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Vielversprechende Premiere - Gemeindehaus wird Gasthaus

SIGMARINGEN – Eine Woche lang wurde Anfang Oktober das Gemeindehaus zum Gasthaus: Erstmals fand dort eine Vesperkirche statt. Bei der Essensausgabe hat auch die gebürtige Sigmaringerin Gerlinde Kretschmann mitgeholfen.

Gerlinde Kretschmann hilft bei der Essensausgabe in ihrer Heimatstadt. Foto: Bianca SchererGerlinde Kretschmann hilft bei der Essensausgabe in ihrer Heimatstadt. Foto: Bianca Scherer

„Einander sehen – füreinander da sein“, unter dieses Motto haben die Gemeinde Sigmaringen (Dekanat Balingen) und ihre Mitorganisatorin, die Johannes-Ziegler-Stiftung Wilhelmsdorf, die erste Sigmaringer Vesperkirche gestellt. Der späte Termin im Oktober ist Corona geschuldet, ursprünglich sollte die Vesperkirche bereits im April starten. Die Erfahrung der Zieglerschen und ihrer Vesperkirchen-Verantwortlichen Vanessa Lang haben es dem Sigmaringer Kirchengemeinderat und Pfarrer Matthias Ströhle erlaubt, das organisatorische und finanzielle Wagnis einer Vesperkirche einzugehen. Für die Premiere haben sie eine prominente Schirmherrin gewonnen: Gerlinde Kretschmann, die in Sigmaringen geborene Frau des badenwürttembergischen Ministerpräsidenten. Sie hat an einem Tag bei der Essensausgabe geholfen.

Nach dem Auftakt am Erntedankfest wurden die Gäste aus verschiedenen Schichten der Gesellschaft durch 45 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gemeindehaus bedient. Daran beteiligten sich auch das Deutsche Rote Kreuz und die Flüchtlingsberatung der Diakonie.

An allen Tagen gab es die Wahl zwischen einem Essen mit Fleisch und einem vegetarischen Gericht. Ausgegeben wurde es kostenlos. „Jeder kann geben, so viel er will und kann. Wer mehr gibt, unterstützt andere, die weniger zur Verfügung haben“, war der Leitgedanke.

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An drei Tagen wurde das von Sponsoren gespendete Essen von örtlichen Gastronomen geliefert, an vier Tagen von der Küche des katholischen Kinderheims Haus Nazareth eingekauft. Von Tag zu Tag konnten mehr Gäste von den Mitarbeitern begrüßt werden, darunter viele Ältere: „Es ist schön, wenn man nicht alleine zu Hause beim Essen sitzt“, war oft an den Tischen zu hören. An Spitzentagen haben die Ehrenamtlichen 100 Essen ausgegeben, als sich sogar Schulklassen mit ihren Lehrern angemeldet hatten.

Vesperkirche Sigmaringen. Foto: Bianca SchererVesperkirche Sigmaringen. Foto: Bianca Scherer

Der Mensch lebt bekanntlich nicht vom Brot allein. Jeden Mittag gab es eine Andacht in der Kirche. Soziale und kulturelle Angebote waren ebenso Teil der Sigmaringer Vesperkirche. An verschiedenen Tagen waren die Caritas-Beratungsstellen für häusliche Gewalt und für pflegende Angehörige vor Ort, um Fragen zu beantworten. Auch die Gemeindepsychiatrie sowie die Sozial- und Lebensberatung der Diakonie kamen zur Vesperkirche ins Gemeindehaus, das ökumenisch getragene „Kleiderreich“ hat Secondhandkleidung angeboten. Zwei ehrenamtliche Friseurinnen schnitten kostenlos die Haare der Gäste und eine Ärztin hielt Sprechstunde. An jedem Vesperkirchentag gab es ein kleines Orgelkonzert des Sigmaringer Kantors Ferdinand Ehni.

An zwei Abenden wurde die Vesperkirche zur Kulturstätte: Der Theologe Felix Leibrock stellte bei einer sehr gut besuchten Veranstaltung sein Buch über Obdachlosigkeit vor. Um das Thema „Versteckte Armut – Kinder in Coronazeiten“ ging es bei einer Podiumsdiskussion in der Kreuzkirche.

In Gesprächen haben die Ehrenamtlichen und die Organisatoren viele positive Rückmeldungen bekommen. Gerade die Möglichkeit zur Begegnung kam bei den Besucherinnen und Besuchern gut an.

Sigmaringen. Podiumsdiskussion im Rahmen der Vesperkirche. Foto: Bianca SchererPodiumsdiskussion im Rahmen der Vesperkirche. Foto: Bianca Scherer

„Unsere Vesperkirche ist eine wirklich schöne Sache. Wenn sie nächstes Jahr wieder stattfindet, bin ich mit Sicherheit dabei“, sagte Gabi Kienzel, die während der ganzen Woche ehrenamtlich mitgearbeitet hat. Die Vesperkirchenwoche endete mit der Feier eines Diakoniefests. Vielleicht ist ein Effekt dieser Sigmaringer Erfahrung, dass Vesperkirchen künftig noch öfter nicht nur in großen Städten stattfinden, sondern dass auch kleinere Kirchengemeinden den Mut fassen, ein solches Projekt anzugehen. Denn auch in unserer satt erscheinenden Gesellschaft ist materielle und soziale Armut weit verbreitet.