Christliche Themen für jede Altersgruppe

Tasten, suchen undsich Zeit nehmen

TÜBINGEN – Sie sind der Ruhepunkt in einer Klinik: die Krankenhauskapellen. Die Augen­klinik und die Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Tübingen nutzen seit Januar eine Kapelle zusammen. Ein Besuch bei der Klinikseelsorgerin Beate Schröder.

Beate Schröder ist Klinikseelsorgerin in Tübingen
Beate Schröder ist Klinikseelsorgerin und geht oft erst einmal in die Kapelle, bevor sie die kranken in ihren Zimmern besucht (Foto: Gemeindeblatt)

Es ist irgendwie symbolisch: das Glasfenster hinter dem Altar der Klinikkapelle mit seinen fragmentierten Farbflächen, mit den wie eingeritzten Umrissen eines Kreuzes. Das künstliche Licht, das die Glasfläche erst sichtbar macht. Es drückt aus, wie tastend, wie suchend und auch wie offen Seelsorge in einer Augen- und Hals-Nasen-Ohren-Klinik (HNO) sich gestaltet. Es zeigt auch, mit wie vielen Facetten des Lebens Klinikseelsorgerin Beate Schröder in Berührung kommt. Und es zeigt, wie sehr alles im Wandel ist.

Seit sieben Jahren ist Pfarrerin Beate Schröder schon in den Tübinger Kliniken unterwegs. Und auch die Kapelle selbst ist schon gewandert. Von der HNO-Klinik musste sie an einen neuen Standort umziehen. Altar, Glasfenster, Stühle, Tabernakel pilgerten im Januar dieses Jahres mit und dienen jetzt nicht nur den Kranken aus der Hals-Nasen-Ohren-Klinik, sondern auch den Augenpatienten.

Der neue Standort, direkt neben der Cafeteria: Auch er ist symbolisch zu sehen. Da, wo das Leben sich abspielt, die Besucher sich mit ihren Angehörigen treffen, wo gegessen und geplaudert wird, dort befindet sich auch der Eingang in die Kapelle. Und wer um einen kleinen Vorsprung ums Eck geht, betritt dann auf einmal einen geschützten lichtdurchfluteten Raum mit vielen Fenstern, aber auch weißen Vorhängen davor.

„Direkt hinter der Cafeteria.“ Diese Wegbeschreibung ist schon hilfreich, meint Klinikseelsorgerin Beate Schröder. Auf diese Art und Weise finden doch immer mehr Menschen den Weg in die Stille, und aus ganz unterschiedlichen Motiven: Es sind Menschen, die sich als Christen verstehen, aber auch Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind oder ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Glauben haben. „Es hat auch oft etwas Tastendes“, sagt die Pfarrerin. Und sie findet, dass sich all das in dem Kunstwerk hinter dem Altar widerspiegelt.

Auch Beate Schröder setzt sich gerne in die Kapelle, bevor sie ihren Gang durch die Stationen antritt. Es ist ihr Ruhepol, an dem sie die Losungen liest oder einen Psalm betet. Ihre Rolle im Klinikbetrieb sieht sie so: „Ich bin diejenige, die Zeit hat“, sagt sie. Vieles im Krankenhaus sei hektisch, der Patient dagegen müsse warten. „Wenn ich ins Zimmer komme, signalisiere ich: Ich habe Zeit.“ Der Patient könne dann selbst entscheiden, ob die Seelsorgerin bleiben soll oder nicht.

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Aber sie ist nicht nur diejenige, die Zeit hat. „Ich stelle mich auch als Pfarrerin vor“, sagt sie. Denn ob ausgesprochen oder unausgesprochen, „etwas Drittes“, wie sie es nennt, sollte mit ihr mitgehen: der Heilige Geist, Gott oder einfach die religiöse Dimension. Denn auch wenn sie offen für alle Patienten sein will, bietet sie auch an, einen Psalm mit jemandem zu beten oder ein Lied zu singen. „Die Reaktionen“, sagt Beate Schröder, „sind unterschiedlich.“ Manche sagen Nein, manche nehmen das Angebot gern in Anspruch. „Es schafft dann eine intensive Atmosphäre.“

Der Wandel gehört zur Klinikseelsorge dazu. In den sieben Jahren hat sich einiges verändert. „Auch ich“, vermutet sie. Ebenso  das Gesundheitswesen. Der Druck auf die Pflegenden, für die Beate Schröder auch immer wieder Ansprechpartnerin ist, nehme zu. Die Seelsorgerin findet: „So kann es nicht weitergehen. Ein Krankenhaus dürfe keine Fabrik sein, „die gesunde Menschen produziert“. Der Staat müsse da mehr investieren. In ihrer Arbeit erlebt sie oft  Hilfsbedürftigkeit und viel seelische Not.

Die Konfession spielt am Krankenbett dagegen keine große Rolle mehr, erzählt die evangelische Pfarrerin. Wenn jemand die Krankenkommunion möchte, dann wird natürlich der katholische Kollege gerufen. Aber ansonsten kümmern sich die Seelsorger ökumenisch um alle, auch in einer 24-Stunden-Rufbereitschaft. Vorsichtig ist sie bei Muslimen, damit ihr nicht Mission unterstellt wird. Daher gibt es inzwischen auch ehrenamtliche muslimische Krankenhausseelsorger, die bei Bedarf angerufen werden können. Und in der Kapelle liegen Gebetsteppiche und Kippas bereit.

Meistens geht Beate Schröder auf ihren Stationen von Zimmer zu Zimmer, stellt sich vor, tastet nach Gesprächen und trägt viele Schicksale mit sich, die sie manchmal belasten, aber oft auch bereichern. „Es ist eine Chance für die Kirche“, findet sie. Ablehnung erfährt sie nur selten. Aber sie lernt viele unterschiedliche Welten kennen – so wie die fragmentierten Farbflächen auf dem Glaskunstwerk mit dem Kreuz.

Weitere Information über die Klinikseelsorge in Tübingen finden Sie unter: www.klinikseelsorge-tuebingen.de