Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vom Verbot zur Freundschaft

RAVENSBURG – In der früheren Freien Reichsstadt Ravensburg hatten jüdische Bürger über Jahrhunderte hinweg einen schweren Stand. Heute pflegt die „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Begegnung in Oberschwaben“ den Austausch zwischen Juden und Christen.

Aktiv für christlich-jüdische Begegnung: Stefan Brückner, Ursula und Werner Wolf (von links). Foto: Brigitte Geiselhart


Jüdischer Geschichte begegnet man in der oberschwäbischen Stadt Ravensburg auf Schritt und Tritt – und das ist durchaus wörtlich gemeint. Man muss aber schon genau hinsehen. Aufmerksame Beobachter erkennen in der Straßenpflasterung kleine kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von etwa zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich jeweils eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Insgesamt 27 dieser Mahnmale gibt es im Ravensburger Stadtgebiet.

Zwei davon liegen am Marienplatz 31. Sie weisen auf Betty und Friedrich Landauer hin. „Deportiert 1942. Theresienstadt. Ermordet 1945 im Ghetto Riga.“ Oder in der Kirchstraße 11. „Hier wohnte Jakob Harburger, Jahrgang 1897. Verhaftet 1939. KZ Dachau. Ermordet 1942 in Auschwitz.“ Mehr als 75 000 solcher Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig gibt es mittlerweile in Deutschland und anderen europäischen Ländern – und eben auch in Ravensburg. Sie erinnern an das Schicksal von Menschen, die während des Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Spurensuche: 1330 wird in der Freien Reichsstadt Ravensburg erstmals eine kleine jüdische Gemeinde erwähnt. Als aber in Europa die Pest ausbrach, sollten Juden schuld sein. Bauern, Handwerker und Bürger ermordeten 1349 zahllose jüdische Mitmenschen, die auf die Burg geflüchtet waren und dort gefangengesetzt wurden. Ende des 14. Jahrhunderts hielt sich wieder rund ein Dutzend jüdischer Familien in Ravensburg auf. Sie wohnten in der Judenstraße, die seit 1934 „Grüner-Turm-Straße“ heißt. Gegen Zahlung einer Bürgeraufnahmegebühr gewährte die Stadt ihnen Schutz und stellte sie christlichen Bürgern gleich. 1429 wurden die ortsansässigen Juden dann endgültig aus der Stadt vertrieben oder verbrannt, weil man sie beschuldigte, einen Ritualmord begangen zu haben und für ein verheerendes Hochwasser verantwortlich zu sein. Zerstört wurde auch die Synagoge in der Judenstraße.

1431 beschloss die Stadt Ravensburg, nie wieder Juden in der Stadt aufzunehmen. 1559 ließ sich die Stadt dieses Verbot von Kaiser Ferdinand I. ausdrücklich bestätigen. Dieses Ansiedlungsverbot blieb jahrhundertlang bestehen. So hieß es noch in einer für die Stadtwache erteilten Instruktion aus dem Jahre 1804: „Da die Juden hier kein Gewerbe oder Handelschaft treiben dürfen, so sind überhaupt keine anderen, als mit der Post oder Kutsche herein- oder durchfahrend in die Stadt einzulassen, die übrigen aber, wenn sie nicht einen Erlaubnisschein zum längeren oder kürzeren Aufenthalt vom Polizeiamt erhalten haben, sind von der Polizeiwacht aus der Stadt zu schaffen.“

Keine Juden in der Stadt erlaubt

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zogen wieder einige wenige jüdische Familien nach Ravensburg – sie gehörten der Kultusgemeinde in Buchau an. 1889 wurde durch den Buchauer Rabbiner Dr. Laupheimer erstmals seit dem Mittelalter wieder ein jüdischer Gottesdienst am Ort durchgeführt.

1933 lebten 23 jüdische Männer und Frauen in der Stadt. In den folgenden Jahren zogen die meisten von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weg oder wanderten aus. Bis 1938 wurden alle jüdischen Geschäfte aufgegeben. Das letzte von ihnen war das Kaufhaus Wohlwert, das beim Novemberpogrom 1938 beschädigt wurde.

Und heute? Jüdische Mitbürger sind in der Turmstadt im Schussental kaum noch bekannt. Seit 1980 gibt es die „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Begegnung in Oberschwaben e.V.“ mit Sitz in Ravensburg. „Wir sind bestrebt, die Begegnung und den Dialog zwischen Juden und Christen zu fördern“, sagt die Geschäftsführerin Ursula Wolf. Neben der religiös-kulturellen Basis sehe der Verein seine Aufgabe aber auch darin, sich mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen. Zum Beispiel mit dem in den vergangenen Jahren wieder wachsenden Antisemitismus in Deutschland. „Ich fühle mich in Deutschland sicher und wohl. Und ich habe persönlich auch kaum Ressentiments erlebt“, betont Vereinsmitglied Elias Kronstein. „Ich habe aber schon den Eindruck, dass die Stimmung vor etwa 20 Jahren gekippt ist und die große Sympathie, die Israel damals von deutscher Seite aus entgegengebracht wurde, in Teilen der Bevölkerung merklich geschwunden ist“, sagt der 72-Jährige, der in Kressbronn wohnt und dort bis vor kurzem ein Reisebüro geführt hat. Kronstein war in seinem Leben viel unterwegs. In Frankreich geboren, wuchs er in München auf, hat eine Zeit lang in Israel gelebt und ist schließlich aus familiären Gründen am Bodensee gelandet, weil er sich um die Pflege seiner dort lebenden Mutter kümmern wollte. In Israel hat er viele Vorträge vor Schülern gehalten. „Und ich habe ihnen immer erzählt, dass es in Deutschland keinen Antisemitismus mehr gäbe. Aber das hat sich mittlerweile leider als Wunschdenken erwiesen“, sagt Elias Kronstein betrübt.

Ein Antisemitismus-Experte ist Stefan Brückner. Der inzwischen pensionierte evangelische Pfarrer hat viele Vorträge zu diesem Thema gehalten. Das Engagement in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Begegnung ist ihm in den vergangenen Jahren mehr und mehr zur Herzensangelegenheit geworden. Und er sucht weiter den Blick über den Tellerrand. „Zurzeit bin ich an einem Filmprojekt beteiligt, das sich mit der mehr als 600-jährigen Geschichte der jüdischen Gemeinden in Bad Buchau beschäftigt“, berichtet Stefan Brückner.

Austausch mit Schülern aus Israel

Bei der Begegnung zwischen Juden und Christen hat der Verein auch junge Leute im Blick, wie Werner Wolf, der katholische Vereinsvorsitzender, betont. Vor gut 30 Jahren haben er und seine Frau Ursula als damalige Lehrer am Gymnasium Weingarten und Welfengymnasium Ravensburg den Schüleraustausch mit einer israelischen Partnerschule in Nahariya – einer am Mittelmeer gelegenen Stadt mit knapp 60 000 Einwohnern nördlich von Haifa – initiiert und vorangetrieben. Ein Austausch, der zahlreiche Schüler auf beiden Seiten zusammengeführt hat. „Er hat bei vielen Jugendlichen Spuren hinterlassen“, sagt Werner Wolf. „Dadurch sind nicht zuletzt viele nachhaltige deutsch-israelische Freundschaften entstanden.“ □