Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vom Alltag abtauchen

Der Mensch von heute rennt der Zeit hinterher, versucht verzweifelt, möglichst viel davon einzusparen. Und fühlt sich dabei immer gehetzter. Dementsprechend boomen Wellnessangebote und Entspannungstechniken wie Yoga. Dabei kann es schon mit einfachen Mitteln gelingen, im Alltag einen Gang herunter­zuschalten und – sich entspannter zu fühlen. 


Entspannungsangebote wie Yoga stehen hoch im Kurs. Immer mehr Menschen suchen Ausgleich vom ständigen Zeitdruck. (Foto: Philipp Wiebe/pixelio)

Der Werbespot einer großen Supermarktkette erschien vor ein paar Jahren – und wurde im Internet zu einem echten Renner: „Heimkommen“ heißt der Videoclip, der auf dem Portal „youtube“ über 40 Millionen Mal aufgerufen wurde. Er zeigt einen alten Mann, dessen Weihnachtsfest zu einem großen Desaster zu werden droht, weil keines seiner Kinder und Enkel Zeit hat, zu ihm zu kommen. Mit einem makabren Scherz schafft er es schließlich, dass sich an Heiligabend die komplette Familie bei ihm einfindet: Er versendet seine eigene Todesanzeige. „Wie hätte ich euch sonst alle zusammenbringen sollen?“, fragt er.

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Eine erfundene Geschichte, die einen wahren Kern hat. Und auch deshalb so große Resonanz bekam, da er offensichtlich den Nerv der Zeit trifft. Das zeigt auch das Angebot an so genannten Zeitmanagement-Seminaren, die es heutzutage gibt. Diese werben mit Schlagworten wie „In weniger Zeit mehr erreichen“, „Höhere Produktivität, mehr Effizienz, mehr Erfolg“ oder „Mehr leisten in weniger Zeit“.

Das Ziel ist klar: Es geht darum, jede unnötige Zeitverschwendung zu vermeiden und sich und seine Arbeitsweise so zu organisieren, dass sie möglichst ertragbringend ist. Die Angebote reduzieren sich allerdings nicht auf den normalen Arbeitnehmer. Selbst für gestresste Eltern gibt es reihenweise gute Ratschläge, wie sie ihren anstrengenden Alltag mit einem vernünftigen Zeitmanagement in den Griff kriegen können: Wie nutze ich die Zeit? Arbeite ich in meinem Alltag effizient? Kann ich mir das, was zu erledigen ist, gut einteilen?

Auch hier stehen solche Fragen im Vordergrund. Und die Antworten werden gleich mitgeliefert: „Klare Ziele setzen“ heißt es da, „Erst einmal Übersicht verschaffen“, „Prioritäten setzen“, „Planen“ oder „Motiviert sein“, so lauten die Ratschläge. Es scheint so, als ob der Alltag ohne entsprechende Anleitung, ohne professionelles Zeitmanagement, fast nicht mehr zu bewältigen ist.

Warum das so ist, dafür haben Wissenschaftler verschiedene Erklärungen. Der Physiker und Philosoph Stefan Klein etwa ist der Meinung, dass wir heute tatsächlich mehr Zeitdruck empfinden. Nicht unbedingt, weil wir so viel zu tun haben, sondern weil es schwieriger geworden ist, die Zeit perfekt einzusetzen. Kein Wunder, schließlich kann der Mensch heute zwischen unzähligen Möglichkeiten wählen: Biotee oder Filterkaffee? Veganer Burger oder argentinisches Rinderfilet? Schiebe- oder Klapphandy? Shampoo für feines oder trockenes Haar?

Wer im Internet schon einmal seinen Urlaub gebucht hat und gibt dort das Stichwort „Urlaub in Südtirol“ ein, erhält Hunderte von Unterkünftigen als Treffer. Von der Fülle an Angeboten wird der Einzelne fast erschlagen. Dabei halbwegs den Durchblick zu bewahren, sich einen Überblick zu verschaffen und am Ende eine Wahl zu treffen, das kostet Zeit. Und es stresst, zumal es den meisten schwer fällt, auf etwas zu verzichten.

