Christliche Themen für jede Altersgruppe

Tanz in die Vergangenheit

FACHSENFELD (Dekanat Aalen) – Singen und Tanzen sind Synonyme für Lebensfreude – und die ist besonders wichtig in belastenden Situationen. Das Tanzcafé „Vergissmeinnicht“ bietet gesunden und an Demenz erkrankten Menschen genau dafür den Rahmen. 


Im „Vergiss­meinnicht“ treffen sich sowohl Demenzerkrankte als auch gesunde Menschen zum gemeinsamen Tanz. (Foto: Jens Eber)


Beschwingte Akkordeonmusik erklingt an diesem Donnerstag aus dem Saal des Olga-von-Koenig-Hauses in Aalen-Fachsenfeld. Zwei Dutzend Senioren bewegen sich lachend und singend in einer Polonaise durch den Raum, am Ende stehen sie sich wie bei einem höfischen Tanz gegenüber, verbeugen sich und üben den Hofknicks. Die Stimmung ist fröhlich, beinahe ausgelassen. Freude spiegelt sich in den Gesichtern der Menschen wider.

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Kaum minder bewegt sind davon die Angehörigen, wenn sie erleben, wie ihre Lieben beim Hören der Schlager aus vergangenen Tagen aufblühen. Für viele der Frauen und Männer, die an diesem Tag hier singen und tanzen, gibt es im Alltag nämlich viele Herausforderungen: Sie leiden an Demenz in unterschiedlichen Abstufungen. Vieles, was ihr Leben einst bestimmt hat, geht ihnen verloren, zahllose Erinnerungen verschwinden. Für Betroffene und ihre Angehörigen ist das ein belastender Prozess.

Dem will das Tanzcafé „Vergissmeinnicht“ in Fachsenfeld ein wenig Linderung entgegensetzen. Einmal im Monat kommen hier an Demenz Erkrankte, Angehörige und musikbegeisterte Menschen zusammen und schwelgen in den Klängen ihrer jungen Jahre. „Musik bleibt vielen für immer im Kopf, sie spricht jeden an“, sagt Gerlinde Herkommer, Pflegedienstleiterin der Sozialstation Abtsgmünd. Sie organisiert mit Kolleginnen seit 2005 das Tanzcafé.

Tanzen, erklärt Herkommer, verbindet Rhythmusgefühl, Koordination, gegenseitige Achtsamkeit und Kommunikation. Das unterhalte die Senioren nicht nur prächtig, sondern könne sogar neue Verbindungen im Gehirn schaffen und somit die Demenz ein klein wenig aufhalten. „Es ist auch wichtig, dass Angehörige da sind und die Menschen einmal in dieser anderen Situation erleben“, sagt Herkommer.

Im Schnitt zwischen 20 und 50 Besucher kommen ins Tanzcafé „Vergissmeinnicht“, das im halbjährlichen Wechsel im evangelischen Olga-von-Koenig-Haus und im katholischen Gemeindehaus Fachsenfeld stattfindet. Da Letzteres dieses Jahr neu errichtet wird, ist das Café ganzjährig zu Gast bei der evangelischen Kirchengemeinde.

Herkommer ist froh über die Unterstützung der beiden Kirchengemeinden, die dem Tanzcafé ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen und somit das kostenlose Angebot überhaupt erst ermöglichen. Hinzu kommt eine kleine Schar ehrenamtlicher Helferinnen, die die Besucher zum einen mit Kaffee und selbstgebackenen Kuchen bewirten, aber auch beim Tanz mit dabei sind. Ohne Musik würde das Tanzcafé nicht funktionieren – und auch hier kann sich das Vergissmeinnicht-Team auf ehrenamtliche Unterstützung verlassen. Eine ganze Reihe von Musikern hat sich bereit erklärt, einmal pro Jahr für einige Stunden für Unterhaltung zu sorgen.

An diesem Tag im Februar sind es Gertrud Barth und Silvia Kralik, die sich mit ihren Akkordeons an der Stirnseite des Raumes postiert haben. Noch vor Beginn kommen einige der regelmäßigen Gäste auf die beiden Musikerinnen zu, um zu plaudern. Ein munterer Herr verrät, dass er seine Mundharmonika wieder dabeihabe und auch noch ein klein wenig spielen werde. Mehr als 300 Lieder habe er im Kopf, erzählt er lächelnd. Doch dann ruft Gerlinde Herkommer zum Beginn, begrüßt die Gäste, trägt ein humorvolles Gedicht vor und leitet zur Polonaise über, bevor sich die Senioren mit Kaffee und Kuchen stärken können.

„Es ist immer wieder interessant, wie die Menschen auf Musik reagieren“, sagt Herkommer. Mögen noch so viele Erinnerungen im Zuge der Erkrankung verloren gehen: Die Schlager der Jugend sind oft noch vorhanden – und erzeugen die gleichen positiven Gefühle wie einst. So erzählt Silvia Kralik von einer Dame, die einmal kam und fragte, ob sie den „Schneewalzer“ spielen könnten. Natürlich konnten sie es – sehr zum Vergnügen der Dame. Gleich darauf kam sie mit derselben Frage wieder – und so spielten sie den Walzer eben noch ein zweites und drittes Mal.

„Uns ist es wichtig, Demenz aus der Tabuzone zu holen und den Menschen in Würde zu begegnen“, erklärt Gerlinde Herkommer. Wie gut das gelingt, lässt sich an diesem Tag an den Gesichtern der Menschen ablesen.


Informationen bei der Sozialstation Abtsgmünd, Telefon 07366-96330, ­E-Mail: info@sst-abtsgmued.de

 

 

 

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