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Tanzen als Gebet - Interview mit Kantor Gerd Kötter

Der bayerische Kirchenmusiker und Kantor Gerd Kötter gilt deutschlandweit als einer der renommiertesten Lehrer für meditativen Tanz. Unter dem Titel „Bach getanzt“ bietet er deutschlandweit Seminare und Fortbildungen an.

Wie kamen Sie als Kirchen- und Schulmusiker zum meditativen Tanzen?

Gerd Kötter: Nach meinem Studium für Kirchenmusik an der Stuttgarter Hochschule war ich zum Schluss meiner aktiven Berufszeit viele Jahre Kantor der Münchner Gemeinde St. Lukas. Bei mir war immer der Wunsch, die geistliche Musik, die ich mit meinen Chören gesungen habe, auch tanzen zu können.

Ein Kantor, der tanzt?

Gerd Kötter: Aber ja! Tanzen ist neben dem gesprochenen und gesungenen Wort eine weitere Form von Lobpreis, Meditation und Gebet. Über eine Ausbildung in Sacred Dance bei Friedel Kloke-Eibl kam ich schließlich zum meditativen Tanz.

Wie ist es zu Ihrem Projekt „Bach getanzt“ gekommen?

Gerd Kötter: Mich reizten die Bach-Kantaten, weil sie allesamt komplexe Kunstwerke mit einer deutlichen religiösen Botschaft sind. Diese tiefen Botschaften über den Glauben auch jenseits der Musik – mit alternativen Ausdrucksmöglichkeiten – zu vermitteln, war mir ein Anliegen.

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Welche Stücke haben sie ausgewählt?

Gerd Kötter: Auf der Grundlage der wunderbaren Musik von Bach biete ich inzwischen selbst viele Seminare mit meditativem Tanzen zu Werken von Bach an, wie zum Beispiel zu den Bachkantaten „Himmelskönig, sei willkommen“, „Wer nur den lieben Gott läßt walten“, zum Magnificat („Meine Seele erhebt den Herren“) oder zu Auszügen aus der Johannespassion.

Sind Bach-Stücke denn überhaupt geeignet fürs Tanzen?

Gerd Kötter: Ja, das ist ganz erstaunlich. Denn Bach hat seine Musik überhaupt nicht für das Tanzen komponiert. Es war damals eine ganz andere Zeit. Trotzdem eignet sich Bach perfekt für meditative Tänze; ich möchte sogar behaupten, dass sich viele theologisch komplizierte Bilder, die Bach in seiner Musik aufgegriffen hat, im Tanz mehr aufschlüsseln als nur beim Zuhören. Und: Meditativer Tanz berührt den Menschen in seiner Gesamtheit und offenbart die Begrenztheit der verbalen Sprache.

Tanzen im Gottesdienst, geht das überhaupt? Wie passt das denn zusammen?

Gerd Kötter: Bestens, als Kirchenmusiker habe ich für diese Thematik richtig Feuer gefangen. Denn das Tanzen eröffnet neue Ausdrucksmöglichkeiten, die weit über die sprachliche Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes hinausgehen. Alle Gefühle – von der Freude bis zur Klage – finden ihren stärksten Ausdruck in der Körperlichkeit, in der Gesamtheit des Leibes. Bachs Musik mit ihrer starken Bildhaftigkeit und ihrer intensiven Motorik transportiert dies besonders gut.

Kantor Gerd Kötter brennt für das meditative Tanzen. Foto: Martina Groh-Schad, SternenfabrikKantor Gerd Kötter brennt für das meditative Tanzen. Foto: Martina Groh-Schad, Sternenfabrik

Doch wie sieht das in der Realität aus?

Gerd Kötter: Die Frage ist berechtigt. Meditativ getanzt wird eher in festen Gruppen oder bei Seminaren und Fortbildungen. Mit fallen da gerade beeindruckende Seminare ein wie „Die leere Martinskirche“ in Sindelfingen mit einer getanzten Bachkantate, bei der der Chor und die Gemeinde beteiligt waren, oder ein sehr schönes Seminar in Weikersheim. Gemeinsam mit der dortigen Kantorin haben wir Auszüge aus der Johannespassion getanzt. Das Besondere dabei war, dass auch eine Schülergruppe des dortigen Gymnasiums teilgenommen hat, mit viel Freude.

Wird in Gottesdiensten überhaupt getanzt? Oder sieht man das doch nur bei großen Ereignissen, wie Kirchentags-Gottesdiensten?

Gerd Kötter: Ich empfehle, hierfür eher Sondergottesdienste zu veranstalten, denn dann kommen auch nur Leute, die Lust darauf haben. Das ist wie mit einem Gospel-Gottesdienst. Auch die sind zwar schön, aber wenn ich keine Lust darauf habe, dauernd mitzuklatschen, und nur zufällig in diesem Gottesdienst gelandet bin, dann habe ich auch keine Freude daran. Erschwerend hinzu kommen die festen Kirchenbänke: Tanzen braucht Raum, und den kann nicht jede Kirche bieten. Fast alle Gemeindehäuser dagegen schon.

Wo sehen sie derzeit weitere Grenzen für meditatives Tanzen in der Kirche?

Gerd Kötter: Nun ja, Kirchentanz hat bei uns keine lange Geschichte. Zu unserer Tradition gehört vielmehr der Abstand zum Leiblichen; nur in Klöstern und bei den Sufis, die eine Gottesbegegnung durch Trance herbeiführen, gab es vereinzelt Kirchentanz. Dazu kommt, dass viele Menschen dem meditativen Tanzen gegenüber einfach Abwehr und Unsicherheiten haben, der Körper verrät dies natürlich. Deshalb kann meditatives Tanzen immer nur ein Angebot darstellen. Wer sich drauf einlässt, spürt in der Regel schnell, dass sich ihm die Musik und deren Aussagen durch Bewegung viel besser und über den ganzen Körper erschließen. Und dass dies unglaublich gut tut. Eine andere Grenze gibt es derzeit leider Gottes ja auch noch: Durch das Coronavirus fallen alle Kurse bis auf Weiteres aus.

Wer tanzt meditativ?

Gerd Kötter: Das ist schnell gesagt: Die Teilnehmer sind eher weiblich und in gutem Alter. Meditativ getanzt wird ohne Vorkenntnisse – und ohne besondere Kleider. Eines meiner jüngsten Seminare wurde unter dem Titel „Bach getanzt ohne Ballettschuhe und ohne Tütü“ angekündigt.

◼ Internet: www.gerdkoetter.de

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