Christliche Themen für jede Altersgruppe

Verwerten statt wegwerfen - Essbares gehört nicht in den Müll!

Essbares gehört nicht in den Müll! Das sagen nicht nur Menschen, die aktiv etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln tun. In Deutschland landen jährlich 13 Millionen Tonnen Essen im Abfall. Welche Konzepte gibt es gegen die Verschwendung? Und welche Menschen sind es, die mit ihrem Engagement zu Lebensmittelretterinnen und -rettern werden?

Backwaren in einem Container einer Bäckereikette. In Deutschland landen bis zu 20 Prozent aller Backwaren im Müll.  Foto: Christian F. SchmidtBackwaren in einem Container einer Bäckereikette. In Deutschland landen bis zu 20 Prozent aller Backwaren im Müll. Foto: Christian F. Schmidt

Essen wegwerfen: etwas, das Menschen nur tun können, wenn sie in einer Wohlstandsgesellschaft im Überfluss leben. Erst, wenn Menschen aufs Geld gucken müssen oder generell etwas gegen die Verschwendung haben, verbietet es sich, die etwas runzelige Karotte von gestern in den Müll zu werfen, anstatt sie etwa in einem Reste-Eintopf zu verwerten.

Es sind die Teller, die nicht leer gegessen werden, das Stückchen Kuchen oder Brot, das nicht mehr in den Bauch passt, oder der Joghurt, der seit gestern abgelaufen, aber eigentlich noch essbar ist: In Deutschland wandern jährlich fast 13 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll – sowohl in privaten Haushalten als auch an den Hintertüren der Supermärkte.

Gleichzeitig gibt es Menschen, die im Müll nach etwas Essbarem suchen müssen oder in langen Schlangen an den Ausgabestellen der Tafelläden stehen. Durch die aktuelle Rezession und ihre Folgen drehen Menschen jeden Cent ein zweites Mal um, bevor sie ihn ausgeben. Der Konsens in diesem Kontext: Egal, ob aus Geldgründen oder aus Prinzip: „Lebensmittel gehören nicht in den Müll!“

Lebensmittel für alle

Einer der vielen Menschen, die aktiv etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln tun, ist Harry von „Harrys Bude“. Mit einem Verteiler-Container stehen er und seine ehrenamtlichen Helfenden an einem festen Standort an der Paulinenbrücke in Stuttgart-Mitte, direkt vor der St.-Marien-Kirche. „Willst du zum Gemüse noch ein bisschen Brot haben?“, ertönt es aus dem kleinen Container, aus dem heraus Harry gerade eine Kundin bedient. Direkt daneben macht ein weiterer ehrenamtlicher Helfer ein gelbes Lastenrad fertig für den Einsatz. Das Ziel: der Wochenmarkt.

Die Lebensmittelretter Ferdi und Harry vor „Harrys Bude“. Foto: Christian Friedrich SchmidtDie Lebensmittelretter Ferdi und Harry vor „Harrys Bude“. Foto: Christian Friedrich Schmidt

Dreimal die Woche – immer dienstags, donnerstags und samstags – machen sich Harry und sein Team auf zu den Verkäuferinnen und Verkäufern. „Harrys Bude“ kooperiert darüber hinaus mit Foodsharing – einem Verein, der nicht mehr verkaufbare Lebensmittel an den Laderampen der Supermärkte abholt und weiterverteilt. Dazu fährt Harrys Team mindestens einmal jeden Tag zu einer Abholstelle.

Ein Teil der Lebensmittel wird eingelagert, ein anderer Teil direkt in die Auslage gegeben. „Manchmal dauert es keine Stunde, und wir sind schon wieder leer. Dabei sind wir gerade erst auf dem Markt gewesen“, erklärt Harry und zurrt die letzten leeren Kisten auf dem Lastenrad fest.

Der Bedarf sei groß und Lebensmittel würden genug weggeworfen. Das Projekt bildet eine Schnittstelle zwischen der Rettung von Lebensmitteln und der Versorgung von bedürftigen Menschen: ein Ort der Lebensmittel-Rettung und Humanität gleichermaßen.

Bedürftig bedeutet in diesem Zusammenhang: Menschen, die gerade nicht das Geld und die Mittel haben, um für Lebensmittel zu bezahlen. „Die Leute kommen bei uns regelmäßig vorbei. Bei uns muss niemand etwas vorzeigen, dass er oder sie bedürftig ist. Hier kann kommen, wer mag. ‚Harrys Bude‘ ist für jeden gemacht, anders als zum Beispiel bei den Tafeln“, sagt Harry.

