Christliche Themen für jede Altersgruppe

Traut dem Leben! - Mut fassen, ein Erfahrungsbericht.

Alles wird wieder gut, so tröstet man Kinder. Dass das nicht so einfach ist, lernen sie, wenn sie älter werden und ganz andere Erfahrungen machen. Wie kann man dann angesichts von persönlichem Leid, von Kriegen und Flucht noch Mut fassen?

Ein Erfahrungsbericht.

Angesichts von Krieg und Flucht ist es manchmal schwer, zu hoffen. Foto: adobe stock/ pronoia

Der einäugige König unter den Blinden – dieses Bild kam mir, als ich um diesen Text gebeten wurde: Engagiert in der Friedensarbeit unserer Landeskirche und als Friedensbeauftragter meines Kirchenbezirkes verfüge ich durchaus über ein differenziertes Gedankengebäude zu Krieg und Frieden und in diesen Tagen zu dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine.

Der einäugige König? Schon einen Augenblick später war mir klar: Was für ein albernes Bild! Du bist Blinder unter Blinden, denn deine Augen haben den Krieg nicht gesehen und ganz nebenbei bist du nicht der Einzige, der sich schon ein paar Gedanken zu Pazifismus und friedensethischen Fragen gemacht hat. Das große Privileg, in einer prosperierenden Bundesrepublik aufzuwachsen, im Elternhaus gewollt und geliebt zu sein, als jugendlicher Wessi einem Deutschland bei der Wiedervereinigung zuzuschauen, nachdem die Ossis mutig mit Kerzen in der Hand und Freiheit in den Sinnen die Effektivität zivilen Widerstandes eindrucksvoll dokumentiert hatten, dieses Privileg wurde mir zuteil. Und so gepampert soll ich nun über das Heil(-werden) der österlichen Auferstehungshoffnung in Krisen- und Kriegszeiten schreiben? Nach einem längeren „Hmmmmmm“ im Kopf kommen dann doch Gedankensplitter zueinander.

Mut in den Brüchen des Lebens

Ich mit meinen Augen nicht, aber mein Vater mit seinen hat den Krieg gesehen. Wir haben als Familie vor einigen Jahren den schlesischen, heute polnischen Ort besucht, von dem aus er Hals über Kopf mit den Eltern fliehen musste, als er so alt war wie sein jüngster im Frieden lebender Enkel heute. Von einem Tag auf den anderen der Heimat entrissen. Diese Herkunftsgeschichte und die mit ihr gewachsene Abscheu gegenüber (rechts-)extremistischen Gesinnungen hat sich tief in meinem Herzen verankert – Herz und Kopf hatten in jungen Jahren gelernt, wogegen sie sind.

Als Christenmensch wurde mir dann im Hören der Geschichten von Weihnachten, Ostern und Pfingsten mehr und mehr deutlich, wofür dieser Jesus von Nazareth stand und worin er mir leuchtendes Vorbild bis heute ist: Die Geschichte des leeren Grabes am Ostermorgen ist eine Geschichte für Liebhaber des Lebens, sie ist eine Geschichte des Mutes, in der uns gesagt wird: „Fürchtet euch nicht!“ Weihnachten, Pfingsten – genau dasselbe: Habt Mut! Traut dem Leben! Vertraut dem Gott, der ins Leben ruft und der unsere Toten birgt.

Ja, das ist schön und könnte so auch gerne in einem erbaulichen Büchlein stehen, das unsere hochaltrigen Gemeindeglieder oftmals zu ihren Geburtstagen bekommen. Doch unterschätzen wir nicht die hochaltrigen Gemeindeglieder: Sie sind es, deren Augen den Krieg sehen mussten. Sie sind Experten gebrochener Biografien, auch religiöser Biografien. Wer als frommer junger Mensch heute Lieder singt, in denen Gott lieb und groß ist, wer voller Vertrauen im Gebet Jesus anredet wie ich meine alten Kumpels, mit denen ich öfters ein Wochenende in den Bergen verbringe, dem und der gönne ich das von Herzen und daran ist nichts falsch.

