Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vertrauen aufbauen - In kleinen Schritten Trauma überwinden

Viele Menschen, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, leiden unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung. In der Therapie müssen sie sich in einer fremden Sprache ausdrücken. Und dann kommt noch die Scham dazu. Peter Kaiser will helfen.

Ein Flüchtling im bosnischen Lipa. Im kalten Winterwetter leben sie hier in Zelten. Foto: picture-allianceEin Flüchtling im bosnischen Lipa. Im kalten Winterwetter leben sie hier in Zelten. Foto: picture-alliance

Folter, Mord, Vergewaltigung. Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten haben oft schreckliche Dinge gesehen oder selbst erlebt. Auch nach Jahren lassen sie die Erinnerungen an die Vergangenheit nicht los. Das Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes unterstützt diese Menschen bei der Bewältigung ihrer Traumata.

Professor Peter Kaiser ist Psychiater und Religionswissenschaftler und seit 2018 ärztlicher Leiter des Ambulatoriums in Bern. Gemeinsam mit seinem Team versucht er, für die Flüchtlinge einen Weg des Neuanfangs zu erarbeiten.

Traumata überwinden helfen

Sechs Psychologen, fünf Sozialarbeiter, ein Körpertherapeut sowie drei Ärzte arbeiten im Team des Ambulatoriums mit. Jeder Therapeut betreue rund 15 bis 25 Patienten. „Zu uns kommen diejenigen, die mit den traumatischen Erinnerungen an das Erlebte nicht zurechtkommen“, erzählt Peter Kaiser. Unterstützt wird das Behandlungsteam von 25 Dolmetschern, so dass fast alle Muttersprachen der Geflüchteten abgedeckt werden können: Kurdisch, Türkisch, Farsi, Tamilisch und viele andere. Das Rote Kreuz übernimmt die Therapiekosten, die von den Krankenkassen nicht abgedeckt werden. Die Dauer der Behandlung sei von Klient zu Klient unterschiedlich.

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„Viele Patienten sind zu Beginn der Therapie misstrauisch, da sie nicht genau wissen, was sie erwartet“, erklärt Peter Kaiser. Der Vertrauensaufbau sei am Anfang daher der wichtigste Schritt. Der Dolmetscher müsse in diesen Prozess unbedingt eingebunden werden. „Nach jeder Stunde besprechen wir gemeinsam: Was ist aufgefallen? Welche Themen waren schwierig? Der Dolmetscher wird zum Co-Therapeuten“, berichtet Kaiser weiter.

Die Mehrzahl der Patienten leide unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung oder unter Angststörungen. Männer und Frauen seien ungefähr gleich häufig von den Symptomen betroffen, ein Viertel der Patienten seien Kinder oder Jugendliche. Selbst nach vielen Monaten in Therapie sei es für viele Patienten immer noch schwierig, über das Erlebte zu sprechen.

Trauma überwinden - der Glaube an Gott kann helfen

Scham- oder SchuldgefühleProfessor Peter Kaiser Psychiater Religionswissenschaftler. Foto: Privat oder auch die kulturelle Prägung seien für viele eine zu große Hürde, um sich vollständig auf den  Prozess einzulassen: „Opfer einer Vergewaltigung zu sein, führt in vielen Herkunftsländern zum Verlust des sozialen Ansehens“, erklärt Peter Kaiser. Von diesen Erfahrungen dann in Anwesenheit eines Dolmetschers zu berichten, der Landsmann ist, sei für viele Betroffene unvorstellbar.

Jeder kleine Schritt in Richtung Normalität sei für die Patienten schon ein großer Therapieerfolg. Das könne das Überwinden von Schlafstörungen sein oder auch einfach nur die innere Bereitschaft, den Tag nach langer Zeit wieder mit einem Lächeln zu beginnen. Der Glaube an Gott könne vielen Menschen bei der Überwindung ihres Traumas helfen, es sei aber nicht unweigerlich der Fall. „Entscheidend ist, ob bei den Menschen Platz für etwas Spirituelles ist oder nicht“, sagt Kaiser.

Obwohl er täglich mit so viel Leid konfrontiert sei, würde sich Peter Kaiser immer wieder aufs Neue für diesen Beruf entscheiden: „Ich erlebe eine große Sinnhaftigkeit in meinem Tun und das erfüllt mich sehr“, sagt er. „Sobald ich auf dem Weg zu meiner Familie bin, wird mir bewusst, wie dankbar ich dafür sein darf, dass ich in diesem Land und zu dieser Zeit geboren worden bin. Ich habe sehr viel Glück gehabt. Das möchte ich weiter geben.“ □