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Tanzen und Schweben - Schwellensituationen: Gewalt und Flucht

Seit über fünf Jahren befindet sich Ariana Garcia (Name geändert) auf der Flucht vor Zwangsehe und Gewalt. Ihre Vergangenheit verfolgt sie immer noch – doch langsam tastet sie sich an ihr neues Leben heran. Und lernt, mit der Schwellensituation umzugehen.

Ariana befindet sich seit Jahren im Schwebezustand. Den Kontakt zu ihrer Familie hat sie abgebrochen.(Foto: Torsten Köster)

An den Tag ihrer Flucht erinnert sich Ariana Garcia (Name geändert) noch genau. Es war sechs Uhr morgens, ein kalter, regnerischer Wintertag, als sich die 16-Jährige aus dem Bett quälte. Viel später als geplant – und nur knapp entging sie der Begegnung mit ihrer Mutter, die an diesem Tag glücklicherweise später als gewohnt aufstand.

In Windeseile griff Ariana nach den Tüten und Taschen, die mit den wichtigsten Habseligkeiten gefüllt waren: etwas Kleidung, ihre heißgeliebte Kamera, der Laptop, Tüten mit Schulheften und Büchern. Hastig rannte sie los, sah noch, wie sich hinter ihr die Haustüre öffnete, eilte weiter, über eine Brücke, bis sie ihr Ziel erreichte. Erst als sie im Auto ihrer Lehrerin saß, die schon auf sie gewartet hatte, ließ die riesige Anspannung ein kleines bisschen nach. Sie spürte, wie der Glaube an die Freiheit Gestalt annahm.

Fünf Jahre später sitzt Ariana auf einem bunt gemusterten Sofa in einer hellen Altbauwohnung. Der großzügig geschnittene Raum einer öffentlichen Beratungsstelle liegt inmitten eines angesagten Stadtviertels. Hier, in der neutralen Umgebung, fühlt sich Ariana sicher. Mit offenem Blick beginnt die schlanke junge Frau mit den kurzen, dunklen Haaren zu reden, zwischendurch huscht ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht, das durch große goldene Ohrringe eingerahmt wird.

Flucht vor Zwangsehe und Gewalt

Die 21-Jährige erzählt ihre Geschichte, die mit der Kindheit in Niedersachsen begann. Von den Eltern, die in jungen Jahren vor dem Krieg im Irak flüchteten. Auf der Flucht vor Zwangsehe und Gewalt nach Deutschland auswanderten. Dort eröffneten sie einen Dönerladen, anfangs mit großem Erfolg. Doch die fremde Umgebung überforderte die Familie, mit der Sprache und dem Land tat sie sich schwer.

Früher als geplant kamen die ersten Kinder auf die Welt: zunächst zwei Töchter, obwohl sie sich von Anfang an sehnlichst einen Jungen gewünscht hatten. Erst später folgte ein Sohn, dann noch eine Tochter. Ariana schlüpfte als Kind und Jugendliche ganz in die Rolle eines Jungen. Sie lehnte weibliche Kleidung ab, schnitt sich die Haare kurz.

Ihr Vater, selbst als Waisenkind aufgewachsen, ließ seinen Frust häufig an ihr und den drei Geschwistern aus. Die Mutter hatte den Schlägen und Drohungen ihres Mannes nichts entgegenzusetzen und passte sich hilflos der gewalttätigen Erziehung an. Auch sie wurde von ihm misshandelt.

Die Eltern lebten streng religiös, nach jesidischer Tradition. Sie verboten ihren Töchtern den Umgang mit anderen Männern, sperrten die Mädchen ein und schufen in der Familie ein Klima der Angst und Rivalität. „Wir Geschwister haben untereinander gewettet, wer der Erste von uns ist, der zu Tode geprügelt wird“, sagt Ariana heute.

Sie spricht mit ruhiger, sachlicher Stimme, schildert, wie durch die Situation das Verhältnis zwischen ihr, den beiden Schwestern und ihrem Bruder stark belastet wurde, da keine von ihnen den Druck aushielt. Wie ihr Vertrauen in Menschen von klein auf so zerrüttet war, dass sie es nicht schaffte, freundschaftliche Beziehungen zu anderen Kindern aufzubauen.

