Christliche Themen für jede Altersgruppe

Toleranz statt Spaltung - Gräben überwinden durch Versöhnung

Die Corona-Krise hat zum Teil tiefe Gräben zwischen den Menschen entstehen lassen. Viele sprechen inzwischen von einer gespaltenen Gesellschaft, in der unterschiedliche Wahrnehmungen und Wahrheiten aufeinandertreffen. Wie kann Annäherung gelingen? Darüber machen sich immer mehr Menschen viele Gedanken.

Einander die Hände reichen: Versöhnung muss erst auf persönlicher Ebene gelingen, dann kann auch die Spaltung in der Gesellschaft überwunden werden. Foto: adobe stock/ scorpsnakesEinander die Hände reichen: Versöhnung muss erst auf persönlicher Ebene gelingen, dann kann auch die Spaltung in der Gesellschaft überwunden werden. Foto: adobe stock/ scorpsnakes

Der Umriss zweier Hände, die sich in festem Griff drücken. Beide enthalten eine Spritze als Symbol, die eine ist rot durchgestrichen. „Einfach Freunde bleiben. Egal welchen Status man hat“, steht in Großbuchstaben darüber. Darunter: „Das ist das Wichtigste.“ Die Schwarz-Weiß-Skizze, die auf die Entfremdung zwischen corona-geimpften und -ungeimpften Menschen anspielt, kursiert in den sozialen Netzwerken; bei Twitter etwa unter dem Hashtag „#wirlassenunsnichtspalten“. Vereinzelt entdeckt man auch auf Straßen Plakate mit dieser oder ähnlicher Botschaft.

Ein eher seltenes Bild – wer ansonsten nach versöhnlichen Appellen Ausschau hält, wird nicht so leicht fündig. Verantwortliche aus Politik, Wirtschaft und Kirche überschlagen sich mit Aufrufen zur Impfung gegen Covid-19, der Druck, mit dem auf die Dringlichkeit des „kleinen Pieks“ hingewiesen wird, nimmt zu.

Evangelischer Kirchenrat Jörg Schneider. Foto: Privat

Doch wie auch nach der Pandemiezeit wieder Brücken zwischen Familien und Freunden, die sich teilweise fremd geworden sind, neu gebaut werden können, spielt bislang noch eine untergeordnete Rolle. Dabei scheint vieles, was die Menschen miteinander verbunden hat, durch unterschiedliche Auffassungen vom Umgang mit der Pandemie in den Hintergrund gerückt zu sein.

Ein Grund hierfür liegt für Jörg Schneider, Kirchenrat für das Referat „Theologie, Kirche und Gesellschaft“, im zunehmenden Schubladendenken. „Heutzutage wird immer zuerst kategorisiert. Doch der andere ist in erster Linie ein Mensch und damit ein Geschöpf Gottes. Man sollte die Person und die Werte, für die der andere steht, voneinander trennen.“

Beides würde oft miteinander vermischt. „Man kann unterschiedlicher Meinung sein, sich auf sachlicher Ebene angreifen – aber jeder ist ein Individuum und das gilt es, zu respektieren.“

Jörg Schneider tut sich mit dem Begriff „Spaltung“ schwer, für ihn klingt das zu unversöhnlich. „Ich würde es eher als Spannungen und Konflikte bezeichnen, die sich momentan innerhalb der Gesellschaft abzeichnen.“ Viele Gegensätze, die schon vorher angelegt gewesen seien, würden jetzt deutlicher zutage treten.

Person und Werte trennen

Der 51-Jährige beobachtet, dass viele Menschen aufgrund der Pandemie in ihren Grundfesten erschüttert sind. Scheinbar feste Gewohnheiten wie etwa das Händeschütteln zur Begrüßung brechen weg, täglich neue Verordnungen aus der Politik erfordern, sich ständig an die Situation anzupassen. In vielen Bereichen, wie etwa im Homeoffice, muss erst eine Routine abseits der gewohnten Strukturen gefunden werden „Das sorgt für Verunsicherung. Viele haben das Gefühl, nur reagieren anstatt agieren zu können. Da gilt es, die eigenen Kräfte des Gleichgewichts zu finden.“

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Wer selbst verunsichert ist, hat oft nicht die notwendige Energie, sich auf andere einzulassen oder sich mit komplizierten anstatt einfachen Wahrheiten auseinanderzusetzen. Für Jörg Schneider lohnt es sich trotzdem, immer wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Und den Fokus auf das zu legen, was einen verbindet. Das sei aus kirchlich-christlicher Sicht unabdingbar. „Man sollte sich selbst zurücknehmen und dem anderen mit seiner Meinung, seinen Emotionen mehr Platz einräumen. Etwas geduldiger und demütiger werden.“

