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Trotz allem ganz nah dran - Klinikseelsorge in Coronazeiten

Von wegen, die Kirche hätte die Patienten während der ersten Covid-Welle allein gelassen: Dieter Eckmann und Thomas Dreher von der Klinikseelsorge Tübingen lassen diesen Vorwurf nicht gelten und berichten über ihre Erfahrungen.

Foto: Constance Kowalik, PixabayFoto: Constance Kowalik, Pixabay

Wie nah man als Krankenhaus-Seelsorger Corona sein kann – das muss Dieter Eckmann niemand erzählen. Gleich den ersten Covid-19-Toten auf der Intensivstation des Tübinger Universitätsklinikums kannte er gut, mit dessen Frau ist er befreundet. „Das hat schon in mein Konto eingeschlagen“, erinnert sich der katholische Priester, der mit dem evangelischen Pfarrer Thomas Dreher das ökumenische Seelsorgeteam am Klinikum leitet, in dem 15 Personen mitarbeiten.

Er hat den Mann beerdigt, die Frau in ihrer Trauer begleitet – und er hat Zeitung gelesen. Kommentare in der „Süddeutschen“, in der „Zeit“, vor allem aber die Interviews mit Christine Lieberknecht, der ehemaligen Pastorin und Ministerpräsidentin in Thüringen. Von allen kam der gleiche Vorwurf: Unmenschlich sei das Verhalten der Kirchen im Frühjahrs-Lockdown gewesen, Krankenhaus-Patienten und darunter besonders an Covid-19 Leidende seien alleingelassen worden.

Noch neulich, beim Gespräch mit dem Evangelischen Gemeindeblatt, merkt man, wie sehr dieser Vorwurf Thomas Dreher und Dieter Eckmann empört.

Die beiden hatten schon intensiv mit Corona zu tun, als das ein fernes Problem der Chinesen schien und das Leben in Deutschland noch unbeschwert war. Damals, Ende Februar, kam die Klinikleitung auf die beiden zu und sagte: „Wir erwarten eine Pandemie. Wir bitten ausdrücklich die Klinikseelsorge um Unterstützung.“ Eine Situation, die neu war für Thomas Dreher und Dieter Eckmann: „Wir haben dann überlegt, was wir machen können, und alle Szenarien durchgespielt, inklusive das einer Klinik, die an ihre Kapazitätsgrenzen kommt.“ Thomas Dreher ist auch Ethikberater in der Klinik – und war in diesem Extremfall nicht gefordert: „Gottseidank hat sich das Thema Triage nicht gestellt.“

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Das wichtigste Element ihrer Überlegungen war eindeutig, sagt Dieter Eckmann: „Wir wollten präsent sein.“ So stellten sich die Seelsorger jeden Tag einige Stunden zu Gesprächen bereit, für Ärzte und Pflegende. Bewusst niederschwellig, mit offenen Türen der Krankenhauskapelle und ohne Anmeldung.

Das Konzept sah bei Bedarf eine Komplett-Bereitschaft vor. Die Nachrichten aus Bergamo hatten gezeigt, wie erschöpft das medizinische Personal war. Die beiden hatten deshalb einen Notfallplan für alle Seelsorger ausgearbeitet – auch etwas, auf das sie bei der ersten Welle doch nicht zurückgreifen mussten. Insgesamt wurde die Lage am Klinikum nie dramatisch und Thomas Dreher und Dieter Eckmann hatten genügend Kapazitäten für Gespräche: „Es kamen einige Ärzte, einige Schwestern, einige Angehörige – aber es war nicht so die Lawine.“ Bis auf die Intensivstation sind sie gekommen. Und haben gemerkt, dass diese Unterstützung durchaus willkommen war: „Dieses Angebot hat dem Personal den Rücken gestärkt. Sie wussten: Wir sind für sie da.“

dieter eckmann. foto: wolfgang albersZum Beispiel, um sich die Belastungen von der Seele zu reden. „Immer in Hochsicherheitstrakten eingesetzt zu sein, das macht was mit Menschen“, hat Dieter Eckmann erfahren. „Wir haben oft von Schwestern und Pflegern erfahren: Sie werden außerhalb der Klinik gemieden, aus Angst vor Ansteckung – das haben sie als sehr belastend empfunden.“ Auf ihre Weise haben auch die Klinikseelsorger gespürt, dass sie gesellschaftlich ein bisschen außen vor sind: „Wir haben gemerkt: Religion spielt nicht die erste Rolle bei der Bewältigung der Pandemie.“ Obwohl sie da ihre eigene Expertise haben: „Fragen nach dem Schicksal stellen sich bei jeder Erkrankung, wir waren deshalb ganz gut vorbereitet.“ Allerdings: Von ihrer Hauptaufgabe, dem direkten Kontakt mit den Kranken, sahen sie sich erst mal abgeschnitten. Und hatten Verständnis für die Klinikleitung, sagt Thomas Dreher: „Es war uns wichtig, dass wir nicht zu denen gehören, die die Infektion durchs Haus tragen.“ Andererseits: „Wir mussten die Ohnmacht ertragen, dass manches nicht mehr ging, was wir selbstverständlich gern gemacht hätten, dass wir nicht so helfen konnten, wie man sich das klassisch vorstellt.“ Immerhin: Noch vor allen anderen durften sie wieder zu den Kranken in den anderen Abteilungen ohne Corona-Patienten. Dabei machte Thomas Dreher eine ganz neue Erfahrung. Er fragt regelmäßig die Pflegerinnen und Pfleger, für wen ein Gespräch mit einem Seelsorger hilfreich sein  könnte. Dann bekommt er auf einer Station üblicherweise ein, zwei Namen genannt. Dieses Mal reagierte eine Krankenschwester mit einem langen Blick den Flur hinunter und wieder hinauf – und sagte dann: „Eigentlich alle.“