Statt sich auf eine Sache zu konzentrieren, versuchen die meisten, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Dabei ist der Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt: Denn wer möglichst viele Dinge gleichzeitig erledigen möchte, benötigt im Endeffekt für alles viel länger. Aus diesem Grund nimmt der Zeitdruck durch moderne Kommunikationsmittel wie das Smartphone auch zu anstatt ab.

Dass bei der allgemeinen Lebensführung etwas schief läuft, spürt die gestresste Gesellschaft inzwischen. Und so versuchen immer mehr Menschen, aus diesem Hamsterrad auszubrechen. Der Begriff „Achtsamkeit“ verbreitet sich zunehmend, teilweise wird er schon inflationär verwendet. Laut einer Studie praktizieren inzwischen rund 2,6 Millionen Deutsche Yoga. Auch Tourismus- und Kosmetikindustrie haben das Bedürfnis nach Entschleunigung als Geschäftsmodell für sich entdeckt. So werden immer mehr Entspannungsseminare angeboten, inzwischen wirbt nahezu jedes Hotel mit Wellnessangeboten.

Stellvertretend für die Sehnsucht nach Entschleunigung steht zum Beispiel die Erfindung des so genannten Floating-Tanks: ein Becken, gefüllt mit konzentriertem Salzwasser, in das man sich hineinlegen und  schwerelos an der Oberfläche treiben kann – völlig abgeschottet von Außenreizen. Das Wasser ist mit rund 35 Grad auf die menschliche Außenhaut-Temperatur eingestellt, so dass der Nutzer weder Wärme noch Kälte empfindet. Das Entspannungsverfahren wird oft im therapeutischen Bereich gegen das Burnout-Syndrom oder als Schmerztherapie eingesetzt.

Doch bei allen Entspannungsangeboten gilt: Ein Wellnesswochenende allein trägt nicht zu einem veränderten Lebensrhythmus bei. Zumal, wenn man an solchen Tagen alte Gewohnheiten beibehält und trotzdem die ganze Zeit online ist. Oder wenn ein Entspannungstermin den nächsten jagt, das Wellnesswochenende ähnlich durchgetaktet ist wie der normale Arbeitsalltag.

Anstatt jeder einzelnen Sekunde hinterherzurennen, ist es sinnvoller, Zeit bewusst ungeplant zu lassen – und zwischendurch nichts zu tun. Zumal, und das ist das Erstaunliche, die besten Ideen oft dann entstehen, wenn man an etwas anderes denkt und sich nicht bewusst damit befasst. Der Philosoph und Wirtschafts­ethiker Karl-Heinz Brodbeck hat festgestellt, dass der Einzelne immer dann besonders kreativ ist, wenn er an gar nichts denkt: Im Urlaub, beim faulen Sonnetanken am See oder Meer, oder an einem verregneten Sonntag, wenn man einfach im Bett bleibt.

Und es gibt noch andere Möglichkeiten, zu entschleunigen und einen Gang herunterzuschalten: Indem man im Alltag feste Rituale einbaut. Morgens im Büro erst einmal in Ruhe die Blumen gießen, in der Mittagspause ein paar Schritte gehen. Ab und zu bewusst die Augen für ein paar Minuten schließen und alles andere versuchen auszublenden. Abends bei Sonnenuntergang einen kleinen Spaziergang machen, ganz ohne Handy, und äußere Reize bewusst auf die Sinneserfahrungen der Natur zu reduzieren. Oder einen Tag ganz ohne Uhr verbringen, zum Beispiel am Wochenende. Sich zwischendurch einfach treiben zu lassen von dem, worauf man gerade Lust hat. Denn das Gefühl, nicht mehr selbst Herr über seine Zeit zu sein, rührt oft daher, dass kaum noch Lücken für ungeplante Zeit gelassen werden.