„Ich hab mich schon immer anders gefühlt als die anderen, war widerspenstiger als meine Geschwister“, sagt sie. „In der Familie, im Kindergarten und in der Schule war ich ständiger Außenseiter.“

In jungen Jahren litt sie unter ihren schiefen Zähnen, fühlte sich hässlich und von den anderen ausgegrenzt, andererseits musste sie nachmittags und abends sowieso zu Hause bleiben. In ihrem Zimmer tanzte sie vor dem Spiegel und träumte von einem anderen Leben. Tage, an denen der Vater spät von der Arbeit kam, waren gute Tage. Doch auch die ungewohnte Ruhe ertrugen die Kinder kaum. „Die Spannung wurde so groß, dass wir von selbst anfingen, Krawall zu schlagen“, beschreibt es Ariana.

Das Leben in der Familie als Gefängnis - Gewalt und Unterdrückung

Die Wochenenden waren bestimmt von Verwandtenbesuchen, die ihr endlos und langweilig erschienen. Ein Ausbruch aus der Familie, die ihr wie ein Gefängnis vorkam, war für Ariana nicht in Sicht. Trotzdem hoffte sie weiter, schmiedete heimlich Fluchtpläne. „Ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass es irgendwann klappen würde.“

Die Situation spitzte sich zu, als sie zur jungen Frau heranreifte und eines Tages mitbekam, wie ihre Mutter Flugtickets für eine Reise in den Irak buchte. Für Ariana, die inzwischen das 16. Lebensjahr erreicht hatte, stand fest, dass sie und ihre Schwester dort zwangsverheiratet werden sollten.

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Als ein paar Tage später in ihrer Schule ein Fotoprojekttag anstand und sich die Lehrerin über ihre fehlende Begeisterung wunderte, brach alles aus ihr heraus und sie vertraute sich ihr an. Zusammen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer Beratungsstelle planten sie die Flucht. Ariana landete nach kurzen Zwischenaufenthalten in Baden-Württemberg. Dort lebte sie zunächst in einem Schutzhaus, einer Wohngruppe für verfolgte Migrantinnen, und später in einer eigenen Wohnung.

Schwebezustand nach der Flucht

Für Ariana ist es ein Schwebezustand, in dem sie sich seit fünf Jahren befindet. Der Austausch mit den anderen betroffenen Frauen gibt ihr Halt, sie hat inzwischen einen Alltag für sich gefunden: Seit zwei Semestern studiert sie und beschäftigt sich intensiv mit Medien.

Ariana wird immer wieder vom Schatten ihrer Kindheit eingeholt. (Foto: picture-alliance)

Die Vergangenheit ist jedoch immer noch präsent, Tag für Tag. Vor allem zu Beginn ihres neuen Lebens, nach der Flucht, brachen die Situation und ihre damit verbundenen Gefühle mit voller Wucht über sie herein. „Es war wie ein Asteroid, der auf mich zugerast kam“, beschreibt sie es.

Den Kontakt mit der Familie hat sie abgebrochen, vor zwei Jahren das letzte Mal mit ihrer Mutter telefoniert. Diese hat sich bei ihr entschuldigt für das, was den Kindern angetan wurde. Ariana zuckt mit den Schultern. „Sie tut mir leid, mehr Gefühle habe ich meiner Familie gegenüber nicht.“ Immerhin habe es ihre Mutter geschafft, sich scheiden zu lassen. Der Ausbruch ihrer Tochter spielte dabei eine entscheidende Rolle. „Sie meinte, sie ertrage es nicht, nochmal ein Kind zu verlieren.“

Sollte ihr Vater, „mein Tyrann“, wie sie ihn nennt, nicht mehr leben, wäre das eine riesige Erleichterung für sie. „Wahrscheinlich würde ich trotzdem die eine oder andere Träne vergießen, auch wenn er es nicht wert ist.“ Nur ihren kleinen Bruder, für den Ariana Mutterersatz war, vermisst sie manchmal. Doch auch zu ihren Geschwistern hat sie jegliche Verbindung abgebrochen.

Gewalt hinterlässt Spuren: Panik, Depression, Schwebezustand

Vor ein paar Wochen hat sich Ariana ihre Haare wieder einmal raspelkurz abrasieren lassen. Es fällt ihr schwer, zu ihrer Weiblichkeit zu stehen. Nach wie vor leidet sie unter starken Ängsten und Albträumen. Szenen aus der Vergangenheit tauchen regelmäßig auf, immer wieder bekommt sie Panikgefühle beim Gedanken, ihre Familie könnte sie aufspüren.

