Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vergeben und vergessen? - Impuls zur Predigt

1. Mose 50,15-21 (in Auszügen) Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte und sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.

 

Vergeben und vergessen?

Impuls für den 4. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 50,15-21.

 

Von Stephanie Bauspieß

Stephanie Bauspieß ist Pfarrerin in der Jakobuskirchengemeinde am Hochsträß Ulm. Foto: Privat

„Tut mir leid, ich habe einen Fehler gemacht.“ Diesen Satz zu sagen, fällt uns nicht leicht. Wenn wir ihn sagen, geht es meist nicht nur um ein verlorenes Fahrradschloss oder ein geliehenes Buch. Oft handelt es sich um verlorenes Vertrauen oder um eine tiefe Verletzung, die man jemandem zugefügt hat.

Eigentlich spüren wir schon in dem Moment, in dem wir so handeln oder die Worte aussprechen, dass es verkehrt ist. Aber wir können nichts dagegen tun. Man steht wie neben sich. Beobachtet, wie man sich selbst zu jemandem verändert, der man nicht sein will. Schleudert dem anderen die Worte ins Gesicht, die man am liebsten nie gesagt hätte, tut Dinge, die man nie wollte. Warum passiert das? Und wie kann man es wieder gut machen?

Es passiert, weil wir Menschen sind. Weil wir anderen neiden, wenn ihnen gelingt, was wir uns heimlich wünschen. Weil wir neidisch sind, grämen wir uns über das, was wir nicht haben und verlieren aus dem Blick, was uns gehört.

Schuld drückt

So ging es auch Josefs Brüdern. Josef, der vom Vater so geliebte, der schöne, der kluge Josef. Die Brüder neiden ihm die Zuneigung des Vaters, bis sie ihn aus lauter Boshaftigkeit nach Ägypten verkaufen. Als Josefs Odyssee vorüber ist und er Unterkönig von Ägypten ist, als sein Vater verstorben ist und das Wiedersehen mit den Brüdern ansteht, bekommen die Brüder Angst, obwohl er ihnen längst vergeben hatte.

Stephanie Bauspieß ist Pfarrerin in der Jakobuskirchengemeinde am Hochsträß Ulm. Foto: PrivatGemeinsam hatten sie eine Zeitlang in Ägypten gewohnt – und doch: Als ihr Vater stirbt, befürchten die Brüder, nun werde sich Josef an ihnen rächen. Für die Brüder war es noch nicht gut. Ihre Schuld drückt sie, noch lange nachdem sie sich mit Josef ausgesöhnt haben. Deshalb kommen sie zu ihm und bringen ihm die letzten Worte seines Vaters. Als er das hört, weint Josef. Er sieht seine Brüder, die nicht aus sich herauskönnen und nicht einmal selbst um Vergebung bitten können. Er möchte von ihnen keine Wiedergutmachung. Was er ihnen sagt, benennt, was so lange zwischen ihnen unausgesprochen war: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“

Wo auch immer wir Menschen einander Leid zufügen, wo wir nicht nur unabsichtlich, sondern im vollen Bewusstsein einander verletzen, dort gibt es immer noch einen Keim, der wieder aufgehen kann. Oft mag es für uns nicht so scheinen und oft sieht es so aus, als ob es nie wieder gut wird. Und doch zeigt uns diese Geschichte, dass es einen Weg gibt.

Schuld trennt uns nicht nur untereinander, sondern auch von Gott. Wie könnten wir ihm all das zumuten, was wir ständig falsch machen? Gott wusste, dass wir so sind. Spätestens seit dem Zeitpunkt, als Kain seinen Bruder erschlug. Und weil wir seitdem nicht frei werden von unserem Fehlverhalten, hat Gott Erbarmen mit uns und schickt uns jemanden, der uns alle Schuld abnimmt. Er schickt uns seinen Sohn, der für uns am Kreuz weint und der aushält, was wir nicht können.

Damit wir das spüren und spüren können, braucht es Vergebung durch den anderen. Kein „schon gut“, sondern echtes Vergeben. Vielleicht gerade auch kein Vergessen, sondern ein „trotzdem“. Und dann reicht vielleicht schon ein langer Blick, damit beide wissen: Es ist wieder gut!

Hände. Foto: unsplash/Milada VigerovaOffene, erwartungsvolle Hände. Foto: unsplash/Milada Vigerova

Gebet

Wir kommen zu dir Gott, mit unserer Freude und allem, was uns bedrückt.

Wir kommen mit unserer Schuld und unseren Fehlern.

Wir kommen nicht ohne Angst, aber auch nicht ohne Hoffnung.

Danke, dass du uns vergibst.

Amen.