Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vom Klang der Stille - Innere und äußere Ruhe

Viele Menschen sind auf der Suche nach ihr, doch echte Stille ist in einer mittlerweile reizintensiven Umwelt selten geworden. Dabei können Erfahrungen, die man mit ihr macht, existenziell sein. Auf den Spuren eines Phänomens, das den Menschen seit jeher fasziniert.

Der Klang der Stille. Titelfoto: jessica-f/unsplashDer Klang der Stille. Titelfoto: jessica-f/unsplash

Wer auf der Suche nach dem ruhigsten Ort der Welt ist, entdeckt ihn nicht etwa in einer abgelegenen Wüstenlandschaft am anderen Ende der Welt. Sondern in Redmond, im US-Bundesstaat Washington. Dort befindet sich das „Audio Lab“ von Microsoft, in dem Experten verschiedene Tests durchführen. Die speziell abgedichtete, echofreie Kammer wurde als Raum im Raum gebaut; es gibt keinen echten Boden, nur ein gespanntes Metallnetz. Dazu verhindern dicke Schaumstoffkeile und -polster, dass Geräusche jeglicher Art zu vernehmen sind. Durch die ausgeklügelte Konstruktion herrscht in dem Raum eine Lautstärke von minus 20 Dezibel. Diese absolute Ruhe hat es in sich: Viele Besucher, die den Raum betreten, halten den Zustand nicht aus. „Stille wirft uns auf unseren Körper zurück. Man hört das Blut rauschen, das Zeitempfinden geht verloren“, so beschreibt es Martyn Schmidt. Der Geisteswissenschaftler und Soundkünstler hat sich ausführlich mit dem Thema Stille auseinandergesetzt und versucht, anderen in Vorträgen das „abstrakte und aus der Zeit gefallene Thema“, wie er es selbst nennt, nahezubringen.

Im Alltag ist Stille kaum noch zu finden

Fest steht: Stille ist mehr als die „Abwesenheit jeglichen Geräusches“, wie sie gerne definiert wird. Sie ist in Zeiten, wo ein nahezu ständiger Geräuschpegel den Alltag dominiert, fast schon eine Haltung. Doch echte Ruhe ist selten geworden, und wenn sie entsteht, führt das schnell zur Irritation.

Zwar gibt es eine sogenannte verabredete Stille, wie bei Konzerten oder Vorträgen. Diese ist jedoch stark zeitlich begrenzt und von der Erwartung auf das nächste Ereignis geprägt. So wie bei Gedenkminuten in prall gefüllten Fußballstadien, wenn sich nach Beendigung Erleichterung breitmacht und darauf hin mit viel Enthusiasmus die gewohnten lauten Anfeuerungsrufe wieder aufgenommen werden.

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Auch im Alltag ist echte Stille kaum noch zu finden. Im Gegensatz zu den Augen lassen sich die Ohren schließlich nicht verschließen. Und so wird der Lärm der Umwelt mit Gegengeräuschen versucht zu übertönen und viele verschanzen sich hinter der Musik, die aus ihren Kopfhörern dröhnt.

Das Phänomen der Stille hat den Menschen immer wieder beschäftigt. Sie spielte etwa bei den Styliten, den Säulenheiligen, im vierten und fünften Jahrhundert eine wichtige Rolle – sie verbrachten ihr Leben aus Gründen der Askese auf dem Kapitell einer Säule. Bis hin zu Künstlern der Gegenwart, die sich – wie etwa „Simon & Garfunkel“ durch ihren Song „Sound of Silence“ – damit kreativ auseinandersetzten.

Dass die Gesellschaft von Dauerlärm umgeben ist, hat seinen Ursprung in den Zeiten der Industriellen Revolution, die ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann. „Damals wurde die Ruhe in den Städten vertrieben, es entstanden mit Kohle und Dampf neue, laute Energiequellen“, berichtet Martyn Schmidt. Dampfmaschine, Hydraulikpresse, Nähmaschine und Bohrmaschinen wurden fester Teil der Arbeits- und häuslichen Alltagswelt und Geräusche über der Grenze von 55 Dezibel zur Dauerbelastung.

Ein ähnlich großer Einschnitt war die elektrische Revolution, die mit der Erfindung von Phonograph, Telefon und Radio einherging. „Damit wurden Klänge von Zeit und Ort losgelöst, sie fingen quasi an, rumzuwabern“, sagt Schmidt. Heute, in Zeiten der digitalen Revolution, werden Klänge längst rund um die Welt geschickt und seriell hergestellt.

Kein Wunder, dass mit Zunahme des globalen Lärmkosmos auch der Widerstand dagegen wuchs: Antiphone und Ohropax sollten dem Menschen Schutz vor der ständigen Lärmkulisse bieten; 1908 gründete Theodor Lessing einen Anti-Lärm-Verein, der sich gegen die Geräusche des modernen Lebens wandte. Doch die Sehnsucht nach Stille ist geblieben, das zeigt die große Nachfrage bei Meditations- und Stille-Angeboten in entsprechenden Einkehrhäusern. Zu ihnen zählt auch das Kloster Kirchberg. Die idyllische Anlage in der ruhigen Naturlandschaft scheint vielen Gästen optimale Rahmenbedingungen zu bieten, um zur äußeren und inneren Ruhe zu finden.

