Christliche Themen für jede Altersgruppe

Spiritueller Abschluss - Jahreswechsel

Nicht nur Feuerwerk, „Dinner for One“ und Raclette: Für viele Menschen gehört am 31. Dezember auch ein Gottesdienst zum festen Programm. Der Altjahresabend, wie er in der evangelischen Kirche heißt, weist einige liturgische Eigenheiten auf.

Die Sorgen des alten Jahres vor Gott zu bringen und mit Freude ins neue Jahr zu starten, darum geht es am Altjahresabend. Foto: adobe stock/ igorgeigerDie Sorgen des alten Jahres vor Gott zu bringen und mit Freude ins neue Jahr zu starten, darum geht es am Altjahresabend. Foto: adobe stock/ igorgeiger

Wir schreiben den 31. Dezember. Ganz Deutschland feiert Silvester. Ganz Deutschland? Nein. Bei einer Institution lautet der Name für diesen Tag „Altjahresabend“. Bei der evangelischen Kirche.

Der Name Silvester geht auf einen Heiligen zurück, einen Papst des vierten Jahrhunderts. „Heilige tauchen bei uns im liturgischen Kalender nicht auf“, sagt Evelina Volkmann, Leiterin der Fachstelle Gottesdienst der württembergischen Landeskirche.

Zwar seien mit der neuen Perikopenordnung zwei Ausnahmen gemacht worden – Martinstag und Nikolaustag haben jetzt erstmals eigene Lesungen – aber das gilt nicht für den Jahresabschluss. „Mit Silvester verbinden wir nichts Evangelisches, nichts Heilsgeschichtliches.“ Und so wird am 31. Dezember in evangelischen Kirchen der Altjahresabend gefeiert – der Name ist passend zum folgenden Neujahrstag gewählt.

Ein rein weltliches Ereignis

Für den Neujahrstag lässt sich ein biblischer Bezug finden, die Namensgebung und Beschneidung Jesu am achten Tag nach seiner Geburt (Lukas 2,22-40). Der Altjahresabend jedoch bezieht sich auf ein rein weltliches Ereignis, den festgelegten Wechsel des Kalenderjahrs. „Es ist zu einem Gottesdienstanlass geworden“, sagt Evelina Volkmann. Und sei deshalb fest im liturgischen Kalender verankert. Am 31. Dezember ist grundsätzlich ein Gottesdienst zu halten.

Im Vergleich zu anderen Feiertagen haben die Gottesdienste am Altjahresabend eine recht junge Tradition. Die Wurzeln liegen im 19. Jahrhundert, wie der Theologe Andreas Strauch schreibt. In der Stadt Goldberg in Schlesien hätte die Gemeinde schon seit 1822, erst ohne kirchliche Genehmigung, Silvestergottesdienste (bei Strauch heißen sie tatsächlich so) gefeiert, ab 1836 gab es dann eine rechtliche Grundlage dafür.

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Was die Gründe für den Gottesdienst zum Jahresende angeht, zitiert Strauch den Theologen Alexander Schweizer, der 1848 zusammenfasste: „Der Jahreswechsel wirkt so stark auf das Gemüth, dass er im Gottesdienst bestimmt berücksichtigt werden muss (…). Er predigt die Vergänglichkeit, den Fluss aller irdischen Dinge.“ Und weiter: „Er weckt durch die starke Hinweisung auf das Vergängliche das Bedürfnis nach dem Ewigen, welches im Lichte des Evangeliums darzubieten ist. Er regt das Gefühl an: Bis hierher hat der Herr geholfen, lasset uns ferner ihm vertrauen.“

Bilanz am Jahresende, Vergänglichkeit, Ewigkeit und Gottes Beistand: was Schweizer 1848 aufzählte, sind auch heute die Themen der Bibeltexte am Altjahresabend. Die Bilanz etwa in Matthäus 13,24-30, dem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, oder in Jesaja 51,4-6, wo Gott spricht: „Meine Arme werden die Völker richten“. Vergänglichkeit kommt bei der alttestamentlichen Lesung Prediger 3,1-15 („Alles hat seine Zeit“) zur Sprache. Auf die Ewigkeit weist Hebräer 13,8-9b hin („Jesus Christus gestern, heute und in Ewigkeit“). Und alle Texte behandeln Gottes Beistand, von Römer 8,31-39 („Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“) über den Tagesspruch Psalm 31,16 („Meine Zeit steht in deinen Händen“) bis hin zu 2. Mose 13,20-22, wo es um die Wolken- und die Feuersäule geht, die dem Volk Israel vorangeht. Zu all dem passt der Segens- und Vertrauenspsalm 121, mit seinem Endvers: „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“

