Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sprechstunden für Behinderte

REUTLINGEN – Geistig behinderte Menschen passen nicht in die von knappen Zeitbudgets bestimmten Arztpraxen. Oft sind ihre Krankheiten auch komplex. Das Medizinische Zentrum der Bruderhausdiakonie ist genau auf solche Patienten eingestellt. 


Das Medizinische Zentrum ist auf behinderte Menschen eingestellt. Bauda Aletta van Soest arbeitet dort als Ärztin. (Foto: Wolfgang Albers)


Herr A. hat schon einiges an Krankheiten abbekommen: eine Leukämie, Diabetes, Epilepsie. Herr A. lebt bei seinen Eltern, und die beunruhigt vor allem eine Veränderung in seinem Verhalten: Er fällt öfters hin und wird nicht nur vergesslicher, sondern auch aggressiver. Vor allem seinen Vater greift es auch körperlich an, einen schon betagteren Mann. Eigentlich wäre es ganz gut, wenn Herr A. in einer Wohngruppe leben und ein Arzt einmal seine aktuelle Entwicklung in Augenschein nehmen würde.

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Aber an wen sollen sich die Eltern wenden? An einen Allgemeinarzt? Gar nicht so leicht, da einen zu finden – denn Herr A. hat auch noch Trisomie 21, ist also geistig behindert. Damit passt er schlecht in das Zack-Zack-Schema, dem an ihr Budget gefesselte Arztpraxen heute unterworfen sind. Herr A. ist unruhig, er steht auch mal während einer Untersuchung auf und man muss ihn geduldiger fragen – finanziell gesehen ist er ein Verlustgeschäft.

Natürlich müsste Herr A. auch mal einen Psychiater sehen – wie viele in unserer Gesellschaft, die monatelang auf einen Termin warten. Und dann können Arzt und Psychiater zwar Ratschläge zur Wohnsituation geben – aber eher weniger mit Taten helfen.

Herr A. ist kein Einzelfall. Menschen mit geistiger Behinderung, vor allem, wenn sie komplex ist und zum Beispiel mit Geh- oder Sehproblemen verbunden ist, haben – das ist wissenschaftlich unstrittig – ein deutlich höheres Risiko, gesundheitlich nur unzulänglich versorgt zu werden.

Das sollte nicht sein. Auch Deutschland hat die UN-Behindertenrechts-Konventionen unterschrieben. Immerhin gibt es seit 2015 ein Gesetz, das im Gesundheitssystem „Medizinische Behandlungszentren für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen“ etabliert. Eines dieser Zentren hat kürzlich die Bruderhausdiakonie Reutlingen eröffnet, nachdem Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigung einer ersten Phase über drei Jahre zugestimmt haben.

Ziel ist es, sagt Gerold Renner, Leitender Arzt des Zentrums und Facharzt für Psychiatrie, Behinderten die medizinische Versorgung zu bieten, die sie im bisherigen System nicht oder nur schwer finden.

Auf ihrem Gelände an der Reutlinger Ringelbachstraße hatte die Bruderhausdiakonie schon die passende Immobilie: das ehemalige Heinrich-Landerer-Krankenhaus, eine ehemalige Fachklinik für Sozialpsychiatrie. Großzügige, helle, barrierefreie Räume bieten nun viele Untersuchungsmöglichkeiten, die Bauda Aletta van Soest koordinieren wird. Sie ist Fachärztin für Allgemeinmedizin mit dem Schwerpunkt Behindertenmedizin. Für Herrn A. bedeutet das, dass sie nicht nur seinen körperlichen Zustand abklärt (stolpert er etwa mehr, weil sich seine Sehkraft verschlechtert hat? Sind seine Grunderkrankungen schlechter geworden?), sondern auch Psychologen und Psychiater mit ins Team holt. Dazu gehören auch eine Ergotherapeutin und eine Sozialarbeiterin, die hilft, auszuloten, wie Herr A. den Schritt in eigene vier Wände schaffen kann. Und natürlich strebt das Zentrum die Kooperation mit weiteren Fachärzten und Kliniken an, will Lotse in einem Netzwerk sein.

Auf jeden Fall gilt, sagt Bauda Aletta van Soest: „Behinderte Menschen haben oft komplexe Probleme, und da muss ein komplexes Zentrum wie unseres die Antwort sein.“


Medizinisches Zentrum, Oberlinstraße 16, 72762 Reutlingen, Telefon 07121-2781400

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