Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vielfalt als Chance - Impuls zur Predigt

1. Mose 11,1-4+8 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. (...) So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.

 

Vielfalt als Chance

Impuls zum Predigttext für den Pfingstsonntag: 1. Mose 11,1-9.

Von Gabriele Wulz

Gabriele Wulz ist Prälatin in Ulm. Foto: Privat


In einer langen Auslegungsgeschichte sind wir daran gewöhnt worden, die Geschichte vom Turmbau zu Babel als Gegengeschichte zu Pfingsten zu hören und zu verstehen. Schwarz-Weiß-Gegensätze sind eben einfach und einprägsam, und auf der dunklen Folie von der Turmbaugeschichte strahlt Pfingsten noch heller. Aber der Eindruck täuscht.

Das erste Buch Mose erzählt von der Sprachenverwirrung und Zerstreuung der Menschheit im Land Schinar nicht als Fluch, sondern als Ermöglichung von Vielfalt.

Wer also die Geschichte vom Turmbau genauer anschaut und sich von dem altbekannten Schema löst, kann neue, durchaus pfingstliche Entdeckungen machen.

Gabriele Wulz ist Prälatin in Ulm. Foto: PrivatAm Anfang der Geschichte vom Turmbau zu Babel steht der kollektive Monolog. Die Angst der Menschen, sich in der Weite des Raums zu verlieren, ist nicht zu überhören. Schutz und Zuflucht verspricht die große Stadt mit dem hohen Turm. So lässt sich Chaos bannen und eigene Identität bewahren. Die Einheitssprache macht allerdings wenig Lust. Kurz und knapp ist sie gehalten. An Eindeutigkeit sind die Aufforderungen nicht zu überbieten. Wer Großes schaffen will, hat, so scheint es, nicht viel Zeit für Schönheit und Poesie. Aber das Großbauprojekt scheitert. Gott sei Dank, dass Er das erzwungene und von Angst geleitete Einheitsbestreben der Menschen ins Leere laufen lässt.

Der Turm, das Symbol dieses vergeblichen Kampfs um die eigene Identität, wird den Himmel niemals erreichen. Stattdessen wohnen nun Menschen an den unterschiedlichsten Orten – verstreut – und sprechen die unterschiedlichsten Sprachen. Und bis heute gilt: Wenn wir einander verstehen wollen, dann müssen wir in den Dialog eintreten und die Sprache des Gegenübers lernen. Wort für Wort. Satz für Satz.

Die Geschichte vom Turmbau zeigt auf wunderbare und durchaus auch ironische Weise, dass die von Menschen verordnete und erzwungene Einheit schiefgehen muss. Mit der Zerstreuung der Menschheit über die ganze Erde rettet Gott die Vielfalt und ermöglicht, dass wir verschieden sein und bleiben dürfen.

Gabe des Heiligen Geistes

An Pfingsten feiern wir die Gabe des Heiligen Geistes und freuen uns daran, dass Gott Menschen durch seinen Geist beruft. Das aber ist nicht das Ende der Verschiedenheit.

Im Gegenteil: Am Wochenfest in Jerusalem wird in den unterschiedlichsten Sprachen miteinander geredet. Das Wunder ist, dass es einen Moment gibt, in dem das Lob Gottes in der jeweils eigenen Sprache zu hören und zu verstehen ist.

Nicht die eine Sprache wird an Pfingsten (wieder) gefunden, sondern das Verstehen des anderen. Pfingsten als Fest des Heiligen Geistes ist deshalb das Fest der Einmütigkeit, aber eben nicht der verordneten Einheit. In unseren Gemeinden denken wir oft, dass wir alle eine Sprache sprechen müssten. Der Geist Gottes aber ist mutiger. Von Anfang an.

Foto: Unsplash/Hannah BusingFoto: Unsplash/Hannah Busing

Gebet

Herr, unser Gott, als Ruf zur Freiheit, als Kraft der Liebe, als Wirbel der Freude kommt dein Geist in die Welt.

Du rufst uns aus Einsamkeit und Kummer und lässt uns hören das Lob deiner Taten.

Hilf uns, dass wir’s verstehen.

Amen.