Christliche Themen für jede Altersgruppe

Stoffkörbchen als Jobstifter

TUTTLINGEN – 750.000 Tonnen Alttextilien geben die Deutschen jährlich in Altkleider-Container oder bringen sie etwa in Diakonieläden. Ein Teil davon kann wegen Abriebstellen, Flecken, Löchern und Ähnlichem nicht weiterverschenkt oder verkauft werden. Das Projekt „Buntgut“ macht aus diesen Textilien schicke Stoffkörbchen, Wickeltaschen und Ähnliches.  Von Anika Luz


Nähen und nebenbei Deutsch lernen: Flüchtlinge halten Smalltalk auf Deutsch und fertigen nebenher
Flaschentaschen. (Foto: Anika Luz)

Seit in dem ehemaligen Möbel-Ausstellungsraum des Diakonieladens Kaufkultur in einer Seitenstraße der Tuttlinger Fußgängerzone die Nähwerkstatt „Buntgut“ mit acht Nähmaschinen-Plätzen eingezogen ist, bleiben die Menschen neugierig am Schaufenster stehen. Viele kommen herein und fragen, ob sie schnell ein Hose enger nähen dürften, einen Nähkurs besuchen oder selbst veranstalten könnten.

So auch an diesem Mittwochmorgen. Die Deutschlehrerin und passionierte Näherin Annika Pohl steht am Flipchart, Faith und Blessing aus Nigeria und das koreanische Paar Kim Chol Nam und Choi Ok Zu sitzen am Nähtisch und hören ihr aufmerksam zu, versuchen, auf den Smalltalk mit ihr einzusteigen. Die kleine Tochter von Blessing sitzt auf dem Schoß von Praktikantin Lara Schafenort und zählt konzentriert Buntstifte zurück in die Verpackung „Eins, zwei, vier, sieben ...“ Der kleine Daniel mag lieber einfach nur neben seiner Mama sitzen.

Eine typische Szene des „Buntgut“-Projektes „Sprache und Nähen“. Initiiert wird das Angebot von der Caritas Tuttlingen, in Zusammenarbeit mit der Tuttlinger Diakonie. Zwei Mal wöchentlich besuchen Flüchtlinge, die Deutsch lernen und nähen wollen die „Buntgut“-Werkstatt. Auf dem Programm steht eine Stunde lockerer Deutschunterricht und eine Stunde Nähen. In der ersten Woche nach den Winterferien geht es um Silvester, dann werden aus Hemdärmeln Flaschentaschen genäht und die Marken und Etiketten angebracht.

Neben „Sprache und Nähen“ biete die Caritas ein offenes Angebot für Menschen, die etwas nähen oder ein Kleidungsstück ändern möchten, erklärt Ulrike Irion, Leiterin des Caritas-Zentrums Tuttlingen. Anmelden sollte man sich dafür schon, damit auch tatsächlich ein Nähplatz frei ist. Außerdem gibt es im Kreisklinikum Tuttlingen einen weiteren Arbeitsplatz, an dem Menschen mit besonderem Bedarf nähen.

Auf zwei Jahre ist das Projekt vorerst angesetzt. „Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer haben wir genug. Was wir dringend brauchen, sind Aufträge, zum Beispiel Geschenke von Kirchengemeinden an Ehrenamtliche oder Jubilare“, sagt Ulrike Irion.

Aus Gebrauchtkleidung werden so Utensilos – kleine Stoffkörbchen –, Taschen, Rucksäcke und ähnliches gefertigt. Die Kleidung kommt zum Teil aus direkten Spenden, zum Teil aus dem Diakonieladen: Textilien, die nicht verkauft werden können, weil beispielsweise an einem Hemd die Manschetten verschlissen sind, gingen bisher über den Dachverband „Fairwertung“ an ein bundesweites Netz von „sauberen“ Sammlern und Verwertern. Sauber, das bedeutet, dass alle, die an den Kleidern noch Hand anlegen, fair behandelt und entlohnt werden.

Das neu gestartete Projekt „Buntgut“ ermöglicht nun einen weiteren Zwischenschritt: Bevor die Kleidung an „Fairwertung“ weitergegeben wird, entnimmt das „Buntgut“-Team Kleidungsstücke, die sich zum Upcyceln,  also zum Kreieren neuer Produkte wie Utensilos, eignen. Der Rest geht wie gehabt weiter.

Die Diakonie ist auch der Haupt-Kooperationspartner der Caritas, bei dem zunächst auf zwei Jahre angesetzten Projekt. 2014 klopfte Ulrike Irion bei den Kollegen im gemeinsamen Caritas-Diakonie-Zentrum an, mit der Idee, sich im Bereich Upcycling zu engagieren.

Da Kleider ohnehin ein Diakonie-Thema sind, begleiteten die Mitarbeiter die Caritas fachlich, überlegten gemeinsam, wen man braucht, wo das Material noch herkommt und was man produzieren könnte. Der fachliche und informelle Austausch findet, begünstigt durch die räumlichen Nähe weiterhin unter einem Dach statt. „Das Upcycling von „Buntgut“ ist das I-Tüpfelchen in unserer Gebrauchtkleider-Wertschöpfungskette“, sagt Dennis Kramer, Geschäftsführer der Diakonischen Bezirks-und Kreisdiakoniestelle Tuttlingen.

Auf den zweiten Blick ist es weit mehr. Nämlich ein weiterer Mosaikstein auf dem Weg zu einer genossenschaftlich organisierten Sozialfirma, die Kramer mit weiteren sozial engagierten Menschen in der Region langfristig anvisiert. Diese Form der öffentlich geförderten Beschäftigung habe gegenüber anderen Modellen einige Vorteile, sagt Kramer: „Aus Pflicht zur Arbeit wird ein Recht auf Arbeit. Sein Leben selber zu finanzieren hat im Gegensatz zur Abhängigkeit von staatlichen Leistungen positive Effekte für das Selbstbewusstsein der Menschen. Mit seiner Arbeit einen Beitrag zu leisten führt zu einem positiveren Lebensgefühl.“

Drei Projekte, die mögliche Geschäftsfelder einer solchen Sozialfirma sein könnten, hat die Diakonie bereits am Laufen: In den beiden Tafelläden in Tuttlingen und Trossingen arbeiten 16 Ein-Euro-Jobber und sechs Hauptamtliche. In dem vor acht Jahren eröffneten Diakonieladen Kaufkultur wurden inzwischen vier Mitarbeiter aus der Langzeitarbeitslosigkeit übernommen. Über das Altkleider-Container-Projekt (wir berichteten im Gemeindeblatt in der Nr. 4/2015) wird die Arbeitsstelle eines vorher Langzeitarbeitslosen finanziert. Ein weiterer Arbeitsplatz soll laut Kramer Mitte des Jahres folgen. Bei der Caritas wird eine Honorarkraft für das „Buntgut“-Teilprojekt „Sprache und Nähen“ beschäftigt. Für zwei Ein-Euro-Kräfte laufen gerade Vorstellungsgespräche.

„Sollte sich die Gesetzeslage ändern wäre Tuttlingen gut aufgestellt“, sagt Dennis Kramer. Bis dahin fügen Diakonie und Caritas weiter unermüdlich Steinchen um Steinchen im großen Mosaikbild Vision Sozialfirma hinzu.


Informationen zum Projekt „Buntgut“ gibt es beim Caritas-Diakonie-Centrum, Ulrike Irion, Telefon 07461- 9697170, E-Mail: tuttlingen@caritas-schwarzwald-alb-donau.de.