Christliche Themen für jede Altersgruppe

Tanz durchs Leben - Neues Glück im Alter

Mit 74 wurde sie Witwe und lernte nach der Trauerphase ihre Ungebundenheit zu schätzen. Ein neuer Mann? Auf keinen Fall. Aber dann kam die Liebe doch noch zurück zu dieser älteren Dame, die ihre Geschichte gern erzählt, aber anonym bleiben möchte.

Foto: FSHH, pixabayFoto: FSHH, pixabay

Am 1. Juli zieht sie aus. Aus ihren eigenen vier Wänden, die sie mehr als 30 Jahre bewohnt hat mit ihrem Mann. Ganz im Süden Baden-Württembergs, ein Katzensprung von der Schweiz entfernt. Wenn man in ihrem Alter nochmal umzieht, dann eigentlich ins Seniorenheim. Wenn man aber wie sie gerade total verknallt ist, dann schon lieber dorthin, wo man eh mittlerweile die meiste Zeit verbringt. In „sein“ Haus mit Garten. Ihr Haus wird ihre ledige Tochter übernehmen, wenn sie demnächst in Rente geht. Mama wohnt dann bei ihrem Lover.

Nervös? „Nein, eigentlich nicht“, sagt die 81-Jährige. Vor sieben Jahren ist ihr Mann gestorben. „Es dauert lange, bis man das überwunden hat. Aber man kann sich ja auch nicht nur hinsitzen und warten. Und eigentlich war ich immer gerne unter Leuten.“ Sie begann mit Seniorentanz. Nur Frauen. Dann schloss sie sich einer Strickgruppe an. Nur Frauen. „Ältere Damen. Ich weiß, ich bin ja auch eine.“ Aber ihr war’s halt zu wenig.

Weil da keine Männer drin waren? „Neeeein“, schießt es aus ihr heraus. „Ich hatte eigentlich genug und auch ganz laut verkündet: Nie wieder einen Mann. Einmal reicht. Ich war 55 Jahre lang verheiratet. Und wenn man verheiratet ist, dann ist man gebunden, kann nicht einfach machen, was man will.“

Sie war noch nicht ganz 19 Jahre alt, als sie heiratete. Ende der 50er. Jetzt wollte sie erstmal viel unterwegs sein. Mit einer Bekannten reiste sie herum. „Aber wenn man nach Hause kommt, ist man halt doch alleine.“

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Eigentlich war es der Termin bei ihrem Hausarzt, der am Ende dazu führte, dass sie heute ihr Schicksal kaum glauben kann. Nach dem Tod ihres Mannes fragte der sie nämlich, wie es ihr gehe, was sie so mache. Er berichtete davon, dass er zum Paartanzen in einen Tanzclub gehe, wo man Standardtanzen lernen könne.

„Musik war schon immer meins. Mein Mann wollte nie tanzen.“ Jetzt suchte sie sich also einen Tanzclub. Ganz ohne Tanzpartner. „Einer war aber über.“ Er wurde herumgereicht an all die männerlosen Frauen. Ein Jahr älter als sie war dieser Tänzer. Und tanzte seit 30 Jahren – „wahnsinnig gerne.“

Zwei Jahre vergingen. Dann war das Christoph-Walter-Orchester aus der Schweiz in der Gegend und wollte ein Konzert geben. „Da wollte ich unbedingt hin!“ Doch wie? Sie hatte kein Auto, konnte auch nicht Auto fahren. Sie brauchte also einen Chauffeur. „Ich habe ihn gefragt, ob er mitkommen wollte.“ Er wollte. „An dem Abend, das war so ein tolles Orchester, so ein toller Abend und da hat’s dann halt gefunkt.“ Sie lacht. Geniert sich.

Zwei Jahre lang hatte sie sich ja bereits in seinen Armen übers Parkett bewegen lassen. Angeblich ganz ohne Funkenflug. „Da war nix. Gar nix. Überhaupt nix.“ Dann dieser Abend. Zwar gab es noch keinerlei Berührungen während des Konzerts, keinen Arm, der sich plötzlich um ihre Schultern legte, keine Hand, die sich auf dem Oberschenkel des anderen ausruhte. Und erst recht auch kein Küsschen. Aber …

„Er hat mich nach Hause gebracht und wollte eigentlich wieder fahren.“ Wie es sich gehört. Doch dann rutschte es ihr einfach heraus: „Er solle doch noch mit reinkommen.“ Ließ er sich nicht zweimal drum bitten. Sie erzählt vorsichtig: „Und ja, dann haben wir uns umarmt und …“ Sie bricht ab. Und? Geküsst? Peinliches Lachen. Schließlich gibt sie schüchtern zu: „Ja.“ Pause. Pause. Pause. „Was soll ich sagen, das hat mich halt einfach auch überrannt. Das gibt’s halt.“ Sie lacht.

Sie führt das alles auf die Musik zurück. „So ein tolles Konzert! Fantastisch!“ Die Lieder, die Klänge, die Unbeschwertheit. „Irgendwas lag in der Luft. Er sagt, es war Fügung.“ Sie bedauern, dass jetzt ja alles tot sei, keine Konzerte. „Aber sobald Christoph Walter wieder spielt, sind wir dabei.“

Streicher, Orchester. Foto: Pexels, pixabayFoto: Pexels, pixabay

Am 2. Januar 2017 war das mit ihnen beiden. „Das Datum werde ich nie vergessen.“ Seither tanzen sie nicht nur miteinander. Seither darf’s auch gerne ein bisschen mehr sein.

Die Hemmungen hat er ihr genommen. „Und er ist einfach lieb und nett. Er ist nicht fordernd. Er schimpft nicht.“ Sie sei eine „ganz einfache Frau vom Land“, war nirgendwo. „Aber er ist ein Bayer. Und war Fotograf.“ Das fand sie sehr interessant. Kurzum: „Was Besseres hätte mir nicht passieren können.“

Auch wenn der offizielle Umzug erst im Sommer ist. Sie schwärmt: „Wir haben einen riesengroßen Garten und wenn schönes Wetter ist, können wir die Alpen sehen! Im Wohnzimmer, schon zum Frühstück. Ich liebe das so bei ihm und sage ständig: Ich habe das Paradies auf Erden.“

Dort wollen sie so lange leben, wie ihr Partner noch Auto fahren kann. Dann geht’s ins Seniorenheim. Einen gemeinsamen Platz haben sie sich schon reserviert. Romantik im Alter. Doch das kann dauern. Denn ihr Hormoncocktail und das Tanzen halten jung. „Je nachdem, welche Musik kommt, kann es passieren, dass wir nachts um zwölf Uhr schnell einen Tanz machen – Discofox, Rumba, Cha Cha Cha …“ Sie lacht wieder. „Uns zwei geht’s so gut. Und manchmal haben wir fast Angst, weil es uns so gut geht.“ □