Christliche Themen für jede Altersgruppe

Unsichtbare Mauern - überall zu spüren

Volontär Nico Bähr (30) hat die Mauer zwischen Ost und West nicht selbst erlebt. Ist sie für junge Menschen überhaupt noch relevant? Ja, sagt er. Denn auch heute gibt es immer noch Mauern und Grenzen, welche die Meinungs- und Bewegungsfreiheit beschränken.

In China wird die Meinungsfreiheit im Internet durch die sogenannte „Great Firewall“ („Große Feuerschutzmauer“) beschränkt. Foto: adobe stock/ tanaonteIn China wird die Meinungsfreiheit im Internet durch die sogenannte „Great Firewall“ („Große Feuerschutzmauer“) beschränkt. Foto: adobe stock/ tanaonte

Die Mauer zwischen DDR und BRD war bei meinen Altersgenossen und mir höchstens ein Gesprächsthema während des obligatorischen Schulausflugs nach Berlin. Abgesehen davon fielen die Schrecken der DDR-Diktatur im Unterricht größtenteils unter den Tisch, weil am Ende des Schuljahrs meist die Zeit fehlte. Selbst mir – einem ehemaligen Geschichtsstudenten – passiert es, dass ich durch das Brandenburger Tor schlendere, ohne mir klarzumachen, dass dort noch wenige Jahre vor meiner Geburt ein Todesstreifen verlief. Dass es damals nicht ohne weiteres möglich war, Freunde zu besuchen in Halle und Magdeburg oder gar in Vilnius und Riga.

Erst durch die Corona-Pandemie hat die deutsche U30-Generation am eigenen Leib erlebt, dass offene Grenzen nicht selbstverständlich sind. Mir wird dadurch umso deutlicher bewusst: Unbeschwert reisen zu können, sich keine Gedanken über Grenzen machen zu müssen, ist ein Luxus. Zudem ist es ein Segen, offen und kritisch über die Einschränkung der Reisefreiheit sprechen zu dürfen – ohne Angst vor Repressalien, anders als damals in der DDR.

Fluchthelfer sind Helden

Und anders als heute in autoritären Regimen wie China. Dort wird die Meinungs- und Informationsfreiheit durch eine moderne, unsichtbare „Mauer“ beschränkt: Durch die Internetzensur, die viele Chinesen umgangssprachlich die „Große Feuerschutzmauer“ nennen. Während meines Auslandssemesters bin ich auf Grenzen gestoßen, die ich aus Deutschland nicht kannte: Viele für mich alltägliche Internetseiten und Programme sind in China gesperrt. Nur mit teuren, in China illegalen Computer-Programmen oder Handy-Apps kann man „über die Große Feuerschutzmauer springen“.

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Diese unsichtbare Mauer ist wie eine Schere und setzt sich in den Gedanken fort: Zurück in Deutschland überlegte ich kurz, ob mir ein China-kritisches Masterarbeitsthema berufliche Chancen verbauen oder die erneute Einreise in das Land erschweren könnte. Doch letztendlich wollte ich mich nicht einschränken lassen.

Die meisten meiner deutschen Altersgenossen haben noch nie in einer Diktatur wie China gelebt. Sie können wohl kaum persönliche Erfahrungen mit den historischen Berichten über die DDR verbinden. Aber gibt es nur in Diktaturen Mauern? Keineswegs!

Griechenland hat in diesem Jahr mit einer 27 Kilometer langen, fünf Meter hohen Anlage die Grenze zur Türkei am Fluss Evros gegen die Ankunft von Asylsuchenden befestigt. An einer anderen Grenze, im Mittelmeer, steht zwar keine Mauer, aber die Patrouillen der staatlichen Küstenwachen sowie der Grenzschutzbehörde Frontex erfüllen oft genau diesen Zweck.

Über 600 Menschen starben in Deutschland zwischen 1961 und 1989 beim Versuch, die Grenzanlagen der DDR zu überwinden und in die Bundesrepublik zu fliehen. Schätzungen des statistischen Bundesamts zufolge sind im Mittelmeer bisher über 900 Menschen auf ihrer Flucht ertrunken – allein im Jahr 2021. Der Vergleich hinkt, weil es sich beim Todesstreifen der DDR um die gezielte Tötung mit Schießbefehl handelte. Aber was an den EU-Außengrenzen gemacht wird, lässt sich in einigen Fällen mindestens als unterlassene Hilfeleistung bezeichnen, wenn nicht sogar als aktive Gefährdung der Geflüchteten.

Foto: Dimitri Wittmann, pixabayFoto: Dimitri Wittmann, pixabay

Ich finde es schrecklich, dass Lebensretter im Mittelmeer sich zum Teil wie Kriminelle verantworten müssen. Fluchthelfer aus der Bundesrepublik, die DDR-Bürgern in die Freiheit halfen, werden dagegen als Helden dargestellt – zurecht! Genauso müsste man die Lebensretter im Mittelmeer wertschätzen.

Der 60. Jahrestag des Mauerbaus sollte eine Erinnerung sein, dass Grenzen und Mauern noch heute allgegenwärtig sind. Nicht nur in Diktaturen, sondern auch in Demokratien. Dass wie damals in der DDR auch noch heute viele Menschen auf der Welt in ihrer Meinungs- und Bewegungsfreiheit beschränkt sind und einige auf der Suche nach diesen Freiheiten ihr Leben lassen. Für uns, für die diese Rechte selbstverständlich wirken, ist der Mauerbau vor 60 Jahren also heute noch aktuell: Wir haben nicht nur das Privileg, sondern auch die Verantwortung, die Grenzen und Mauern von heute in Frage zu stellen – damit wir unsere Freiheiten behalten und irgendwann auch der Rest der Welt in ihren Genuss kommen kann. □