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Umhüllt für die letzte Reise - Stilles Wunder

SCHWÄBISCH HALL – Der Verlust ihres neugeborenen Babys hat das Ehepaar Franzisca und Martin Prenzel dazu gebracht, Eltern, die sich in einer ähnlicher Lage befinden, beizustehen. Sie fertigen in liebevoller Handarbeit Boxen mit hochwertiger Kleidung für das Kind und damit Erinnerungsstücke – für einen würdevollen Abschied.

Franzisca und Martin Prenzel mit einer von ihnen individuell gestalteten Box. Jede ist einzigartig. Foto: Sigrid BauerFranzisca und Martin Prenzel mit einer von ihnen individuell gestalteten Box. Jede ist einzigartig. Foto: Sigrid Bauer

„Als Mutter hat man den Wunsch, sein Baby hübsch anzuziehen. So ging es mir auch“, erinnert sich die inzwischen 30-jährige Franzisca Prenzel. Vor vier Jahren erfuhr sie in der Schwangerschaft, dass ihr Kind Trisomie 18, einen Chromosomendefekt, hat.

Mara kam einen Monat zu früh zur Welt. „Die Frühchenkleidung, die wir gekauft hatten, war ihr viel zu groß. Die Babysachen vom Krankenhaus passten zwar, aber sie waren gebraucht und teilweise kaputt. Der Body hatte Löcher“, erinnert sich die junge Frau.

Noch heute bedrückt es sie, dass ihr Mann und sie ihr kleines Mädchen, das zwei Tage nach der Geburt starb, nicht in schöner neuwertiger Kleidung bestatten konnten. Nach Wochen der Trauer sei in ihr eine Idee gereift, die auch ihren Mann berührt hat: Abschiedsboxen zu gestalten für tot zur Welt gekommene und bald nach der Geburt verstorbene Kinder. In diesen können die Eltern sie, in hochwertiger Kleidung, weich umhüllt auf ihre letzte Reise schicken. „Ich hatte alles genau vor Augen: Eine schöne Box mit farblich passendem Inhalt. Alles in guter Qualität und individuell, denn jedes Kind ist einzigartig“, betont sie. Ihre Idee, die sie mit ihrem Mann, ihren beiden Schwestern, ihrer Tante und vielen ehrenamtlichen strickenden, nähenden und bastelnden Helfern aus ganz Deutschland verwirklicht, ist ein Riesenerfolg.

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Die Boxen bezieht sie mit farbigem Papier, den Deckel ziert ein ausgestanztes Namensschildchen mit individuellem Dekor. In der Box befindet sich eine Art Schiffchen aus Stoff, in dem das Baby umhüllt von einem farblich passenden Einschlagtuch, in den Sarg gelegt wird. Ein gestricktes Mützchen schützt seinen Kopf, winzige Fäustlinge und Söckchen wärmen Hände und Füße.

Trost spenden soll ein kleines Mitgabegeschenk – winzige gestrickte Teddys, Mäuschen, Blüten oder Herzen in doppelter Ausführung. Eines bleibt beim Kind, das andere als Erinnerung bei den Eltern. Alles passt zueinander und ist sorgfältigst gearbeitet. „Das ist mir wichtig und das schätzen auch die Eltern der Sternenkinder“, sagt Franzisca Prenzel.

Eine ihrer fleißigen Helferinnen ist Karin Holl aus Crailsheim. In einem Facebook-Beitrag hatte sie ein hübsches Strickset für eine Abschiedsbox entdeckt. „Ich dachte mir, das kann ich auch.“

So einfach war es aber doch nicht. „Zu wissen, das ein totes Kind das Mützchen tragen wird, hat mich emotional belastet“, räumt die Krankenschwester ein, die auch Schiffchen und Einschlagtücher näht, also komplette Sets fertigt. „Inzwischen ist mir klar, das ich das mache, um den Eltern zu helfen. Es ist gut zu wissen, dass die Sternenkinder in schönen, hochwertigen Sachen warm eingemummelt sind. Das hat etwas mit Würde zu tun.“

Teddys, Blüten und Herzen für Sternenkinder

Hübsch verpackt in einer kleinen Schachtel finden die Sternenkind-Eltern in der Box auch Informationen. „An was sie denken sollten, weil es ein paar Tage später vielleicht dafür zu spät ist: zum Beispiel, dass die Hebamme einen Hand- oder Fußabdruck des Kindes macht oder, dass sie ein Namensbändchen ihres Kindes bekommen. Oder, dass die Eltern das Recht haben, ihr Kind zu bestatten, auch wenn es unter 500 Gramm wiegt“, sagt Franzisca Prenzel.

