Christliche Themen für jede Altersgruppe

Trommeln auf der Empore

Popsongs in der Kirche – das ist längst kein Tabu mehr. Das zeigt auch die Musikwerkstatt „Popmusik trifft Kirche“ in Vaihingen an der Enz. Die meisten Kantoren und christlichen Popularmusiker begrüßen die Entwicklung. Nur über das Miteinander von traditioneller und moderner Kirchenmusik gehen die Meinungen manchmal noch auseinander. 


Popmusik macht Spaß - und bedeutet harte Arbeit. So wie hier, beim Keyboard-Workshop von Kilian Haiber. (Foto: Frank Lutz)

Das Zusammenspiel von Orgel und Cajón ist ein Höhepunkt der ersten Musikwerkstatt „Popmusik trifft Kirche“ in Vaihingen, an der rund 65 haupt- und ehrenamtliche Kirchenmusiker aus der Region und darüber hinaus teilnehmen. Der harmonische Groove auf der Empore der Stadtkirche ist aber auch das Ergebnis harter Arbeit: Seit dem Vormittag haben sich die Workshop-Teilnehmer mit den Referenten Attila Kalman und Daniel Jakobi vorbereitet und gelernt, wie man das klassische Kircheninstrument und das Perkussionsinstrument gemeinsam im Gottesdienst einsetzen kann, um eine moderne Kirchenmusik zu schaffen.

Denn genau das ist ein Hauptziel der Musikwerkstatt: „Wir wollen einen Brückenschlag zwischen klassischer Musik und Popmusik versuchen“, erklärt Bezirkskantor Hansjörg Fröschle, der das große Musikertreffen federführend organisiert hat. Fröschle beschäftigt sich seit Jahren mit Popmusik. Zwar ist der heute 56-Jährige ein klassisch ausgebildeter Kirchenmusiker, aber schon als Jugendlicher hat er die Lieder im Konfirmationsunterricht auf der Gitarre begleitet, in Bands gespielt und Konzerte von Gospelchören und christlichen Popgruppen besucht. Längst als Kirchenmusiker tätig, absolvierte er eine zweieinhalbjährige  Zusatzausbildung in Popularmusik an der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung  in Trossingen. Spätestens dort wurde ihm klar: „Popularmusik ist ein total ernstzunehmendes Genre. Sie ist eine Weiterentwicklung der Klassik.“

Während seiner inzwischen 30-jährigen Tätigkeit als Bezirkskantor habe er von Beginn an versucht, Popularmusik zu verbreiten, berichtet Fröschle. Neue Lieder singe er zuerst zusammen mit der Gemeinde und begleite sie auf der Gitarre. Zwar beklagten sich einzelne Kirchgänger über das laute Schlagzeug oder hätten ihm anfangs vorgeworfen, sich mit der Gitarre vor der Gemeinde in den Vordergrund rücken zu wollen. Trotzdem sagt Fröschle: „Ich habe keine größeren Widerstände erlebt. Neue Lieder und Popmusik werden auch von älteren Leuten sehr positiv aufgenommen, wenn man sie einführt.“ Und: „Widerstände gegen Popularmusik gibt es eher im städtischen Raum mit seiner klassischen Hochkultur.“

Viel bewegt für die Akzeptanz der Popularmusik habe der neue Rektor der Hochschule für Kirchenmusik Tübingen Christian Fischer, der unter anderem den Pianisten Patrick Bebelaar als Dozenten für Jazz und Pop angestellt hat. Und Michael Schütz, früher Dozent an der Hochschule und heute Pop-Kantor in Berlin, bilde seit Jahren Kirchenmusiker weiter, mache sie mit Popmusik vertraut.

