Christliche Themen für jede Altersgruppe

Stückle dringend gesucht! - Alles andere als spießig.

Schrebergärten galten einmal als Inbegriff des Spießertums. Lange her. Heute sind Gartengrund-stücke aller Art wieder heiß begehrt – auch bei Jüngeren, die sich ums eigene Gemüsebeet kümmern wollen, Freude am Kirschenernten und am Imkern haben.

Ein Refugium für die Familie: der Garten der Oberbilligs. Platz für Gemüse gibt es reichlich. Foto: privat/ Daniel OberbilligEin Refugium für die Familie: der Garten der Oberbilligs. Platz für Gemüse gibt es reichlich. Foto: privat/ Daniel Oberbillig

Als Kind hat Daniel Oberbillig es geliebt, im Garten der Oma herumzustreunern. Fand es ganz normal, dass dort so viel Gemüse wuchs und das Kellerregal im Winter voll stand mit selbst eingeweckten Bohnen. „Nur mitbekommen habe ich von der Oma leider nichts über das Gärtnern“, sagt er. Großmutters Garten war ein Abenteuerspielplatz, kein Lernort. Ein paar Jahrzehnte später ist der freie Regisseur und Producer doch zum Gärtner geworden. Noch nicht so souverän wie die Oma damals, aber mit großer Freude und der Bereitschaft, auch Rückschläge locker wegzustecken. Wenn die Schnecken mal wieder über Nacht den Salat aufgevespert haben, wenn das Unkraut wieder schneller geschossen ist als die Keimlinge der Blütensamen. Aus Büchern, You-Tube-Videos und von kundigen Kolleginnen lernt er jetzt etwas übers Setzlingeziehen und das Ansetzen von Brennnessel-Jauche.

Der Wunsch nach dem eigenen Gärtle kam bei Daniel Oberbillig zeitgleich mit dem ersten Corona-Lockdown. „Da sind wir als Familie mit drei Kindern schon ziemlich aufeinandergehockt.“ Im eigenen Stückle in aller Freiheit in der Natur sein zu können, das Wachsen von Sonnenblumen und Cosmea zu erleben, die Roten Beete nicht mehr zu kaufen, sondern selbst zu ziehen: Diesen Traum haben derzeit viele. Pachtgärten sind zum raren Gut geworden. Das Erste, was Interessenten auf der Internetseite von Schrebergartenvereinen zu sehen bekommen, ist der Hinweis: „Die Warteliste ist geschlossen."

Gärtners Traum: das sommerliche Blütenmeer. Foto: adobe stock/ countrylensGärtners Traum: das sommerliche Blütenmeer. Foto: adobe stock/ countrylens

Die Familie Oberbillig lebt in Nagold. Selbst auf dem Land gehört Glück und Geduld dazu, ein Gartengrundstück zur Pacht zu finden. Das Angebot ist rar, so haben es die Oberbilligs erlebt. Der Garten, den Daniel mit seiner Frau hegt und pflegt, wurde auf Ebay-Kleinanzeigen angeboten, hat viele Interessenten angezogen und die meisten wieder abgeschreckt. Denn das Grundstück wurde jahrelang nicht gepflegt, die Brennnesseln standen meterhoch, umgestürzte Bäume lagen auf der Wiese, die Gartenhütte war marode.

„Uns hat diese Wildheit sofort gefallen“, sagt Daniel. Sie wieder einzudämmen, hat aber ziemlichen Einsatz gefordert: „Das erste Gartenjahr“, resümiert der Neu-Gärtner, „war körperlich schon hart.“ Aus toten Bäumen Brennholz machen, Schneisen in die Wildnis schlagen, sensen, sensen, sensen, alte Platten abtragen und den Boden umgraben für sechs große Beete: Schwerstarbeit. Mit ein bisschen Blümchenzupfen und den Zucchini beim Wachsen zusehen hatte das jedenfalls nichts zu tun. Apropos Zucchini: Allein in einer Woche wurden kürzlich knapp sieben Kilo reif. Freud und Leid des Kleingärtners liegen nah beieinander.

Ein Kröte im Garten? Herrlich!

Der schönste Platz im zwölf Ar großen Garten der Oberbilligs blieb bislang oft ungenutzt: die Hängematte, die am Flussufer der Waldach gespannt ist. Ein magischer Ort. „Wenn ich doch mal dort gelegen bin, habe ich tatsächlich völlig abgeschaltet, eine tiefe innere Ruhe gefunden“, sagt Daniel. Jetzt hat er sich vorgenommen, sich nicht mehr so viel vorzunehmen, keine To-do-Listen im Gartenjahr abzuarbeiten. „Wenn mir nach Rasen säen ist, dann mach ich das, wenn ich keine Lust habe, dann zwinge ich mich nicht“, sagt der 41-Jährige über seine Vorsätze.

Den Garten sieht er jedenfalls nach wie vor als Riesenbereicherung für sein Leben: „Hier in der Natur bin ich von so viel Schönheit umgeben – und wenn mir dann noch eine Kröte oder ein Schmetterling begegnet, freue ich mich den ganzen Tag daran!“

Begeisterter Bienenhalter: Julian Rettig in seinem Stückle. Foto: Dorothee Schöpfer

Begeisterter Bienenhalter: Julian Rettig in seinem Stückle. Foto: Dorothee SchöpferSind Honigbienen Haustiere? Eigentlich nicht. Aber doch Lebewesen, um die man sich als Halter kümmern muss. Julian Rettig macht das gerne: Allein was im Flugloch vor sich geht, ist für den 30-Jährigen wie Kino. Die zwei Bienenvölker, die der Fotograf seit dem Frühjahr hält, sind der wichtigste Grund, mindestens zweimal in der Woche in sein Stückle zu gehen. Ein handtuchschmaler Garten mit ordentlich Steigung, ein paar Bäumen und einem kleinen Gartenhaus am Ortsrand von Stuttgart-Weilimdorf. Von dort aus versteckt sich die Stadt hinterm Wald, der Blick geht weit ins Grüne bis zum Schloss Solitude. Tief durchatmen und einfach schauen. In die Weite oder ins Flugloch.

Seit Jahren hat Julian Rettig damit geliebäugelt, Bienen zu halten. Aber erst seit er einen Garten hat, gibt es die eigenen Völker. Sein Stückle hat er nicht über eine Anzeige gefunden. Es gehört der Mutter eines WG-Mitbewohners, der die Arbeit zu viel wurde. Die Obstbäume, die man schneiden und ernten muss, die Wiese, die zu mähen ist, die Hecken, die im Herbst eingekürzt werden müssen, damit es keinen Ärger mit dem Nachbarn gibt. Für Julian ist der Aufwand überschaubar. „Würde der Garten mir gehören, würde ich vielleicht noch mehr machen. Jetzt geht es darum, den Zustand zu erhalten, dass nichts kaputtgeht.“

Die Kirschen, die es in diesem Jahr reichlich gab, konnte Julian nicht alle ernten: zu hoch, zu ausladend die Äste. Es waren immer noch genug. Nachbarn und Freunde haben vom Erntesegen profitiert und es gibt eingemachte und eingefrorene Kirschen. Jetzt sind die Pflaumen reif, bald gibt es Äpfel. Gute Nachrichten für den Freundeskreis. □

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