Christliche Themen für jede Altersgruppe

Theaterspielen auf Augenhöhe

HEILBRONN – Sie sind voller Begeisterung dabei und spielen ungezwungen darauf los: Menschen mit und ohne Behinderung bilden die inklusive Theatergruppe „Das sind wir“ und führen gemeinsam ihr erstes Theaterstück auf. Das Projekt der Offenen Hilfen Heilbronn profitiert von der Persönlichkeit jedes Einzelnen.  Doch aus Kostengründen muss das Projekt vorerst eingestellt werden. 

Die Zuschauer werden auf eine Reise durch verschiedene Alltagsszenen entführt. (Foto: Astrid Link)

Der Zug kündigt sich durch lautes Zischen an, wie die früheren Dampfloks, bevor er in den Bahnhof einfährt. Für die täuschend echte Geräuschkulisse sorgt der Künstler Cafer mit seiner Stimme und dem Mikrofon. Sein Einsatz nennt sich „Beatbox“ – und der macht ihm sichtlich Spaß. Nachdem alle Passagiere eingestiegen sind, setzt sich die Bahn in Bewegung, begleitet von den typischen Lautsprecherdurchsagen.

Die Reise durch Alltagsszenen beginnt. Dabei verwandelt sich das Gewölbe des Heilbronner Deutschhofkellers in einen Schauplatz kurioser, fröhlicher, aber auch ernster Lebensmomente. Dort treffen sich glückliche und unglückliche Menschen, erzählen von Freud und Leid, ihren Hobbys, ihrer Familie oder was sie sonst bewegt. Jogger kommen vorbei, Hundehalter und auch Diebe.

Musikalische Einlagen überraschen die Reisenden, wie das Saxofon-Solo von Lino oder sein mitreißender Flamenco mit Gitarrenbegleitung von Monika. Auch das Flötenduett von Judith und Werner begeistert die Mitreisenden. Zwischendurch legt der Zug einen Notstop ein und alle werden durcheinander geschüttelt. Dann geht die Fahrt wieder los. Man liest, strickt, telefoniert, unterhält sich. Wie im wahren Leben.

Zwölf theaterbegeisterte Menschen zwischen 10 und 65 Jahren, sieben mit und fünf ohne Behinderung, gehören zum inklusiven Theaterensemble „Das sind wir“, das jetzt sein erstes Stück aufgeführt hat.

Unterstützt werden sie von den Schauspielern Udo Grunwald und Natasa Rikanovic vom Heilbronner „Theater Radelrutsch“, die bereits Erfahrungen mit ähnlichen Projekten machten. „Das ist jedes Mal anders. Man kann nicht so viel planen, muss viel mehr improvisieren als bei nicht-inklusiven Theatergruppen, weil jeder der Mitspielenden auch seine Individualität auslebt. Da muss man flexibel reagieren“, erzählt Udo Grunwald.

Die etwa eine Stunde dauernde Aufführung haben alle miteinander entwickelt. Ein vorgeschriebenes Drehbuch gibt es nicht. Entstanden ist eine Collage, deren wechselnde Alltagsszenen vom Charakter jedes Einzelnen leben.

Die meisten besitzen keine Schauspiel-erfahrung, aber alle sind mit Feuereifer dabei. So wie Elisabeth Kreuzer, Pädagogin bei den Offenen Hilfen und Betreuerin der behinderten Theaterkollegen. „Am Anfang mussten wir alle erst den Auf- und Abgang von der Bühne üben. Da sollte das Selbstbewusstsein gestärkt werden. Das war gar nicht so einfach“, erklärt sie.

Verpasst jemand seinen Einsatz, spricht zu leise oder reagiert emotional, ist das kein Drama. Es muss nicht alles perfekt sein, sondern soll in erster Linie Spaß machen. „Das Theaterspielen gibt jedem nach seinen Möglichkeiten einen Platz“, erklärt Projektleiter Florian Spissinger von den Offenen Hilfen. Er ist sich sicher: „Die Menschen finden nur einen Bezug zueinander, wenn sie sich auf Augenhöhe begegnen, nicht ausgegrenzt werden und ein Team bilden.“ Dass das funktioniert, ist bei dem Theaterprojekt offensichtlich. „Das macht so richtig Spaß, das Theater spielen“, ruft Lino und Kollege Timo nickt heftig. Die anderen schließen sich an und sind sehr traurig, dass das Projekt aus Kostengründen erst einmal eingestellt werden muss: Die Förderung über 4000 Euro von der Aktion Mensch ist aufgebraucht. „Wir hoffen, dass wir bald einen Sponsor finden, denn das hier ist wirklich gelebtes Miteinander, echte Inklusion“, sagt Florian Spissinger. Und Cafer lässt nochmal seine ­Beatbox ertönen. Die Reise ist vorbei. 

Information

Die Offenen Hilfen Heilbronn verstehen sich als Partner für Menschen mit geistiger Behinderung und deren Familien im Stadt- und Landkreis Heilbronn. Sie sind eine gemeinnützige GmbH und Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg. Zu ihren Gesellschaftern gehören unter anderem die Evangelische Stiftung Lichtenstern und die Beschützende Werkstätte Heilbronn.

Die Offenen Hilfen bieten Freizeit- und Bildungsaktivitäten, familienunterstützende Dienste und zeitlich begrenzte Projekte verschiedenster Art an. Alles mit dem Hintergrund, ein selbstverständliches Miteinander von Menschen mit und ohne Handicap zu erreichen. Mehr Auskunft gibt es im Internet unter der Adresse www.oh-heilbronn.de und unter Telefon 07131-582220.