernen“, erklärt Nicolai. „Worauf haben wir Lust, was würden wir selber gerne machen? Das haben wir uns gefragt“, sagt Katharina.

Heraus kam eine lange Liste mit Orten und Veranstaltungen, die für „Stadtkante“ geplant sind: Schlittschuhlaufen auf der Waldau, das Stadtmuseum „Stadtpalais“ anschauen, ein Tattoostudio besuchen, eine Heilkräuterführung organisieren … Es geht darum, niederschwellige kirchliche Angebote für junge Menschen zwischen – grob – 25 und 40 Jahren zu bieten. Zu schauen, wo das Leben in Stuttgart ist, und als Kirche dorthin zu gehen, wie Nicolai es beschreibt. Theologische Aspekte einfließen lassen, wo es passt, aber hauptsächlich Raum für Gemeinschaft geben.

Das Restaurant „Essenziale“, Neue Brücke 6, befindet sich unweit des Marktplatzes im Zentrum der Landeshauptstadt. Foto: Julian Rettig

Das geht natürlich gut an einem einfach erreichbaren Ort mit gutem Essen. Das Restaurant „Essenziale“ liegt nur wenige Schritte vom Stuttgarter Rathaus entfernt. Hier haben sich Jörg-Michael und Friedemann Götz ihren Traum erfüllt. Die zwei Brüder aus dem hohenlohischen Kochertal, der eine Arzt, der andere Romanist, betreiben in Stuttgart seit Ende 2017 das Restaurant, in dem sie Röstbrote, Eintöpfe, Salate und vieles andere anbieten. Die Zutaten sind saisonal und aus der Region, hauptsäch-lich vom Bauernhof der Großcousine. Das Konzept kommt gut an – bei Auswärtigen wie bei Stuttgartern.

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Auch Katharina Schmutz kommt oft und gerne ins „Essenziale“. Die Diakonin hatte die Idee, das Restaurant als ersten der besonderen Orte für „Stadtkante“ zu wählen. Nicolai Opifanti brachte den passenden Gast für ein „Wine-Tasting“, eine Weinprobe, mit: Lukas Gansky, Theologiestudent kurz vor dem Examen – und ausgebildeter Weinsommelier.

Lukas Gansky erklärt den nächsten Wein - Weintasting in der Essenziale Stuttgart. Foto: Julian Rettig

Restaurant Essenziale - Veranstaltungsort der Stadtkante

Das zog. Für das Wine-Tasting im Essenziale am 10. Januar waren die 28 Plätze auf der Anmeldeliste – mehr gab der Raum nicht her – bereits vor Weihnachten vergeben. „Wir hatten fast noch einmal so viele Leute auf der Warteliste“, sagt Katharina. Und beim Blick in den Raum sehen sie und Nicolai keineswegs nur „die üblichen Verdächtigen“ – er kenne „etwa zehn Prozent“, sagt Nicolai.

Schnell verteilen sich die Besucher im hellen Raum des „Essenziale“, ein paar haben sich bereits die Sitzplätze gesichert, andere gruppieren sich um die Stehtische. Gut gelaunt begrüßen Katharina und Nicolai die Gäste. Lukas Gansky erklärt anschließend das Vorgehen.

Sieben Weine hat er mitgebracht, er füllt die Gläser jeweils mit kleinen Probierschlücken des ersten Weins. Friedemann und Jörg-Michael Götz verteilen schon einmal Wasserkaraffen an den Tischen.

Lukas Gansky gibt immer kurz Informationen zu Herkunft und Aroma der Weine – vom cremigen Silvaner aus  Uhlbach bis zum Syrah aus Fellbach, der ein wenig nach dunkler Schokolade schmecken soll. Dazwischen unterhalten sich die Besucher an den Tischen. Zwei sich bisher Unbekannte entdecken, dass sie beide aus dem gleichen Ort (Jettenburg) kommen, andere vergleichen die Ergebnisse ihrer Aromensuche. Immer wieder greifen sie zu Röstbroten, Risottobällchen und Gemüsechips.