Schütz leitet an diesem Tag einen Keyboard-Workshop in der evangelisch-methodistischen Friedenskirche. Blues-Pianospiel, das Basteln eigener Rhythmen für das Klavier, deren Übertragung auf die Liedbegleitung sowie eine kurze Einführung in verschiedene Stile wie Samba, Swing, Pop und Rock stehen auf dem Programm. „Popmusik ist ursprünglicher, reicher und größer als Klassik und bewegt sich mehr“, sagt der 51-Jährige. „Sie bietet Vielfalt, Freiheit durch die Improvisation, Niederschwelligkeit, einen hohen Bekanntheitsgrad und dadurch einen direkten Zugang für viele Menschen.“ Aber es gebe auch unpassende Musik für die Kirche: „Satanisch-Okkultes steht im Widerspruch zur Botschaft des Evangeliums. Und Rock ist zu laut für große Kathedralen.“

Geräuschvoll, aber sicher nicht zu laut, geht es unterdessen beim Workshop „Pop-Chorleitung“ im katholischen Gemeindesaal Sankt Antonius zu: Referentin Kathrin Messner, Gymnasiallehrerin, Theologin und Leiterin des Gospelchors „Off Beat“ des CVJM Tübingen, steht vor den Frauen und Männern und stampft mit ihnen zusammen die gleichmäßigen Viertelschläge. Dazu klatscht sie immer komplexer werdende Rhythmen vor, welche die Teilnehmer nachklatschen.

„Popmusik ist die musikalische Sprache der meisten Menschen heute“, erklärt Messner. Doch sie bezweifelt, dass sich traditionelle und moderne Kirchenmusik kombinieren lassen: „Pop und Klassik sind zwei ganz unterschiedliche Arten, sich musikalisch auszudrücken. Sie sind wie zwei Sprachen, die man lernen kann, mit eigenen Regeln und Grammatik.“

Im Gewölbekeller der Jugendmusikschule coacht derweil Gitarrist und Songwriter Winnie Schweitzer die noch namenlose Eberdinger Kirchenband. Er gibt Tipps zum Schreiben der Stücke. Dann setzt er sich ans Keyboard. „Wenn ich eine Idee für ein neues Lied habe, singe ich die Melodie zuerst nur auf ,dädädä‘ und spiele dazu. Meistens ist es besser, das erst alleine für sich zu machen.“  

In der Mittagspause sitzen Schweitzer und die Bandmitglieder bei einer Pizza um den Tisch und diskutieren über christliche Popmusik und ihre Bedeutung für das Gemeindeleben. „Popmusik beschreibt die Alltagssituation der heutigen Gläubigen“, findet Sängerin Daniela Hartmann. Noch deutlicher wird Schweitzer selbst: „Wenn wir Gottesdienste als Zielgruppenveranstaltung betrachten, trifft Popmusik 90 Prozent der Zielgruppe.“

Doch wenn man die breite Mehrheit der Gottesdienstbesucher wirklich nur mit Popularmusik erreichen kann, wird die traditionelle Kirchenmusik dann nicht irgendwann aussterben? Nein, meinen die Anwesenden einhellig: „Für viele Leute gehören Choräle einfach dazu“, sagt Keyboardspieler Joshua Haug. „Klassische Kirchenmusik ist viel anspruchsvoller zu spielen und umzusetzen“, stimmt Schweitzer zu. „Es steht nicht zur Diskussion, ob man sie braucht. Es gibt keine Popmusik ohne klassische Musik.“  

Wahrscheinlich liegt die Zukunft der christlichen Popularmusik im fruchtbaren Nebeneinander, vielleicht auch in der noch umstrittenen Kombination mit der traditionellen Kirchenmusik. „Die Öffnung für Popularmusik ist eine spannende Sache, aber man sollte auch nicht alles Alte über Bord werfen“, sagt Hansjörg Fröschle. Kirchengebäude mit klassischer Orgel und modernem Soundsystem, flexible Chöre, die sowohl Kantaten als auch Gospel singen können – so stellt sich der Bezirkskantor die Kirchenmusik der Zukunft vor.

Auch Michael Schütz ist gegen eine strikte Trennung von Klassik und Pop: „Grenzen sind nicht absolut, sondern individuell. Es gibt keine Kriterien außer dem ästhetischen Empfinden des Musikers und des Zuhörers.“