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Das Evangelische Gesangbuch weist acht Lieder eigens für die Jahreswende aus, der württembergische Regionalteil noch einmal drei. „Die Lieder werden allesamt viel gesungen an den Gottesdiensten“, berichtet Evelina Volkmann. Ein Lied ist besonders beliebt, es findet sich mit zwei unterschiedlichen Melodien im Gesangbuch. „Von guten Mächten treu und still umgeben“, nach dem Gedicht Dietrich Bonhoeffers vom Dezember 1944. Ein Text aus dunkelster Zeit, der Gottes Beistand an der Schwelle eines neuen Jahrs besingt. Daneben erklingen auch Segenslieder wie „Nun danket alle Gott“ oder „Jesu geh voran“. Außerdem, erzählt Evelina Volkmann, singen viele Gemeinden am Altjahresabend Weihnachtslieder – schließlich gehört der Tag noch zum Weihnachtsfestkreis.

Neben den entsprechenden Liedern und Texten haben sich am Altjahresabend auch andere liturgische Traditionen etabliert. Die erste auffallende: Er ist neben Heiligabend und (inzwischen) dem Buß- und Bettag einer der wenigen Gottesdienste, der fest für die Abendstunden eingeplant ist. Zudem handele es sich in Württemberg nahezu flächendeckend um einen Abendmahlsgottesdienst, sagt Evelina Volkmann. Darin komme zum Ausdruck, dass viele das Bedürfnis hätten, schwere Dinge aus dem alten Jahr bei Gott zu lassen und unbeschwert ins neue Jahr zu gehen. Da helfe der Zuspruch der Vergebung im Abendmahl.

In vielen Gemeinden werde vor dem Fürbittengebet eine Art „Kirchliche Statistik“ verlesen, die Zahl der Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Bestattungen und Austritte. Eine Bilanz des Jahres der Kirchengemeinde, die dann in die Fürbitten eingeht. Eine andere Tradition mancherorts ist, dass die Gottesdienstbesucher Kärtchen mit Bibelsprüchen ziehen, quasi ihre „persönliche Losung“ für das kommende Jahr. Und da am Neujahrstag meist deutlich weniger Menschen den Gottesdienst besuchen als am Altjahrsabend, haben es sich viele Pfarrer angewöhnt, schon am 31. Dezember über die Jahreslosung für das kommende Jahr zu predigen. Oder noch einmal über die Losung des vergangenen Jahrs.

Kirchliche Bilanz zum Jahresende

Diese Mischung zieht offenbar. „In vielen Gemeinden kommen am Altjahresabend mehr Besucher als sonst, auch mehr Kirchenferne“, sagt Evelina Volkmann. Es kämen Familien, Konfirmanden der Vorjahre, Freundeskreise. In vielen Gemeinden spielen nichtkirchliche Musikensembles, wie der Musikverein oder die Stadtkapelle, die auch Leute mitbringen. „Viele haben das Bedürfnis nach einem Gottesdienst als spirituellen Abschluss des alten Jahres, um danach ins neue Jahr zu feiern.“ Viele Pfarrer gestalten diesen spirituellen Abschluss ganz bewusst still und meditativ. Bevor der Silvesterabend mit Ausgelassenheit und lautem Knall wartet.

Im vergangenen Jahr war der Altjahresabend für viele jedoch stiller, als ihnen lieb war. Ausgangssperren sorgten dafür, dass auch die Gottesdienste am 31. Dezember ins Digitale verlegt wurden oder ausgefallen sind. In diesem Jahr könnte es wieder ein wenig besser sein. Dennoch hat die Corona-Pandemie das Land weiter im Griff und damit auch die Gottesdienste zum Jahresende. Leider. „Wenn diese Gottesdienste wegfallen, geht ein emotional aufgeladener Moment zum Jahresende verloren“, sagt Evelina Volkmann. □