Christliche Themen für jede Altersgruppe

Spielerisch zum Glauben

ROTTENBURG – Früher wurde mehr gebastelt, heute wird mehr gespielt und manchmal sogar geklettert. Die Kinderkirche in Rottenburg hat eine lange Tradition: Vor hundert Jahren fand der erste Gottesdienst für Kinder statt, jetzt hat die Gemeinde das Jubiläum gefeiert.

Pfarrerin Stefanie Luz (hinten rechts) macht mit der Kinderkirche immer wieder Ausflüge. Foto: Andreas Straub, Kirchengemeinde

Im Gemeindehaus und in einer Vitrine am Metzelplatz zeigt die Rottenburger Kinderkirche derzeit mit einer Ausstellung ihre lange und wechselvolle Geschichte. Sie feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag.

„Aus der vor 100 Jahren ins Leben gerufenen Sonntagsschule wurde über die Jahrzehnte ein Gottesdienst für Kinder, teilweise mit, teilweise ohne Eltern und Großeltern“, berichtet Stefanie Luz. Die Pfarrerin ist seit acht Jahren zuständig für die Kinderkirche und wird von zehn Ehrenamtlichen unterstützt.

Als Stefanie Luz 2014 nach Rottenburg kam, gab es die Kinderkirche nur noch einmal im Monat. Mit dem neuen Team findet sie längst wieder wöchentlich statt. „Ohne die Freiwilligen ginge es nicht“, sagt Luz. Die Altersspanne reicht von kürzlich Konfirmierten bis zu Rentnerinnen: eine gute Mischung verschiedener Hobbys, Talente und beruflicher Erfahrungen.

Die Gottesdienste für Kinder und Familien hätten sich stark verändert, sagt die Pfarrerin. Heute seien Kreativität, mehr Beteiligung und eine kindgerechtere Ausgestaltung gewünscht. Gebastelt wird weniger als früher, gespielt mehr. In Rottenburg gibt es deshalb zum Beispiel neben der herkömmlichen Kinderkirche sogar einen Gottesdienst für kleine Leute im Alter von 0 bis 5 Jahren. „Die Kinder lernen starke Geschichten mit Gott kennen und werden selbst aktiv und kreativ“, sagt Luz.

Die eigentliche Kinderkirche wendet sich an 6- bis etwa 13-Jährige. Ein jährlicher Höhepunkt ist das Krippenspiel an Heiligabend. Im vergangenen Jahr wurde es mit strengen Corona-Regeln aufgeführt: mit Kreisen für die im Freien stehenden, zusammengehörenden Zuschauergruppen. Mit einem Videokanal auf Youtube versuchte die Kirchengemeinde, die Zeit fehlender Begegnungen zu überbrücken. Biblische Geschichten wurden dort zum Beispiel mit Lego- oder Playmobilfiguren nachgespielt oder als Trickfilm mit Hilfe von Biegepuppen, Papierfiguren, Zeichnungen oder dem Computerspiel Minecraft hergestellt. Erfahrung war schon da, der Film „Josef und seine Brüder“ aus Rottenburg gewann 2019 beim Wettbewerb der Landeskirche Silbernes Schaf den Publikumspreis.

„Wann immer es ging, haben wir in der Corona-Zeit zumindest draußen zusammen gesungen“, erzählt Luz. Das Schöne an der Kinderkirche sei die Gemeinschaft. „Menschen wachsen durch Beziehungen“, findet die Pfarrerin. „Ich habe selbst als Kinderkirchenkind angefangen.“ Schon früh sei ihr klar gewesen, dass sie einen Beruf haben wolle, in dem der Glaube eine große Rolle spielt. „Ich bin nicht hineingeboren in eine Pfarrersfamilie.“ Die Kinderkirche macht sie besonders gerne, weil die Kinder aus allen Milieus dort zusammenkommen.

Vor 100 Jahren hielt der damalige Stadtpfarrer Georg Pfeiffle den ersten Gottesdienst für kleine Leute. „Eröffnung des Kindergottesdienstes im Gemeindesaal“, schrieb Pfeifle am 28. Mai 1922 unter „Bemerkungen“ in seinen Amtskalender, nachdem die Gemeinde im Januar den Saal im Klösterle hatte anmieten können. Mit vier „Lehrerinnen“ bereitete er den Unterricht in Gruppen Sonntag für Sonntag für 50 bis 60 Kinder vor. Das waren damals fast alle evangelischen Kinder in Rottenburg. Für die Eltern war die Teilnahme selbstverständlich.

Viele Flüchtlingskinder aus unterschiedlichen Epochen, Umzüge und inhaltliche Veränderungen begleiten die Rottenburger Kinderkirche mit kleinen Pausen seit ihren Anfängen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Rottenburger Gemeinde durch Zuzüge stark. Aus „Lehrerinnen“ wurden hauptamtliche und ehrenamtliche Kinderkirchmitarbeitende. Die Angebote sind heute kindgerechter, es wird zusammen gespielt, gesungen, gelacht.

Das Jubiläum hat die Gemeinde gleich mit mehreren Aktionen gefeiert: Rund 60 Kinder, Jugendliche und deren Eltern und Großeltern konnten sich bei einer Feier im Mai verkleiden wie in früheren Zeiten und hatten reichlich Spaß bei einem spontanen Theater.

Beim Rottenburger Neckarfest Ende Juni erfuhren die Kinder bei einem ökumenischen Stationenlauf zum Thema Hoffnung (zusammen organisiert mit der katholischen Morizgemeinde) Spannendes aus dem Leben von Paulus und dessen Abenteuern. Gemeinsam galt es, einen Sandsack mit einem Seilzug hochzuheben und sich durch ein künstliches Spinnenwebennetz zu bewegen. Stillsitzen in der Kinderkirche, das war einmal. Heute gehört Bewegung mit dazu.

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