Die von Lukas Gansky ausgesuchten Weine und die Röstbrote nach „Essenziale“-Art ‒ beides sehr beliebt bei den Teilnehmern der „Stadtkante“. Foto: Julian Rettig

Zwischen Riesling und Rosé (dritter und vierter Wein) erfahren die Besucher dann ein bisschen mehr über Lukas Gansky. Auf Nicolais Frage, wie er zum Wein gekommen ist, erzählt Lukas von seinem Opa. Der war Winzer und nahm ihn als Kind immer wieder mit in den Weinberg. Der letzte Anstoß, neben dem Theologie-Studium eine Ausbildung zum Weinsommelier zu machen, kam dann aus einer anderen Ecke: „In Tübingen habe ich festgestellt, dass die Theologen nur schlechte Weine trinken“, sagt Lukas grinsend. Dabei passten Wein und Theologie grundsätzlich gut zusammen: Bei einem Wein sitze man in der Regel nicht alleine, sonderen in geselliger Runde und „tauscht sich über Gott und die Welt aus“, sagt Lukas. Außerdem findet er: „Gott und Genuss sind eng miteinander verbunden. Gott hat uns das Leben geschenkt, das wir genießen können.“ Übrigens – die Information gibt Nicolai nebenbei – hat Lukas Gansky auch noch ein Bachelor-Studium der Vorderasiatischen Archäologie absolviert. Thema der Abschlussarbeit: „Weinpressen aus der Bronze- und Eisenzeit in Palästina“. Offensichtlich passt alles zusammen.

Stadtkante - ein Zugang zur Stadt

Michael Piotrowsky und Larissa Weil haben im Internet über das soziale Netzwerk Instagram von „Stadtkante“ erfahren. Sie folgen dort der Seite von Nicolai Opifanti. In ihren Heimatgemeinden in Mainhardt und Kirchheim seien sie kirchlich engagiert gewesen, erzählen die beiden. „In Stuttgart fehlt uns die Zeit und der Anschluss“, sagt Michael. So wie bei vielen, die vom Land nach Stuttgart ziehen. Auf einmal gibt es viel mehr kulturelle Angebote, viel mehr gesellschaftliche Ereignisse, viel mehr Optionen, seinen Abend zu verbringen – und gleichzeitig, jobbedingt, oft deutlich weniger Zeit dafür. Die Konkurrenz für kirchliche Veranstaltungen sei groß, sagt Jugendkultur Referent Rene Böckle. Die Hemmschwelle oft hoch.

Das ist die Lücke, die „Stadtkante“ mit Leben füllen möchte. Einen anderen Zugang zur Stadt bieten. Bei Michael und Larissa hat das bereits funktioniert. Das „Essenziale“ ist für sie eine Neuentdeckung. „Man lebt hier in Stuttgart, läuft immer wieder durch die Straßen und weiß trotzdem nicht, was hier so ist“, erklärt Larissa. Die beiden planen, der „Stadtkante“ treu zu bleiben. „Besonders gespannt bin ich auf das Tattoostudio“, sagt Michael.

„Essenziale“-Chef Friedemann Götz versorgt die Besucher des „Wine- Tastings“ mit Gemüsechips.
Foto: Julian Rettig

Aus Rücksicht auf das Restaurant-Team ist das Ende des Tastings auf 22.30 Uhr festgesetzt, auch wenn niemand seinen letzten Wein hinunterstürzen muss. Am Schluss erzählt Lukas Gansky, dass sein Opa, der ihm den Wein nahegebracht hatte, vor acht Wochen verstorben sei. „Er ist mit Zuversicht in die Ewigkeit gegangen.“ Dann schließt Lukas mit seiner Lieblingsgeschichte über Wein aus der Bibel, der Hochzeit zu Kana. „Dort kommt der beste Wein zuletzt.“ Das könne man als Zeichen sehen: Der beste Wein kommt in der Ewigkeit. Bis dahin aber ist Trollinger auch nicht schlecht.



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