Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vom Zauber der Kunst - Kunsttherapeutin Beatrix Keller

Sie hilft Menschen, die in einer kritischen oder gar lebensbedrohlichen Situation sind, wieder Zugang zu sich selbst zu finden: Beatrix Keller ist Kunsttherapeutin. Malen und Gestalten ist für sie eine Möglichkeit, Empfindungen Ausdruck zu verleihen und etwas ins Fließen zu bringen.

Malerei. Pinsel. Foto: Skitterphoto, pixabayFoto: Skitterphoto, pixabay

Wer die großzügigen und hellen Atelierräume von Beatrix Keller betritt, fühlt sich dem hektischen Alltag sofort entrückt. Die Wände sind mit farbenfrohen Gemälden geschmückt, überall stehen Kunstutensilien wie Pinsel, Tonerde, Schwämme, Kleister und Kreide verteilt. Im Hintergrund klimpert leise Klaviermusik, beim Blick aus dem Fenster schweift der Blick weit hinaus über die Filderebene bis hin zum Schloss Hohenheim.

Beatrix Keller gießt langsam Tee aus der Kanne ein – „Glückstee“, sagt sie lächelnd – und erzählt, wie die Kunst in ihr Leben gekommen ist. Der Kunstunterricht in der Schule erschien ihr mühsam, bis ein Lehrer ihr Zeichentalent entdeckte und sie motivierte, sich intensiver damit zu beschäftigen. „Ab da wurde mir bewusst, dass ich mit dem künstlerischen Schaffen zu mir selbst finden kann“, sagt die heute 65-Jährige. „Wenn ich Stress hatte mit der Familie oder Liebeskummer, konnte ich mich mit meiner Situation auseinandersetzen.“

So sei ein Bild im Raum entstanden, wo widersprüchliche Gefühle ohne Zensur zum Ausdruck kommen. „Ich konnte Abstand gewinnen und eine eigene Ordnung in meiner Welt finden. Das war ein bisschen wie Zaubern.“ Auch spürte sie, „dass ich beim Malen etwas von mir erfahre, auf das ich beim normalen Nachdenken nicht stoßen würde“.

Sie beschließt daraufhin, ihr Hobby zum Beruf zu machen, und studiert an der Gesamthochschule in Kassel Kunsterziehung. Beim Praktikum wird ihr jedoch klar, dass sie nicht Lehrerin werden kann. „Ich kam ja als Schülerin mit dem Unterricht selbst nicht klar.“

Raum für extreme Emotionen

Es folgt ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, der Freien Malerei und der Kunsttherapie an der Fachhochschule Nürtingen. Beatrix Keller unterrichtet Kinder und Erwachsene, hält Vorträge, macht selbst eine Gestalttherapie. „Da habe ich gemerkt, wie das künstlerische Tun helfen kann, sich selbst besser zu verstehen.“

Heute betreut sie Patienten im Klinikum Stuttgart, im Bürgerhospital und im Katharinenhospital. Und sie bietet im eigenen Atelier ebenfalls Kunsttherapie an.

„Ich finde Menschen faszinierend, weil sie so unterschiedlich sind“, sagt sie. Bei ihrer Arbeit begegnet sie vielen Patienten, die lebensbedrohlich erkrankt sind. Beatrix Keller gibt den extremen Emotionen mit der Kunst Raum. Wut, Traurigkeit und Enttäuschung dürfen beim Malen eine Farbe finden. Beatrix Keller erinnert sich an einen jungen Mann, der aufgrund einer Krebstherapie unter einer heftigen Entzündung im Mund litt. „Indem er für diese Schmerzen Ausdruck fand, wurde seine Situation erträglicher. Wenn für Unsagbares eine Form gefunden wird, können Gefühle zum Ausdruck kommen, ohne von ihnen überflutet zu werden.“

Je nach Material werden unterschiedliche Themen angesprochen. „Flüssige Farben wirken anders als Wachskreide, die mit Druck aufgetragen wird“, beschreibt sie es. „Fantasie“, davon ist Beatrix Keller überzeugt, „ist einer unserer großen Schätze.“ Vor allem bei Kindern sei es faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich sie sich auf kreative Kunst einlassen: „Manche springen in die Farben richtig rein, aus einer Lust heraus, andere haben einen konkreten Plan im Kopf, wie und was sie zeichnen möchten.“

Beatrix Keller am Tonfeld: Foto: Julian RettigBeatrix Keller am Tonfeld: Mit Hilfe des formbaren Materials können innere Spannungen abgebaut werden. Foto: Julian Rettig

Intensiv ist auch die Arbeit am so genannten Tonfeld: Dabei nehmen die Hände das formbare Material bewusst wahr, beim Ertasten entstehen neue innere Erfahrungen. „Mit dem Ton in den Händen können innere Spannungen abgebaut und Abstand gewonnen werden.“

Die Kunsttherapie, sagt Beatrix Keller, hilft den Betroffenen, aus der Erstarrung heraus in Bewegung und wieder zu sich zu kommen. Viele müssen erst wieder das Gefühl bekommen, selbst etwas in die Hand nehmen und gestalten zu können. „Es geht darum, Frieden mit sich selbst und seinem Schicksal zu schließen und sich zu versöhnen.“ □

www.beatrixkeller.de

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