Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sterben dürfen, aber in Würde

Organisierte und gewerbliche Sterbehilfe sind in Deutschland verboten. Dafür hat der Bundestag mit großer Mehrheit ein neues Gesetz verabschiedet, um das es im Vorfeld viele Debatten gegeben hat. ­Kirchen- und Diakonievertreter begrüßen das neue Gesetz. 


Ärzte haben eine große Verantwortung, und sie wollen Leben fördern. (Foto: epd-bild)

Kritiker halten die Formulierung des Gesetzes für unglücklich. Vor allem Palliativmediziner haben sich jetzt zu Wort gemeldet. Ein Arzt, der seinem Patienten eine Morphinpumpe überlässt, mit der er selbst das Schmerzmittel dosieren, vielleicht auch überdosieren kann, macht sich auch künftig nicht strafbar. Doch was ist, wenn mehrere seiner Patienten an einer Überdosis sterben. Könnte dem Mediziner dann der Vorwurf der Wiederholung gemacht werden? Dieter Kaufmann ist davon überzeugt, dass ein solcher Fall in den Ausführungsregelungen, die es zu jedem Gesetz gibt, festgelegt wird. Und er setzt auf die Verantwortung der Standesvertretungen der Ärzteschaft.

Insgesamt lagen dem Parlament vier Entwürfe vor. Sie reichten von einem Komplettverbot der Suizidhilfe bis zu einer ausdrücklichen Erlaubnis für Ärzte und Organisationen. Der Entwurf von Kerstin Griese (SPD), die zeitweise im Bundesvorstand der Diakonie in der EKD saß, und Michael Brand (CDU) bekam schließlich die Mehrheit.

Die Entscheidung für oder gegen Sterbehilfe ist deshalb so schwierig, weil dahinter auch die Frage steckt, ob es ein Recht gibt, sein Leben zu beenden. Etwa weil jemand schwerst krank oder unheilbar krank ist. Ja, sagt Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU). Er war bis 1983 Pfarrer und versteht sich ausdrücklich als evangelischer Theologe. Hintze und die Unterstützer seines Gesetzesentwurfs – alle Gegner eines strafrechtlichen Verbots der Sterbehilfe – argumentierten mit der Selbstbestimmung des Menschen. „Der Kern der Menschenwürde ist die Selbstbestimmung“, sagte Hintze. Für ihn gilt: „In der größten existenziellen Not eines Menschen sollte sich der Staat zurückhalten.“

Die Gruppe um Peter Hintze und Karl Lauterbach (SPD) hätte den ärztlich assistierten Suizid erlaubt. Voraussetzung: Der Patient muss eine organische Krankheit haben, die „unumkehrbar“ zum Tod führt. Doch das ärztliche Standesrecht verbietet Beihilfe zum Suizid. Das gehöre nicht zu den Aufgaben eines Arztes, betont Frank Ulrich Montgomery, der Präsident der Bundesärztekammer. Beihilfe zum Suizid sei keine Behandlungsvariante, sagt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Diakonie-Chef Dieter Kaufmann stimmt zu. Wenn Ärzten erlaubt werde, beim Sterben aktiv zu helfen, steige der Druck auf Ärzte und Patienten, dies zu tun.

In Belgien und in den Niederlanden und in manchen US-amerikanischen Bundesstaaten ist Sterbehilfe durch Ärzte erlaubt. In Belgien ist sie inzwischen eine ärztliche Dienstleistung. Sie gilt nicht nur für Krebskranke, sondern auch für psychisch Kranke und sogar für Kinder. In beiden Ländern ziehen Patienten nicht die passive Sterbehilfe, sondern die aktive vor. In Belgien nimmt die Zahl der Sterbewilligen zu: Im vergangenen Jahr waren es 1800 Todesfälle – ein Viertel mehr als zwei Jahre zuvor.

In Deutschland ist aktive Sterbehilfe als Selbstverständlichkeit kaum vorstellbar. Das hängt nicht zuletzt mit dem Nationalsozialismus zusammen, der zu wissen glaubte, was unwertes Leben ist. Dennoch stellt sich die Frage, warum Schwerstkranke aus dem Leben scheiden wollen oder noch lieber einen Arzt damit beauftragen wollen. Nach Beobachtung von Landesbischof July ist in den vergangenen Monaten der assistierte Suizid oft als letzter Ausweg präsentiert worden. Der Bischof betont, dass sich die Kirchen für andere Optionen wie den Ausbau der Hospiz- und Palliativmedizin und der Sterbebegleitung stark machen.

Dafür wurden im Bundestag am Tag vor der Verabschiedung des Sterbehilfegesetzes das Hospiz- und Palliativgesetz beschlossen. Man könne Menschen nicht die Angst vor dem Sterben nehmen, sagt Gesundheitsminister Hermann Gröhe: „Aber unerträglicher Schmerz muss nicht sein. Einsamkeit in der letzten Lebensphase muss nicht sein.“ Es werde deshalb die Beratung über Angebote verbessert, die viele Menschen noch gar nicht kennen. Zugleich werde ein flächendeckender Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung eingeleitet: „Wir wollen Menschen überall dort gut begleiten, wo sie sterben“, versicherte Gröhe.

Durch das Hospizgesetz sollen 200 Millionen Euro zusätzlich in die Finanzierung der über 200 Hospize, rund 1500 ambulanten Hospizdienste und der Palliativstationen in Deutschland fließen. Vor allem die Versorgung auf dem Land soll besser werden. Aktuellen Studien zufolge erhalten nur 30 Prozent der Sterbenden eine palliative Versorgung.

Und noch etwas kommt hinzu: Drei Viertel der Menschen wollen zu Hause sterben. Doch derzeit stirbt jeder zweite im Krankenhaus und 40 Prozent im Pflegeheim. Nimmt man diese Umfragen ernst, muss die Palliativ-Ambulanz ausgebaut werden.

Auch Dieter Kaufmann weiß, dass die Fragen zu Krankheit und Sterben viele Menschen beschäftigen. Deshalb seien Hospize so wichtig. Nach seiner Erfahrung haben Kranke, die in einem Hospiz stationär oder ambulant begleitet werden, selten den Wunsch, durch aktive Hilfe ihr Leben zu beenden. Für den Diakoniker muss deshalb auch in den Pflegeheimen der Personalschlüssel erhöht werden, damit Pflegerinnen mehr Zeit für die Patienten haben. Auch eine palliative Weiterbildung gehöre dazu. Die Durchsetzung dieser Forderungen wird die Verbände noch lange beschäftigen. Mit Material von epd