Und den Blick dafür öffnen, dass hinter manchen Aussagen etwas ganz anderes stecken kann, als auf den ersten Blick vermutet wird: „Wenn jemand den anderen fragt, ob er geimpft ist, muss das nicht übergriffig oder kategorisierend gemeint sein. Es kann auch in fürsorglicher Absicht geschehen.“

Entfremdung. Abstand. Foto: adobe stock/BanepnuOft wird die Meinung des anderen auf wenige Punkte reduziert. Dadurch fühlt man sich voneinander entfremdet. Foto: adobe stock/Banepnu

Jörg Schneider sieht die Gesellschaft momentan in einem großen Prozess, aus dem sie lernen kann. Er blickt bereits voraus. „Im Moment ist manches noch eine große Herausforderung. Doch wenn wir in sechs oder sieben Jahren zurückschauen, erkennen wir vielleicht, dass wir durch die Krise damals toleranter geworden sind.“

Angst verengt das Gehirn

Auch Tilman Gerstner beschäftigt sich intensiv mit den zwischenmenschlichen Entwicklungen seit Corona. Der Theologe und Mediator beobachtet, dass sich viele Menschen bedroht fühlen – sei es durch das Virus selbst oder durch die Maßnahmen, die zur Eindämmung des Virus getroffen werden. Dazu komme die Angst vor Armut, vor Verlust der eigenen Existenz. Daher rühre die Konfliktsituation. „Wenn das eigene Leben in Frage gestellt wird, gehen Menschen von Natur aus in den Kampf-, Flucht- oder Resignationsmodus“, erklärt der 53-Jährige.

Angst verbindet also beideTilman Gerstner, Theologe, Mediator. Foto: Privat Seiten miteinander, oft sind es dieselben Werte, die beiden wichtig sind. Nur die Vorstellung, welcher Weg zum Ziel führt, ist unterschiedlich. „Zumal es auf beiden Seiten komplex denkende Menschen gibt, die versuchen, Verantwortung für die Gesamtsituation zu übernehmen – aus  der Perspektive, die sie eben haben.“

Doch Angst verengt das Gehirn. „Wir geraten in einen Tunnelblick und es fällt schwer, uns in die Perspektive eines anderen zu versetzen.“ Das Denken werde auf ein paar wenige Punkte reduziert, was ein Schwarz-Weiß-Denken zur Folge habe. Ein Ansatz ist für Gerstner daher, erst einmal zu lernen, mit den eigenen Ängsten umzugehen – um damit die Basis für Versöhnung zu legen.

Um Konflikten auszuweichen und die Beziehung nicht zu gefährden, so erlebt er es, wird das Thema Corona in vielen Begegnungen einfach ausgespart. Für den systemischen Berater ist das jedoch keine wirkliche Annäherung. Die könne nur gelingen, wenn Betroffene das Thema bewusst als ungelöstes Problem thematisieren. Und dann besprechen, wie sich dieses entschärfen und trotzdem gemeinsam ein gutes Leben führen lässt.

Für Balance zu sorgen ist für ihn entscheidend, um die verhärteten Fronten auf gesellschaftlicher Ebene zu lösen und sich auf Augenhöhe zu begegnen. Dabei sieht er die Kirche in der Pflicht, unterschiedliche Meinungen wahrzunehmen und zu respektieren. „Wir als Kirche können es uns nicht leisten, Menschen auszuschließen. Deshalb müssen wir dem anderen zuhören.“ Das stärke das Vertrauen – und Vertrauen ist für ihn wiederum der Schlüssel, um Angst und Misstrauen zu überwinden.

Auch Tilman Gerstner sieht in der gegenseitigen Toleranz zwischen Geimpften und Ungeimpften, zwischen Maßnahmenbefürwortern und -gegnern, eine große Herausforderung. „Wichtig ist, sich einzugestehen: ,Meine Wahrheit ist nicht die ganze Wahrheit – wir brauchen aber eine gemeinsame Lösung, um miteinander auszukommen.‘ “ Beide Seiten, sagt er, haben aus ihrer jeweiligen Perspektive Recht – aber sie wählen unterschiedliche Ansätze, um das Problem in den Griff zu bekommen. „Das zu akzeptieren, ist der Weg zur Versöhnung.“ □