Zu Tisch bei der Tafel

Bei den Tafeln müssen die Menschen nachweisen, dass sie bedürftig sind. Für den ersten Besuch reicht meistens ein Nachweis von Sozialbezügen wie Arbeitslosengeld II oder ein Rentenbescheid. Später wird ein Tafel-Ausweis benötigt.

Rainer Scheufele, Referent für Inklusion und diakonische Gemeindeentwicklung, erklärt die Ausweiskontrolle mit einer begrenzten Menge an zur Verfügung stehenden Lebensmitteln: „Hier geht es um den Grundsatz, diese Lebensmittel an Menschen in finanzieller Not zu verteilen. Deshalb werden die Lebensmittel nur an Menschen ausgegeben, die entsprechend Paragraph 53 der Abgabenordnung als bedürftig gelten. Und um das sicherzustellen, werden Tafel-Ausweise an entsprechende Personen ausgestellt.“

Für Harry, der selbst viele Jahre auf der Straße gelebt hat, ist diese Art der Kontrolle unsolidarisch, auch wenn sie natürlich bewirke, dass nur die wirklich bedürftigen Menschen die Lebensmittel erhielten. Doch viele Menschen würden hier durchs Raster fallen. „Harrys Bude“ gehe da einen anderen Weg.
Die Lebensmittelretter Ferdi und Harry vor „Harrys Bude“. Foto: Friedrich Christian Schmidt

Dennoch ist ein Grundsatz der Tafeln dem von „Harrys Bude“ gleich: Überschüssige Lebensmittel sammeln, die nach den gesetzlichen Bestimmungen noch verwertbar sind, und diese an Bedürftige abgeben. Ein wichtiges Ziel sei hier, erklärt Rainer Scheufele, „die Nachhaltigkeit zu fördern, indem ‚gerettete‘ Lebensmittel der Verwendung zugeführt werden. Für kirchlich-diakonische Tafeln ist die ‚Bewahrung der Schöpfung‘ eine maßgebliche Grundmotivation für ihre Arbeit.“

Marktfrisches Angebot

Mittlerweile sind Harry und sein Team auf dem Weg zum Wochenmarkt. An mehr als zehn Ständen bekommen sie hier jedes Mal mehrere Kisten Obst und Gemüse. Oft muss das kleine, stabile Lastenrad zwischen 30 und 50 Kisten tragen – dann ist es voll beladen. Einer der Helfenden ist Ferdi, Anfang 30, Ingenieur. Als Ehrenamtlicher war er lange bei Foodsharing aktiv und hilft gerade nebenbei bei „Harrys Bude“ aus: „Es macht Spaß, hier zu helfen. Man bewegt sich, kommt ein bisschen raus. Sonst sitze ich viel am Computer. Und das Helfen ist eine sehr gute Sache. Da weiß ich auch, wofür ich es mache.“

Tafelladen. Lebensmittelspenden. Foto: Christian Friedrich Schmidt

Harry beim Aufladen von Lebensmitteln.
Foto: Christian Friedrich Schmidt

Der erste Stand gibt zwei Kisten Äpfel und Gurken raus. Einen Stand weiter stehen schon zehn Kisten bereit. Darunter Karotten, Kohl, Radieschen und Salat. Auf manchen Kisten steht geschrieben: „Für Harrys Bude“. Vorbei am Trubel und sich durch die Menschenmengen schlängelnd, sammeln Harry und Ferdi immer mehr Kisten ein, bis das Lastenrad schließlich voll ist.

Verblüffend: Fast alle gespendeten Lebensmittel sehen noch sehr gut aus. Lediglich an ein paar Stellen sind Obst oder Gemüse eingedrückt, etwas braun oder die Blätter sind schon etwas welk. Eine Kiste mit Bananen springt Harry ins Auge: „Hier siehst du, dass die Bananen eigentlich noch top sind. Die haben ein paar braune Stellen. Die Verkäufer bekommen die dann nicht mehr los. Die Bananen müssen immer super aussehen!“

Dass Obst und Gemüse eigentlich noch gut aussehen, sagt auch Ferdi, „aber die werden häufig einfach nicht mehr verkauft, weil vielleicht doch ein, zwei faule Stellen dran sind, die man aber problemlos wegschneiden kann“.

Zum Verkaufen oft zu schlecht, zum Essen aber immer noch gut: eine paradoxe Situation, die sich an vielen Stellen im Lebensmittelverkauf zeigt. Allen voran beim Verkauf von Backwaren.

Unser täglich Brot

In Deutschland werden große Mengen Brot und Backwaren weggeworfen. Der WWF, eine weltweit tätige Naturschutzorganisation, schätzt die jährliche Menge auf ungefähr 500 000 Tonnen. Im Durchschnitt werfe eine Bäckerei 10 bis 20 Prozent ihrer Tagesproduktion weg. Das Problem auch hier: Ein Brot, das einen Tag alt ist, könne nur noch schwer verkauft werden. Die Verbraucher würden neben gutem Geschmack auch Frische erwarten. So würden beispielsweise Brötchen, die älter als drei Stunden sind, nicht mehr als frisch gelten.