Um achtsamer zu werden, empfiehlt der Psychologie Marc Wittmann, sich jeden Tag eine Stunde konzentriert einer Sache, wie etwa dem Lesen, zu widmen. Oder nur 15 Minuten auf dem Sofa zu sitzen und nichts anders zu tun, als sich auf seinen Körper zu konzentrieren. Denn wer sich auf die einzelnen Körperteile konzentriert, die Schwere und Wärme empfindet, den Herzschlag in Ruhe, der wird sich nicht nur der Zeit bewusst, sondern verlangsamt sie auch.  

Zeiten des Wartens sind ebenfalls eine gute Möglichkeit, um zu entschleunigen. Auch, wenn solche „Leerphasen“ meistens als lästig empfunden werden: Wer wartet, möchte meist nur schnell die Zeit bis zum nächsten Ereignis überbrücken. Zum Beispiel, wenn er im Restaurant sitzt und darauf wartet, dass der Kellner ihn schnell bedient. Im Stau, wenn es nur langsam vorwärts geht und der nächste Termin schon ansteht. Beim Einkaufen, in der Warteschlange an der Kasse. Oder an der Bushaltestelle, im Wartezimmer der Arztpraxis.

Doch wer das Warten als etwas Positives begreift, der kann diese Zeit als eine Phase erleben, die wie alle anderen Augenblicke auch gewollt ist und ihren Platz im Leben hat. Um Stille bewusst zu erleben, um kreative Gedanken zu entwickeln, ganz ohne Druck. Oder durch ungeplante Begegnungen in dieser Zeit neue Impulse zu bekommen.

Gewinnbringend kann es auch sein, die Zeit des Wartens ganz bewusst als Phase der Vorbereitung auf das nächste Ereignis wahrzunehmen. Als Vorfreude und damit wichtiger Teil des späteren Erlebens. So wie es bei der Vorbereitung auf den Urlaub der Fall ist, oder im Advent, beim Warten auf Weihnachten.

Der evangelische Rundfunkpfarrer Klaus Nagorni hat sich ausführlich mit dem Thema Entschleunigung auseinandergesetzt. Er fordert, dass der Mensch wieder seine Aufmerksamkeit „auf die Zeitformen richten muss, die aus unserem Leben verschwunden sind“. Dazu gehören für ihn auch die Mahlzeiten und Feiertage. Das heißt: Statt Fastfood und schnellem Imbiss im Vorbeigehen sollten sich die Menschen wieder auf das besinnen, was sie miteinander verbindet: dass sie essen und trinken müssen. „Die vielen Mahlzeiten, die Jesus im Kreis seiner Jünger feiert, sind gewiss kein Zufall“, sagt er.

Als Insel inmitten des Zeitstrudels eignet sich auch gut der Morgen: Zu dieser Tageszeit ist der Alltagstakt noch nicht in Kraft gesetzt, viele Stunden liegen noch frisch vor einem. Eine gute Zeit, um die tägliche Chance, den Tag erleben zu dürfen, bewusst wahrzunehmen – zum Beispiel in Form einer kleinen Andacht.

Für den inzwischen verstorbenen evangelischen Theologen Jörg Zink war der Morgen „die Stunde der seelischen Beweglichkeit und Aktivität, der Phantasie, der originalen Gedanken und Einfälle“. Der Publizist erzählte, dass er, soweit es ihm möglich war, 50 Jahre lang um vier Uhr morgens aufstand. „Bis das Leben in meinem Büro einsetzte, hatte ich vier Stunden der absoluten Stille, in der ich das tun konnte, was mir wichtig war, ehe die Zeitung kam, die Familie, das Frühstück, das Telefon, die Besucher und mit dem allen die tägliche Eile.“

Auch wenn das nicht für jeden nachahmenswert sei, so könne er eines empfehlen: „Man muss wissen, woher man die Zeit nehmen will.“ Das könne auch der Abend oder die Nacht sein. Wichtig sei, „sich der eigenen Zeit bewusst zu werden.“


Buch-Tipp

Franciska Bohl, Andreas Steidel: Alles hat keine Zeit? Wie wir unser Leben sinnvoll nutzen.

Verlag der Evangelischen

Gesellschaft Stuttgart 2017.

110 Seiten, 14,95 Euro.

ISBN 978-3-945369-38-8.


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