Matthias Gössling, geistlicher Leiter des Berneuchener Hauses im Kloster, beobachtet, dass der Rhythmus der Stundengebete bei der inneren Einkehr und der Suche nach Stille eine wichtige Rolle spielt. „Feste Rituale sind wichtig – sie sorgen für ein Gleichmaß und geben damit Sicherheit. So kommen die Menschen aus ihrem Alltagsstress heraus und finden zur Ruhe.“

Er weist jedoch auf den Unterschied zwischen innerer und äußerer Ruhe hin: Innere Ruhe könne nicht nur beim Wandern in der Natur, sondern auch etwa bei gemeinsamem Singen und Beten entstehen. Dabei komme es zu einem „gleichmäßigen Schwingen“, das einen beruhigenden Gleichklang erzeuge. „Stille heißt, etwas wirkt auf mich“, fasst er es zusammen.

Stille könne dem Einzelnen aber auch zu viel werden. „Nicht jeder kommt damit klar, manche fühlen sich damit erst einmal überfordert.“ Aus diesem Grund legen die Verantwortlichen Wert darauf, dass es Gesprächsangebote gibt und die Möglichkeit, in der Gruppe über seine Gedanken sich auszutauschen.

Innere Ruhe kann auch in Gemeinschaft entstehen

Auf eine existenzielle Auseinandersetzung mit der Stille hat sich Sara Maitland eingelassen: Die britische Autorin zog sich für 40 Tage alleine auf eine Insel zurück, um die Stille zu erforschen. Es folgten weitere Expeditionen in der Wüste, in Wäldern und in den Bergen. Ihre persönlichen Erfahrungen, die sie in ihrem „Buch der Stille“ niedergeschrieben hat, sind faszinierend, manchmal auch erschreckend.

So fiel ihr auf, dass ihre Sinne in dieser Zeit viel stärker waren als sonst. Die einfach zubereiteten Mahlzeiten schmeckten intensiver, auch das Gehör schien feiner zu werden: „Eines Abends fiel mir auf, dass ich plötzlich die verschiedenen Geräusche, die der Wind machte, unterscheiden und hören konnte, wie sie miteinander in Beziehung standen – wie ein Orchester … die kurzen Augenblicke von Windstille waren köstlich und tröstlich. Ich fühlte mich völlig im Jetzt und das ganz körperlich“, so schildert sie es.

Auch „emotionale Achterbahnfahrten“ seien auf der Tagesordnung gewesen. „Ich fühlte mich, als ob die Stille selbst mich häutete“, formuliert es Maitland. Teilweise litt sie sogar an akustischen Halluzinationen. So etwa an einem Abend, als sie im Schlafzimmer einen Männerchor gregorianische Gesänge singen hörte. „Das Gehirn interpretiert Geräusche als Sprache“, so ihr Eindruck.

Für Sara Maitland steht fest: Es gibt einen „Klang der Stille“: „Dieser Klang lässt sich schwer beschreiben. Er fühlt sich an wie ein Hörerlebnis und du hörst ihn tatsächlich, doch ich glaube, in Wirklichkeit ist er die Abwesenheit von allem, was es zu hören gibt.“

Eine ähnliche Erfahrung hatte John Cage (1912 – 1992) gemacht, in einem so genannten reflexionsarmen Raum, der kein Echo wirft. Als der US-amerikanische Komponist und Künstler diesen betrat, vernahm er zwei Töne: einen hohen und einen tiefen. Der zuständige Techniker erklärte ihm hinterher, der hohe Ton sei sein eigenes Nervensystem, der tiefe sein Blutkreislauf. Das Erlebnis inspirierte ihn zu seinem Werk 4‘33“, das er 1952 komponierte. Es besteht daraus, dass ein Pianist am Flügel sitzt und mehr als viereinhalb Minuten lang nichts spielt. Damit wollte Cage zum Nachdenken über Musik und Stille anregen.

So unterschiedlich die Erfahrungen mit der Stille sind, eines steht fest: Wer sich auf die Suche nach der Stille macht, landet bei der Frage nach der richtigen Definition bei unterschiedlichen Antworten. Doch es lohnt, sich zwischendrin bewusst auf die Stille einzulassen, meint Martyn Schmidt. Sein Rat: „Sie müssen sich der Stille mit Sanftmut nähern. Dann merken Sie, dass sie etwas ganz Liebevolles ist.“ □

Buch-Tipp

Sara Maitland: Das Buch der Stille. Über die Freuden und die Macht von Stille.
Edition Steinrich Berlin 2017. ISBN 978-3-942085-57-1.

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de

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