Bäckereifachverkäuferin Heike Gjata und Gechäftsführer Florian Lutz im „ReBäck“.Foto: Christian Friedrich Schmidt.

Hier stehen Bäckereien – stellvertretend für die gesamte Lebensmittelbranche – unter dem Druck, die Kundenerwartungen erfüllen zu wollen. Sie bieten häufig das ganze Sortiment bis in den Abend hinein an. Die Retouren der Bäckereien schwanken laut WWF zwischen 1,5 und 19 Prozent. Auffallend sei, dass gerade die kleinen Handwerksbetriebe die geringsten Retouren aufweisen würden.

Backwaren vom Vortag

Einer dieser „kleinen Handwerksbetriebe“ ist die Bäckerei und Konditorei Lutz aus Ludwigsburg. Sie betreibt neben ihren rund 14 Filialen im Umkreis einen Laden mit Backwaren vom Vortag – eine Kampfansage an die Wegwerfgesellschaft. Beim Betreten des Ladens, der passenderweise „ReBäck“ getauft wurde, fällt auf: Er sieht aus wie jeder andere Backwarenladen auch. Duft von frischem Kaffee, eine ratternde Brotschneidemaschine im Hintergrund, knisternde Brottüten und Kundengespräche. Einziger Unterschied: Hier gibt es Backwaren vom Vortag – und das zum halben Preis.

Bäckereifachverkäuferin Heike Gjata und Gechäftsführer Florian Lutz im „ReBäck“.Foto: Christian Friedrich Schmidt.

Heike Gjata hat hier schon die ein oder andere lustige Situation erlebt: „Viele warten vor unserer Theke und bestellen. Und wenn ich denen sage: ,Sie wissen, dass das vom Vortag ist?‘, dann sind die meistens erschrocken“, sagt die Bäckereifachverkäuferin schmunzelnd. „Ich erkläre den Kunden dann immer: Wenn Sie jetzt ein Brot kaufen drüben beim Bäcker, werden Sie das morgen früh zuhause ja auch nicht wegschmeißen“. Die Bäckerei verkauft hier ihre sogenannten „Retouren“ – Backwaren, die in den eigenen Filialen unverkauft liegen bleiben.

Geschäftsführer Florian Lutz kennt die Situation nur zu gut. In seinem Unternehmen werde genau deshalb sehr streng auf eine ganzheitliche Verwertung geachtet, sagt er: „Neben unserem ,ReBäck‘ geben wir Ware an diakonische Einrichtungen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dürfen nach Ladenschluss Backwaren kostenfrei mitnehmen. Wir kooperieren mit den Tafeln und sind Partner von Foodsharing, die auch viel Ware abholen.“

Alles, was dann nicht verwertet wurde, würde als Rest nochmal in die eigene Produktion gehen: für Semmelbrösel, Weckmehl oder zu Knödeln in der eigenen Küche. Was am Ende noch übrig bleibe, gehe in die Landwirtschaft als Tierfuttermittel. Was sich bei „ReBäck“ abzeichne, sagen Heike Gjata und Florian Lutz, sei eine Klientel, die entweder wegen des günstigen Preises komme oder einfach aus Prinzip: „Hauptsächlich kommen die Leute hier rein, weil sie gegen unsere Wegwerfgesellschaft sind. Die möchten nicht, dass die Lebensmittel weggeworfen werden.“

In Ludwigsburg ist die Bäckerei Lutz noch die einzige Bäckerei mit einem solchen Konzept – auch wenn die Idee nicht ganz neu ist. Florian Lutz würde es deshalb freuen, wenn das Konzept Nachahmer finden würde: „Viele finden es ganz toll, was wir machen. Aber viele haben auch Bedenken. Ich kann allen nur raten, sich den Initiativen anzuschließen und so viel wie möglich gegen die Lebensmittelverschwendung und für die Retourenvermeidung zu tun.“

Im „ReBäck“ werde auch nicht immer alles verkauft, erzählt Heike Gjata, aber auch hier würde jemand vorbeikommen und die Reste abholen: „Mich freut es immer, wenn ich sehe, dass Menschen Respekt haben, was Lebensmittel betrifft. Es gibt Leute, die müssen hungern, und wir werfen so viel weg in Deutschland. Ich finde, das ist eine richtige Schande. Was wir hier machen, ist toll und das sollte es öfter geben – aber es ist im Vergleich nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ □

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