Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Unglaublich ergreifend“

Wie ist um Bilder gestritten worden, im Laufe der Kirchengeschichte! Die Reformation löste einen wahren Bildersturm aus. Im Rahmen der Lutherdekade, die 2017 endet, steht das Jahr 2015 unter dem Thema „Bild und Bibel“. Alexander Schweda sprach mit dem Künstler Werner Stepanek über ein besonderes Bild im Christentum, das Bild-Symbol des Kreuzes, und fragte auch, warum manche es ablehnen.

„Bei mir ist das Kreuz immer ein Symbol für eine existenzielle Betroffenheit“, sagt der Bildhauer Werner Stepanek. (Foto: Giacinto Carlucci)


Wie gestalten Sie als Künstler Symbole? Erwachsen sie aus einem Gefühl und dann sind sie da? Oder steuern Sie darauf zu?

Werner Stepanek: Man kann nicht zielgerichtet auf ein Symbol zusteuern, wenn man es schöpfen und erschaffen will. Es muss erwachsen. So wie man sich einer Idee, einem Gefühl, einer Vision nähert, indem die Vorstellung immer dichter wird. So entstehen Symbole, in denen dann alles zusammenläuft an Empfindung, auch an rationaler Überlegung. Symbole sind ganz tief im Inneren verwurzelt und dafür braucht es die Zeit der Annäherung. So geht es mir als Künstler. Selbst wenn ich ein mir vorgegebenes Symbol wie das Kreuz gestalte, muss dieser Prozess der Verdichtung  immer neu als Grundlage dienen. Und ganz wichtig ist: Kein Kreuz ist wie das andere. Kein Symbol ist wie das andere. Jede Gestaltung ist immer ganz eigen.

Wenn Sie das Kreuz ansprechen: Das Symbol zieht sich durch viele Jahrhunderte durch die Kunstgeschichte. Was löst es bei Ihnen aus, wenn sie es sehen?

Werner Stepanek: Bei mir – und ich glaube sogar bei vielen atheistischen Künstlern – ist das Kreuz immer ein Symbol für eine existenzielle Betroffenheit. Nehmen Sie  als Beispiel ­Alfred Hrdlicka mit seiner Kreuzigungsdarstellung: Unglaublich ergreifend! Weil darin dieses existenzielle Element des Leidens, der Überwindung  und der Hoffnung auf die Auferstehung versinnbildlicht wird. Und so geht es mir persönlich auch: In jeder Kreuzesdarstellung, die ich in meiner Werkstatt schaffe, bestimmt diese Auseinandersetzung mit der existenziellen Betroffenheit die Gestalt.

Existenziell: Das heißt, es geht immer um die Kreuzungspunkte des Lebens. Da wo zwei Dinge so aufeinanderprallen, dass es richtig ernst wird.

Werner Stepanek: Das ist ein schöner Vergleich: Kreuzungspunkte des Lebens. Deshalb glaube ich auch, dass eine Kreuzesdarstellung etwas stark Hoffnungsvolles darstellt. Da kreuzen sich zwei Wegstrecken in einem Leben und sie führen aber weiter. Sie bleiben nicht stecken. An einem Kreuz geht es weiter. Auch theologisch betrachtet.

Symbole werden manchmal herausgelöst und politisch verselbstständigt. Sie kennen die Debatte: Kreuze raus aus der Schule! Unsere Gesellschaft scheint ein Problem mit dem Kreuz zu haben. Manche außerhalb der Kirche fühlen sich dadurch bedroht. Manche innerhalb der Kirche schämen sich, ihren Glauben so plakativ zu zeigen. Wie ist Ihr Eindruck?

Werner Stepanek: Ich habe oft den Eindruck, dass Symbole, vor allem das Kreuzessymbol, funktionalisiert werden. Das passiert  auch im Bildungsbereich. Dieser Gefahr muss man sich bewusst sein, um sachgerechter damit umzugehen. Oftmals bewirkt das Konfrontiertsein mit einem Symbol, wie dem des Kreuzes, eine Verdrängung. Es mag  die fortwährende Erinnerung an das Leiden Christi sein, das man gerne verdrängen würde und somit auch die eigenen Leiden.  Dass das ein menschliches Gefühl ist, kann ich nachvollziehen. Aber solche Reaktionen machen die Bedeutung eines Symbols bewusst. Wobei nicht jedes Kreuz diese Wirkung hat, nämlich  an das Leid zu erinnern.  Sie sind doch auch Zeichen der Erlösung und der Hoffnung.

Es gibt ja wirklich Kreuze mit Totenkopf und sterbendem Christus oder das Kinderkreuz, bunt angemalt mit Blumen.


Werner Stepanek: Oder nehmen Sie eine Kreuzskulptur von einem Künstler wie Victor Vasarely, der sie in leuchtenden Farben, in transparentem Blau und Türkisgrün gestaltet hat. Da blickt man hindurch in die Unendlichkeit. Da blickt man auf das, was danach kommt. Das begeistert mich,  das macht mich froh.

