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Viele fleißige Hände

Der Biolandhof Bleiche in Bad Urach ist bekannt für seine Kartoffeln und sein Gemüse. 25 Menschen mit Behinderung finden dort Arbeit, ein Integrationsbetrieb der Bruderhaus Diakonie mit eigener Viehhaltung und Hofladen. Demnächst feiern dort alle gemeinsam Erntedank.

Alles im grünen Bereich. Foto: Andreas Steidel

Tilmann Wenning sortiert gerade Eier. Er tut das akribisch, begutachtet jedes einzelne, macht Schachtel um Schachtel verkaufsfertig. Der 32-Jährige mit Down-Syndrom ist einer der wichtigsten Mitarbeiter im Hofladen. Der Sekretär der Chefin, wie er augenzwinkernd betont, einer, der auch mit den Kunden ausgesprochen gut kann.

Außerdem geht Tilmann gerne aufs Feld. „Ernten und Jäten, das liegt mir“, sagt er mit einem breiten Lächeln. Stolz hebt er den Sack mit den Kartoffeln hoch. Ware in Bio-Qualität, die nun an den Endverbraucher geht. Der Kreislauf der Landwirtschaft, den die Beschäftigten hier von der Aussaat bis zur Vermarktung hautnah mitbekommen. Seit 30 Jahren gibt es den Biolandhof Bleiche in Bad Urach. Er liegt im Tal der Erms, unweit der B465 Richtung Dettingen. Um 1900 hat die Gustav-Werner-Stiftung das Anwesen der alten Textilbleiche erworben und einen Bauernhof eröffnet. Viele ihrer Niederlassungen hatten anfangs eigene Landwirtschaft. Es ging um die Versorgung der behinderten Mitarbeiter in den Werkstätten und Wohnheimen. Konventionelle Bauernhöfe, die in den 1980er-Jahren nach und nach geschlossen wurden. „Es hat sich nicht mehr gelohnt und war für die Einrichtung eigentlich nutzlos“, sagt Daniel Pfeiffer, Leiter der Landwirtschaft bei der Bruderhaus Diakonie.

So drohte auch der Bleiche die Schließung. Doch ging man hier einen anderen Weg und stellte den Betrieb auf Ökolandbau um. Der Vorteil war, dass auf Biohöfen mehr Personal gebraucht wird, zumal wenn dort der Schwerpunkt auf dem Gemüsebau liegt. Erde mischen und sieben, die Saat ausbringen, Zwiebeln stecken, Unkraut jäten: Da ist für jeden was dabei.

Rund 40 Hektar bewirtschaften Daniel Pfeiffer und seine Leute. 14 Festangestellte sind das, zwei Auszubildende als Gärtnerinnen im Gemüsebau, zwei Absolventen eines Freiwilligen Ökologischen Jahrs – sowie eben 25 Menschen mit Behinderung. Im einen oder anderen Fall können auch die eine Ausbildung machen: Fachwerker heißt das, eine abgespeckte Version der klassischen Berufsbildung.

Es ist gerade mächtig viel los auf dem Hof Bleiche. Erntezeit! Der Landwirt fährt mit Traktor, Erntemaschine und fünf Helfern hinaus aufs Kartoffelfeld. Alle sind guter Stimmung, die Sonne lacht.

Behinderte finden hier Arbeit

Sie tuckern an der Erms entlang. Unten am Fluss weiden die Kühe und Kälber. Auch sie gehören zur Landwirtschaft. Der Hof produziert Kalbfleisch, alle paar Wochen wird es in großen Paketen angeboten. Die Bleiche ist kein Gnadenhof, sondern ein Wirtschaftsbetrieb unter besonderen Vorzeichen. „Das ist durchaus ein Spannungsfeld“, gibt Betriebsleiter Daniel Pfeiffer zu, „wir müssen wirtschaftlich arbeiten und trotzdem die besonderen Bedürfnisse der Mitarbeiter berücksichtigen.“

Was sie auch berücksichtigen müssen, sind die vielfältigen Vorgaben des Biolandbaus. Chemische Düngung ist ebenso verboten wie das Ausbringen von entsprechenden Pflanzenschutzmitteln. Stattdessen arbeitet man mit Nützlingen wie Schlupfwespen oder mit Konzepten der Vierfelderwirtschaft, bei denen jährlich die Fruchtfolge wechselt: Auf Kartoffeln folgen Kleegras, auf Kleegras Dinkel oder Hafer.

„Man muss sehr vorausschauend arbeiten“, sagt Pfeifer, „kann nicht so kurzfristig reagieren wie im Landbau.“ Daniel Pfeiffer ist kein Polarisierer, respektiert auch die Arbeit der Kollegen. Verinnerlicht hat er den ökologischen Landbau dennoch ganz und gar. Seine Augen leuchten, wenn er die Hühner auf der grünen Wiese sieht oder seine Hinterwälder Rinder, die noch wie in alten Zeiten ihre Hörner tragen dürfen.

Auch das Gemüse macht ihm viel Freude. Was für eine herrliche Vielfalt wächst auf den Feldern und in den Folienhäusern. Salat, Möhren, Rote Bete, Kohl, Sellerie, Tomaten, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dazu kommen die Streuobstwiesen, aus deren Äpfeln dann ein naturtrüber Saft gepresst wird.

Gesundes vom Bauernhof, das längst seine Abnehmer gefunden hat. Sebastian Vlad (21) schiebt gerade eine neue Fuhre Endiviensalat in Richtung Hofladen. Es gibt so viel zu tun für Menschen mit Behinderung hier: Kartoffeln sortieren, stecken und ernten – Sebastian ist zwischenzeitlich ein Fachmann für vieles. „Es ist so wichtig, dass sie nicht immer nur das Gleiche tun“, sagt Daniel Pfeiffer.

Von Anfang an war die Direktvermarktung Teil des Bleiche-Konzepts. Zweimal in der Woche hat der Hofladen geöffnet. Die Leute kommen in großer Zahl, nehmen gerne unter der Linde Platz, trinken Kaffee und essen Kuchen aus der hauseigenen Bäckerei.

Wenn demnächst nun wieder Erntedank gefeiert wird, dann ist das etwas ganz Besonderes. Kartoffelund Gemüseauflauf, frisch vom eigenen Acker. In der Scheune wird dann ein kleiner Erntealtar aufgebaut und ein Gottesdienst stattfinden. Erntedank: Für Landwirtschaftsleiter Daniel Pfeiffer gibt es in diesen Zeiten mehr denn je Grund, Gott zu danken. Nach Jahren der Trockenheit die Flutkatastrophe, dazu die Corona-Pandemie: „Eine gute Ernte“, sagt er „ist nicht selbstverständlich. Sie war es noch nie, aber wir haben es leider oft vergessen.“


Information

Der Biolandhof Bleiche ist eine Einrichtung der Bruderhaus Diakonie mit Hauptsitz in Reutlingen. Der Hofladen hat dienstags und freitags von 11 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet. Es gibt einen Spielplatz, Kaffee und Kuchen und Streicheltiere: Untere Bleiche 1, Bad Urach, Telefon 07125-947813.