Christliche Themen für jede Altersgruppe

Verkleidet als Chinesen - Hudson Taylor und Heinrich Witt

Anfang des 20. Jahrhunderts brachen viele Missionare aus Württemberg nach China auf. Im Schwarzwald ließ sich 1902 der deutsche Zweig der China-Inlandsmission nieder, die später unter dem Namen Liebenzeller Mission bekannt werden sollte.

Die Liebenzeller Mission im Jahr 1925. Foto: Liebenzeller MissionDie Liebenzeller Mission im Jahr 1925. Foto: Liebenzeller Mission

Hudson Taylor hatte eine geniale Idee. Der englische Missionar streifte seine europäische Kleidung ab, ließ sich die Haare scheren und einen chinesischen Zopf flechten. So zog er 1858 los, als einer, der vordergründig kaum auffiel, der die Menschen und ihre Sitten kannte und der ihnen nun auch rein äußerlich ein Stück weit entgegenkam und sich anpasste.

1865 gründete er die China-Inlandsmission, mit dem ehrgeizigen Ziel, den Menschen im lange verschlossenen Reich der Mitte das Christentum näherzubringen. Schritt für Schritt arbeitet er sich in die Provinzen vor, reiste nach Amerika und aufs europäische Festland, wo er in Hamburg den strenggläubigen Pfarrer Heinrich Coerper traf.

Er überredete ihn, einen deutschen Zweig der China-Inlandsmission zu gründen. Am 13. November 1899 wurde das Vorhaben umgesetzt und bereits nach sieben Wochen der erste Missionar auf die Reise geschickt. Er hieß Heinrich Witt, trug selbstverständlich auch chinesische Kleidung und lernte zudem intensiv die Sprache und die Sitten kennen.

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1902 verlor die deutsche China-Inlandsmission ihre Immobilie in Hamburg. Auf der Suche nach einem neuen Domizil wurde sie im württembergischen Schwarzwald fündig. Jahrelang hatte auf dem Schlossberg in Liebenzell eine Diakonisse dafür gebetet, dass sich von hier aus das Evangelium in die Welt ausbreitet. Das war nun der Fall.

Von Hamburg nach Liebenzell

1906 nahm die China-Inlandsmission deutscher Prägung den Namen ihrer neuen Heimat an. Als „Liebenzeller Mission“ sollte sie Religionsgeschichte schreiben und die christliche Botschaft in alle Erdteile tragen. Ausgangspunkt und Kerngeschäft der ersten Jahre war freilich China.

Den Liebenzellern wurde die Provinz Hunan zugeteilt. Dort konzentrierten sie sich auf die Blindenarbeit, die Krankenversorgung, Waisenheime und Schulbildung. Das war nicht frei von Schwierigkeiten. Immer wieder kam es zu Aufständen, in deren Verlauf die Missionare angefeindet wurden, sei es als Unruhestifter oder als Brunnenvergifter. Nicht wenige verloren ihr Leben.

Heinrich Witt war der erste Missionar der deutschen China-Inlandsmission. Foto: Liebenzeller Mission

Heinrich Witt (li.) war der erste Missionar der deutschen China-Inlandsmission. Später wieder Bart statt Zopf: der britische China-Missionar Hudson Taylor (re.). Fotos: Liebenzeller Mission

Die Missionsarbeit florierte dennoch. Trotz aller Rückschläge dehnte sich die China-Arbeit der Liebenzeller immer weiter aus, mit einem Höhepunkt im Jahre 1939: Da gab es 21 Haupt- und 172 Außenstationen. 80 Missionare weilten im Land, die rund 10 000 Christen betreuten und über 200 Einheimische beschäftigten.

Manchen war das ein Dorn im Auge. Bereits 1921 war die Kommunistische Partei gegründet worden, 1926 gab es die ersten Vertreibungen. Das Ende der China-Mission kam 1953, kurz nachdem Mao Tse-tung die Macht übernommen hatte. Mit den letzten beiden Missionaren Otto Hollenweger und Ernst Witt ging das Kapitel China auch für die Liebenzeller Mission zu Ende.

Chinesische Kultur statt Mission

Etwa zeitgleich wie die ersten Liebenzeller war der württembergische Pfarrer Richard Wilhelm (1873 – 1930) nach China aufgebrochen. Er hatte in Tübingen studiert und beim Vikariat in Boll die Tochter des legendären Theologen Christoph Blumhardt kennengelernt. Blumhardt hatte mit seinem Vater ein kleines Glaubensimperium am Fuße der Schwäbischen Alb aufgebaut. Zu Tausenden pilgerten die Leidenden und Sinnsuchenden zum Zentrum der Erweckungsbewegung.

Blumhardt junior entfernte sich im Laufe der Jahre immer weiter von der Landeskirche und wurde zum glühenden Verfechter eines religiösen Sozialismus. Kolonialherrschaft und Mission lehnte er hingegen ab, zu oft gingen die beiden seiner Meinung nach eine unheilige Allianz ein.

1899 verlobte sich Richard Wilhelm mit Blumhardts Tochter Salome, am 7. Mai 1900 heirateten sie in Shanghai. Ein Missionar, ausgerechnet! Doch Wilhelm nahm es mit dem Missionieren nicht so genau und kümmerte sich lieber um die chinesische Kultur. Beim Boxer-Aufstand stand er den Einheimischen zur Seite und schützte sie vor den deutschen Kolonialtruppen.

Rund 20 Jahre wirkte Richard Wilhelm in Qingdao, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs deutsches Kolonialgebiet war. Als er 1920 seine Missionstätigkeit beendete, stellte er nicht ohne Stolz fest, dass er tatsächlich keinen Chinesen bekehrt habe – eine durchaus ungewöhnliche Haltung für einen Missionar.

Stattdessen hatte er alte chinesische Schriften von Konfuzius und Laotse ins Deutsche übersetzt. 1924 nahm er in Frankfurt einen Lehrstuhl für Sinologie an. Beigesetzt ist er auf dem Friedhof in Bad Boll, ein wenig beachtetes Grab eines in Deutschland kaum bekannten Mannes, der in China jedoch bis heute hohes Ansehen genießt.