Doch diese Lieder, diese Gebete sind diesseits des Bruches, der einem jeden Menschen früher oder später im Leben widerfährt. Jahrzehnte des Friedens in Europa – blenden wir das Kriegsverbrechen in Srebrenica und den dazugehörigen Krieg Mitte der 90er-Jahre hier einmal aus –, stetig wachsender deutscher Wohlstand: Das hat historisch betrachtet weit über dem Durchschnitt vielen Menschen ermöglicht, eine Biografie gestalten zu können, die so schnell keine Risse und Brüche bekommt. Wieder: Was für ein Privileg! Was für ein schönes Privileg! Auch ich habe in meiner behüteten Jugend so gesungen und gebetet und stehe stellvertretend für viele, die sich damit nicht begnügten, sondern durchaus diakonische und politische Schlüsse aus ihrem Christsein zogen und sich – Stichwort „Fridays for Future“ – früh klarmachten, dass wir uns ökologischen Kipppunkten nähern, die theologisch nicht fertig bearbeitet sind, indem man den lieben Gott einen guten Mann sein lässt.

Nun treten die Brüche, die Liebhabern des Lebens nicht egal sein können, immer offener zutage: Es ist Krieg – in Europa. Es gibt immer schon Kriege, denen Menschen zu entkommen versuchen und dabei unter anderem Deutschland auf ihrer inneren Sehnsuchtskarte markieren. Und es gibt immer schon Menschen, denen Übles widerfahren ist, deren Fundamente durch das Leben erschüttert wurden.

Durch Mark und Bein wurde mein eigenes Fundament erschüttert, als ich vor einigen Jahren meine Frau und die Mutter meiner Söhne am Ende einer Krebserkrankung auf ihrem letzten Gang zum Grab zu begleiten hatte. Ich kann die Lieder und Gebete diesseits des Bruches nicht mehr singen und sagen, doch ich habe Erfahrungen damit gemacht, dass auch sehr tiefe Seelenwunden heilen können und das Leben sich immer und immer neu Bahn bricht.

Wunden können heilen

Eine, nein, die Geschichte vom Leben schlechthin ist die des leeren Grabes: Gegen alle unsere Erfahrung und Kenntnisse wird hier das Leben gegen den Tod behauptet. Klar können wir postmodern und säkular aufgeklärt darauf bestehen, dass diese und all die biblischen Geschichten der Hoffnung doch nur der Versuch sind, der letzten Wahrheit, nämlich der des Todes, zu entkommen. Das kann man als Atheist vor dem Herrn so behaupten und ich persönlich habe inzwischen keinen besonderen Ehrgeiz mehr, das Gegenteil beweisen zu wollen. Stattdessen lese ich die Geschichten der Liebhaberei des Lebens weiter, suche und finde Lieder, die meine Ohren und Lippen gerne haben, teile sie in Gottesdiensten und Konzerten mit anderen Menschen, die ihre Brüche und auch ihre Freude darin erkennen können. Ringe um Worte in manchem Gebet und erkenne, dass demütiges Schweigen eine sehr aufrichtige Form des Gebetes sein kann.

Heil in Krisenzeiten? Nicht alles wird heil und der Tod hat aus menschlicher Sicht nun einmal das letzte Wort. Aus menschlicher Sicht! Das sollten wir uns gegenseitig nicht mit ein paar Floskeln in Abrede stellen, die ja immer Ausdruck der Hilflosigkeit, und, na ja, vielleicht gerade darin schon wieder aufrichtig sind. Doch einander sagen, mit Worten, Tönen und Taten und gerne auch in Gottes Namen: „Fürchte dich nicht!“ – ich glaube, das macht heil. So jedenfalls habe ich es oft schon erfahren dürfen und dem verdanke ich eines der schönsten Gefühle, die uns Menschen zuteilwerden: tiefe Dankbarkeit für das Leben. Drum fröhliche Ostern, liebe Leserinnen und Leser!

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◼ Stefan Schwarzer ist zweiter Vorsitzender der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden in Württemberg (EAK).