Viele Informationen hat sie zusammengetragen – sei es zum Thema Geburt eines toten oder sterbenden Kindes, zur Betreuung durch eine Hebamme oder zur Bestattung. „Ich habe mich damals mühsam durch unzählige Foren geklickt. Das will ich anderen Eltern ersparen“, sagt sie. Prenzels Verein „Stilles Wunder“, der so heißt, weil tot geborene Kinder ganz leise auf die Welt kommen, bietet die Boxen den Eltern abgesehen vom Porto komplett kostenlos an. „Wir wollen damit kein Geld verdienen“, stellt Prenzel klar.

Die Boxen gibt es in drei Größen. Die kleinste Box ist für Kinder, die wegen eines Abgangs oder einer Ausschabung nur etwa bis zur zwölften Schwangerschaftswoche leben. „Für die meisten Frauen ist der Verlust sehr emotional, es ist ihr Kind“, gibt die einfühlsame Frau zu bedenken. Eltern, die sich bei ihnen melden, können Farb- und Gestaltungswünsche äußern. Die meisten Abschiedsboxen gehen an Bestattungsunternehmen und Krankenhäuser in ganz Deutschland, unter ihnen auch das Diakoneo in Schwäbisch Hall, wo die freiberufliche Hebamme Heike Drechsler arbeitet.

Winzig, aber sorgfältig bearbeitet sind Mützchen, Fäustlinge und Söckchen für ein Kind, das um die zwölfte Schwangerschaftswoche tot geboren wurde. Stille Wunder e.v.  Foto: Sigrid BauerWinzig, aber sorgfältig bearbeitet sind Mützchen, Fäustlinge und Söckchen für ein Kind, das um die zwölfte Schwangerschaftswoche tot geboren wurde. Foto: Sigrid Bauer

„Es berührt uns Hebammen sehr, wie die liebevoll gestalteten Boxen den Eltern helfen, ihr Kind in Würde zu verabschieden, dass damit der Trauer Raum gegeben wird, auch der Trauer um die ganz kleinen Kinder“, sagt sie. Mit den Boxen hätten die Eltern etwas an der Hand, was sie in dieser schwierigen Zeit begleitet.

Franzisca Prenzels Mann Martin steht hinter seiner Frau. „Ich bin für das Finanzielle im Verein zuständig. Ich plane und warne, wenn zu wenig Geld da ist. Dann startet meine Frau einen Aufruf über soziale Medien“, sagt der 30-Jährige, der ebenfalls in einem sozialen Beruf arbeitet.

Oft bieten Leute von sich aus ihr Mithilfe an. „Bei der Abrechnung, bei rechtlichen Fragen oder bei der Gestaltung der Internetseite. Wir haben so viele tolle Helfer und Spender“, schwärmt Franzisca Prenzel. Trotzdem war der Schritt, seit Oktober für den Verein eigene Räume zu mieten, eine schwere Entscheidung und mit Ängsten verbunden. „In unserer kleinen Wohnung war es nicht mehr möglich, die vielen Anfragen zu bearbeiten“, erklärt sie.

Ihr Glaube bestärke sie, dass der Verein sich trägt. „Wenn das unsere Berufung ist, dann läuft es auch“, ist sie sicher. Das sieht auch ihr Mann so: „Ich teile die Zuversicht und diese Einstellung brauchen wir. Denn wir müssen uns darauf verlassen, dass wir genug Spender haben. Im Vordergrund steht immer die Hoffnung, dass wir den Menschen eine Hilfe sind“, stellt er fest. □

◼ Internet: www.stilleswunder.de