Sie kämpft mit periodisch wiederkehrenden depressiven Phasen; eine chronische Krankheit, die vor zwei Jahren festgestellt wurde, macht ihr zu schaffen. Die junge Frau hat nach wie vor Probleme, sich auf verbindliche Freundschaften einzulassen. Doch Ariana stellt sich ihren Problemen und ihrer Vergangenheit, versucht, mit Hilfe von Psychologen ihre Situation von außen analytisch zu betrachten, an sich zu arbeiten.

Regelmäßig übt sie das, wovor sie am meisten Angst hat: anderen Menschen in die Augen zu schauen, ihnen Komplimente zu machen, einen Witz zu reißen oder über ihre Gefühle zu sprechen. Sie lernt, sich selbst gegenüber gnädig zu sein, es sich nicht übel zu nehmen, „wenn ich mal komisch reagiere“.

Trotzdem fällt es ihr schwer, den Schwebezustand, in dem sie sich befindet, auszuhalten. „Es fühlt sich an, als ob ich mich 24 Stunden am Tag auf einer Schwelle befände“, beschreibt sie es. In ihrem Leben gebe es nur schwarz und weiß. „Dabei möchte ich auch Grauzonen haben.“

Gewalt und Flucht und der Glaube an Freiheit

Um dahin zu kommen, konzentriert sie sich auf sich selbst und ihre Stärke, die sie aus ihrem Innersten schöpft. „Ich habe einen großen Willen und weiß: Irgendwann werde ich der Mensch sein, der ich sein möchte.“ Das Tanzen, eine große Leidenschaft, hilft ihr, zu sich selbst zu finden. Aber auch ihre Kreativität und die Freude an Kunst und Fotografie geben ihr Kraft. Ebenso der Austausch mit anderen Studierenden, zu denen sie erste schüchterne Kontakte geknüpft hat.

Ihre Zukunft sieht Ariana klar vor Augen: Möglichst bald will sie aus Deutschland auswandern. Am liebsten in die USA – erst mal für ein Praxissemester oder um nach dem Studium dort zu arbeiten. Manchmal schafft es die 21-Jährige, ihre Ziele so für sich zu visualisieren, dass in ihr Bilder mit blitzartigen Sequenzen aus der Zukunft aufsteigen.

Einmal sieht sie dabei sich selbst Ballett tanzend in einem großen, hellen Raum mit Dielenboden, hohen Fenstern und Spiegeln. In einer anderen Szene läuft sie mit hochhackigen Schuhen und Sonnenbrille durch eine lebhafte, sonnige Stadt. Mit einem Gefühl des tiefen Glücks, der Stärke und Unabhängigkeit.

Ariana ist fest davon überzeugt, dass sich diese Bilder bewahrheiten werden. Zumal sie erste Erfahrungen damit gemacht hat, wie es sich anfühlt, wenn ein jahrelang gehegter Traum schließlich in Erfüllung geht. Die braunen Augen funkeln, als sie von ihrem ersten Mac-Computer erzählt, den sie sich vor ein paar Monaten gekauft hat. Mit dessen Hilfe konnte sie ihre grafischen Ideen erstmals richtig umsetzen.

Um den Rechner zu finanzieren, hat sie neben ihrem Studium gejobbt und um Spenden geworben. Für Ariana ist der Schwebezustand erst beendet, wenn sie in einem anderen Land einen zweiten Neuanfang wagen darf. Weit weg von ihrer Familie, den Ozean zwischen sich und ihrer traumatischen Vergangenheit.

Bis dahin gibt sie sich selbst den Rat: „Vergiss nie, was du erreichen möchtest, lass dich nicht von deiner Angst lähmen. Denn egal, was passiert: Ich habe immer noch mich selbst – und das ist das Wichtigste im Leben.“

Buch-Tipp

Wie an der Schwelle eine neuen Lebens. Evangelisches GemeindeblattFranciska Bohl: „Wie an der Schwelle eines neuen Lebens“.

Umbrüche – zehn hoffnungsvolle Lebenswege.

Edition Evangelisches Gemeindeblatt 2020, 14,95 Euro.

ISBN 978-3-945369-91-3.


Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-21 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de

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