Christliche Themen für jede Altersgruppe

Tür vom Stift weit aufgemacht

BAD URACH/NEUFFEN – Über zwölf Jahre lang hat Pfarrerin Bärbel Hartmann das Einkehrhaus der württembergischen Landeskirche in Bad Urach geleitet. Heute ist es ein Hotelbetrieb mit Angeboten, die weit über die kirchlichen Kreise hinausgehen. Eine Bilanz und ein Besuch in Neuffen, wo die 65-Jährige seit dem 1. Januar ihren Ruhestand genießt. 


Ruheständlerin Bärbel Hartmann bei sich zu Hause in Neuffen: Der Ort ist seit 1981 ihre Heimat. (Foto: Gemeindeblatt)


Pfarrerinnen und Pfarrer ziehen oft um. Es gehört zu den vielen Besonderheiten im Berufsleben der Theologin Bärbel Hartmann, dass sie zwar immer wieder die Stelle wechselte, doch fast niemals den Wohnort: Seit 1981 ist sie in Neuffen am Nordrand der Schwäbischen Alb zu Hause. Ihr Mann kam daher und immer wieder eine Berufung, die es ihr erlaubte, dort am Fuße der berühmten Burgruine wohnen zu bleiben.

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In den 1980er-Jahren war sie beim Evangelischen Landesjugendwerk für die Ausbildung von Ehrenamtlichen verantwortlich, 1994 bis 1999 Pfarrerin im nahen Altdorf. Nach zwei weiteren Jahren auf einer Sonderpfarrstelle für Ehrenamtliche wurde sie wieder Gemeindepfarrerin – ausgerechnet in ihren Wohnort Neuffen. „Eine ungewöhnliche Situation“, sagt sie im Rückblick, „plötzlich dort Pfarrerin zu sein, wo einen die anderen als Nachbarin kennen.“

2001 übernimmt die Neuffenerin das Pfarramt in Neuffen. Da liegen nicht ganz einfache Jahre hinter ihr. 1995 war ihr Mann mit nur 42 Jahren an Krebs gestorben. Die Mutter muss ihre 10 und 13 Jahre alten Söhne fortan allein erziehen und den Lebensunterhalt verdienen.

Sie mag ihren Job als Gemeindepfarrerin und ist so richtig gut eingearbeitet, als 2006 eine neue Anfrage kommt: Stift Urach, das Einkehrhaus der württembergischen Landeskirche sucht eine neue Leitung. Es soll jemand sein, der auch große Aufgaben nicht scheut. Um ein Haar wäre die Einrichtung geschlossen worden, eine Renovierung des historischen Gebäudes war überfällig und eine Überarbeitung des Konzeptes ebenfalls.

„Natürlich habe ich überlegt“, sagt Bärbel Hartmann, „ob es das Richtige für mich ist.“ Doch Freunde raten ihr zu und irgendwie hat die Tochter eines Angestellten aus der Textilbranche in Heidenheim das Thema Wirtschaft schon immer auch interessiert. Außerdem kann sie wieder einmal in ihrem geliebten Neuffen wohnen bleiben: Bad Urach ist über dem Berg und das Stift wird es im übertragenen Sinne auch bald sein, wenn die Sanierung erst einmal begonnen hat, hoffte sie damals. Es gibt viel zu tun, als sie 2006 dort beginnt. Die Tür, die sie dort öffnet, war bisher meist verschlossen. „Die Leute trauen sich nicht rein“, lautet eine ihrer ersten Beobachtungen. Und so ist das Türenöffnen im Einkehrhaus in Urach zunächst ganz wörtlich zu verstehen: Das Hauptportal steht auf ihre Initiative fortan so weit auf, dass Passanten und Touristen im Innenhof spazieren gehen können.

Es ist der erste Schritt nach außen, dem viele weitere folgen: Peu à peu erweitert Hartmann das Programm. Nimmt Angebote für Wandergruppen und Sänger mit auf, klopft vorsichtig bei der Industrie an, ob die nicht Interesse hätte, im Einkehrhaus ihre Tagungen abzuhalten. „Das hat nicht jedem gefallen“, erinnert sie sich, aber es entspricht ihrem Selbstverständnis von Kirche: Gastgeber sein für alle, Menschen erreichen, die man bisher vielleicht noch nicht erreicht hat.

Eine Vielzahl von Kooperationen baut Bärbel Hartmann in ihrer Zeit auf. Mit der Kirchenmusik, dem Schwäbischen Albverein oder auch dem Evangelischen Gemeindeblatt. Außerdem zieht das Pastoralkolleg der Landeskirche ins Stift Urach um.

Vor fünf Jahren tritt Bärbel Hartmann mit ihrem Haus dann der „Vereinigung Christlicher Hoteliers (VCH)“ bei und lässt das Stift vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband zertifizieren. Seither ist es ein Drei-Sterne-Hotel sowie auch eine anerkannte Unterkunft für Wanderer. Wenn auch die Gruppe der Individualreisenden noch immer recht klein ist, so trägt sie doch zur Steigerung der Übernachtungszahlen bei: Aus knapp 10?000 Gästen sind in der Amtszeit von Bärbel Hartmann rund 15?000 geworden, ein Zuwachs von stolzen 50 Prozent.

Die größte Herausforderung in all den Jahren ist freilich der Umbau: Der geht 2009 bis 2013 über die Bühne, im laufenden Betrieb, mit all den Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben. Vor allem der Brandschutz hat eine umfassende Sanierung notwendig gemacht, außerdem wird fast der komplette Res-?taurantbereich neu gestaltet. Dazu gehört auch die Terrasse im malerischen Innenhof des Stiftes: Alle vier Wochen im Sommer ist sie als Café-Betrieb geöffnet, „immer mit einem besonderen Impuls“, wie Bärbel Hartmann betont.

Denn Wirtschaftlichkeit allein war nie ihr Ding. „Inhalt schafft Wirtschaft“, sagt sie. Oder, mit anderen Worten ausgedrückt: Keine Vermarktung um jeden Preis. Das Stift Urach bleibt ein Einkehrhaus mit einem besonderen Charakter, der nicht beliebig austauschbar sein soll.

Es ist ein Charakter, den Kirchenrätin Bärbel Hartmann über zwölf Jahre ganz entscheidend geprägt hat. Nun ist auch diese längste Phase ihres Berufslebens zu Ende, genauso wie das Berufsleben selbst: Am 31. Dezember 2018 ist Bärbel Hartmann in Ruhestand gegangen. Schweren Herzens? „Ach nein, ich habe mich auch gefreut, zumal es ja nahtlos weitergeht.“ Die Nachfolger sind schon gefunden und sie selbst nun froh über etwas mehr Freiraum. Ausschlafen, Bücher lesen statt Bilanzen, wandernd die Schwäbische Alb genießen.

Und mal wieder durfte sie in Neuffen wohnen bleiben, bald werden es 40 Jahre sein. „Es ist meine Heimat“, sagt sie, aus der sie nach einer kleinen Auszeit dann immer mal wieder auch aufbrechen wird. Reisebegleitung macht ihr Spaß, ob auf dem Kreuzfahrtschiff oder bei den Leserreisen des Evangelischen Gemeindeblatts. Auch in der Prädikantenarbeit will sie sich engagieren.

Und wenn sie dann mal überm Berg ist, kann sie ja auch wieder einkehren gehen. Das Stift Urach ist ja nur zwölf Kilometer entfernt und die Tür dort seit über zwölf Jahren weit offen.

 

 

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