Sie sprachen von Funktionalisierung, Haben Sie ein Beispiel?


Werner Stepanek: Wenn das Kreuz als Machtinstrument von Institutionen oder Gruppierungen herhalten muss, wenn es zur Drohgebärde wird anstatt als liebevolles Zeichen dieses Gottes zu dienen, der die Erlösung verkündet,  dann wird es funktionalisiert.

Kommt daher die Hemmung mancher Christen beim Thema Kreuz, weil sie nicht Gefahr laufen wollen, diese Funktionalisierung mitzumachen?

Werner Stepanek: Das mag so sein,  wenn man diese Funktionalisierung gewähren lässt. Aber wenn ein Christ das sieht und sagt, da wird mit dem Ur-Symbol meines Glaubens etwas anderes vermittelt als das,  was ich aus der Bibel und der Verkündigung kenne, dann muss er widersprechen. Er muss hinstehen und sprechen. Das sind wir als evangelische Christen unserem Glauben schuldig. Und wer das dann nicht tut, der dreht sich eben weg und hängt das Kreuz ab, um sich dieser Christenpflicht zu entziehen.

Zwei Situationen: In Bad Boll gab es vor Jahren eine große Debatte, ob in dem Bildungshaus ein Kreuz hängen soll.  Ebenso vor Kurzem im Hospitalhof. Hat das mit dieser Angst vor Funktionalisierung zu tun?

Werner Stepanek: Ich sehe die Gründe in beiden Fällen darin, dass man auf die Menschen Rücksicht nehmen will, die in diese Einrichtungen eingeladen sind und denen man keine Schwelle bauen möchte, über die sie vielleicht nicht eintreten könnten. Ich persönlich kann das so nicht sehen. Denn dieses Kreuz ist keine Hemmschwelle, über die man rüber muss, sondern  es ist die Einladung: Wir begegnen uns hier, und in diesem Haus gilt ein christlicher Geist, der alle einlädt, die kommen wollen. Wenn das kein schönes Signal ist! Auch an Menschen, die anderen Glaubens sind, eine andere Religion haben oder gänzlich religionsfremd sind.

Da sind wir ja am Anfang: Das Kreuz als ein Symbol für Wegkreuze im Leben, als kräftiges inhaltliches Zeichen, ist eine Einladung über diese Wegkreuze zu sprechen.

Werner Stepanek: Ich persönlich habe dabei auch die Erfahrung gemacht, dass diese Vorbehalte von denen, auf die man Rücksicht nehmen will, so gar nicht mitgetragen werden. Im Gegenteil: Sie wissen um den Geist in so einem Bildungshaus und sie kommen gerade deshalb. Da würde ich mir mehr Mut wünschen. Auch den Mut zu signalisieren: Das ist mein Glaube, und dafür steht das Kreuz, und dafür stehe ich auch.

Der Hospitalhof wollte eigentlich kein Kreuz. Sie haben ihn aber eingeladen, sich eines Ihrer Kunstwerke, in dem man ein Kreuz sehen könnte, auszusuchen. Das ist geschehen. Sind Sie zufrieden mit dieser Lösung?

Werner Stepanek: Eigentlich ja. Ich finde, es ist eine gute und richtige Lösung. Der Hospitalhof hat ein Kreuz bekommen, das eine Ausstrahlung hat. Es ist wie ein aufgeschlagenes Buch, eine Einladung zum Lesen. Es ist, als würde es sagen: Lest über dieses Kreuz, lest die Bibel und andere Schriften, auch die Schriften des Islam. Insofern bin ich zufrieden. Dass es ein mobiles Kreuz ist und auch weggestellt werden kann – wegen mir!

Was wünschen Sie sich, wie wir mit unseren Symbolen umgehen sollen?

Werner Stepanek: Ich habe die Hoffnung in diesem Themenjahr „Bild und Bibel“, dass wir mit den Symbolen unseres Glaubens und der Bibel sinnlicher umgehen. Dass wir sie transformieren in alle menschlichen Sinne hinein: in die Musik, in die Kunst, in Bewegungen, in Gerüche, in Architektur! Mein Ziel wäre, dass viele Menschen christliche Symbole ganzheitlicher erfahren können und wir dadurch auch Menschen erreichen, die wir mit der reinen Wortsymbolik nicht ansprechen. Das ist meine große Hoffnung.




Zur Person
Werner Stepanek ist in seiner Freizeit Bildhauer und war vor seinem Ruhestand Lehrer. Er ist Mitglied der Landessynode, deren Vize-Präsident er auch ist. Außerdem ist er Vorsitzender des Kuratoriums der Evangelischen Akademie Bad Boll, Stadtrat in Göppingen und Mitglied des Redaktionsbeirats im Evangelischen Gemeindeblatt.» An einem Kreuz geht es weiter «


Bibel und Bild

Sonja Poppe
Bibel und Bild
Deutsche Bibelgesellschaft
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