Auch die Nicht-Corona-Kranken waren ja von jedem Besuch durch Familie oder Freunde abgeschottet. „Wir waren da außer dem medizinischen Personal die einzigen Ansprechpartner.“ Dieter Eckmann sagt: „Wir sind stark angefragt worden für die anderen Kranken.“ Denn die Einsamkeit habe sich natürlich verstärkt für die Kranken. Thomas Dreher erzählt: „Leute, die lange hier liegen, sind eher depressiv. Das hat sich in der Zeit ohne Kontakte verstärkt.“

Trotzdem blieb natürlich die Frage: Wie können wir tätig sein auch für die Covid-Patienten? Wie trotz aller Isolations-Distanz größtmögliche Nähe bieten? So bauten sie auf ihre Weise eine Kommunikation auf. Ein Infoblatt versicherte den Patienten: „Wir von der Klinikseelsorge sind für Sie da, auch wenn wir zur Zeit nicht in ihr Zimmer kommen können – es ist nur ein äußerer Abstand.“

thomas dreher. foto: wolfgang albers

Sterbesegen zum Vorsprechen

Thomas Dreher hat zum Beispiel Psalmen oder Gebete auf Papier geschrieben und dem Pflegepersonal mitgegeben, zum Vorlesen. Und er hat einen Sterbesegen formuliert, den Ärzte und Pflegende vorsprechen können: „Alles, was dir in den Sinn gekommen ist, alles, was du gedacht und gehofft hast, sei jetzt angenommen und vollendet. All deine Lieben, alle, die jetzt gerne bei dir wären, aber nicht hier sein können, mögen dir verbunden sein in Liebe und Treue. Allen, die dich und andere hier pflegen, werde Kraft und Beistand geschenkt. Gott sende dir seinen Engel entgegen. Er nehme dich bei der Hand und führe dich durch Dunkelheit und Nacht ans Licht.“

Außerdem hat sich die Klinikseelsorge Tablets angeschafft. Auch damit konnten sie schließlich mit Covid-Patienten kommunizieren. „Sicher, das ist nur eine Notlösung“, sagt Dieter Eckmann, „aber besser als total vermummt reingehen.“

Denn das haben beide im Krankenhaus schnell gelernt: „Dieses Virus muss man sehr ernst nehmen. Da war auch in den Gesichtern der Ärzte eine Ratlosigkeit. Wir sind sehr vorsichtig, halten die Regeln genau ein – und verstehen die nicht, die die Gefahr herunterspielen.“ Wer zum Beispiel in die Kapelle des Hauptbaus kommt, sieht die meisten Stühle hinter Absperrband an die Seite geräumt. Eigenhändig positionieren die beiden die wenigen verbleibenden auf großen Abstand. Und sie mussten lernen, mit den eigenen Ängsten umzugehen: „Wir sind alle schon um die 60 Jahre alt und gehören damit auch zur Risikogruppe.“

JeKlinikum Tuebingen. Foto: Wolfgang Alberstzt erreicht auch Tübingen die zweite Welle, füllt sich das Klinikum wieder mit Covid-Kranken. Die Klinikseelsorge hat nach den Erfahrungen des Frühjahres eines gelernt, sagt Dieter Eckmann: „Wir müssen auf Sicht fahren, uns den Umständen anpassen.“

Sicher sei: „Die Arbeit der Klinikseelsorger verändert sich. So werden Masken bleiben – was es schwieriger macht, wenn wir nicht mehr unser Gesicht zeigen können.“ „Es bleibt“, ergänzt Thomas Dreher, „die schmerzhafte Erkenntnis: Man kann nicht mehr alles tun, was früher ging.“ Aber es bleibt auch der Wille, den Dieter Eckmann ausspricht. „Wir sind ganz nah dran: Wir sind für die Kranken und ihre Angehörigen da.“

 

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