Christliche Themen für jede Altersgruppe

Von Brücken und Brüchen - Wenn eine Beziehung zerbricht

Wenn eine Ehe scheitert, hinterlässt das bei den Beteiligten tiefe Verletzungen. Wie kann ein neues Leben gelingen? Und was bleibt, wenn man das Gefühl hat, an den eigenen moralischen Wertvorstellungen gescheitert zu sein? Ein Mann erzählt von seinen Trennungserfahrungen.

 time to say goodbye. Abschied. Foto: Gerd Altmann / pixabayFoto: Gerd Altmann / pixabay

Die Nacht war wieder einmal kurz für Steffen Boger (Name geändert). Um halb fünf ist der 58-Jährige aufgestanden, nachdem er sich lange im Bett hin und her gewälzt hat. Schließlich setzte er sich an seinen Schreibtisch, griff nach einem Blatt und fing an, sich Notizen zu machen. Um die Gedanken zu ordnen und Struktur in die vergangenen Monate und Jahre zu bringen, wie er sagt. Immer wieder schweift der Blick des gebürtigen Schwaben durch das gemütlich eingerichtete Wohnzimmer mit den bunten Blumentöpfen. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass sich der zweifache Familienvater von seiner Frau getrennt hat.

Doch die Erinnerungen sind noch frisch, rauben ihm nach wie vor den Schlaf. „Es war eine extrem schmerzhafte Zeit, mit vielen emotionalen Brüchen und Verletzungen“, sagt Steffen Boger.

Hinter ihm liegen Monate der inneren Aufruhr, der gegenseitigen Vorwürfe und zähen rechtlichen Auseinandersetzungen. Die mit der Angst verbunden sind, dass die finanziellen Auswirkungen der Trennung nicht absehbar sind, das Verhältnis zwischen ihm und den beiden Kindern dauerhaft belastet sein wird. Und am Ende die Rolle des Schuldigen an ihm haften bleibt.

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Steffen Boger kämpft mit den eigenen Wertvorstellungen. Damit, dass ein gläubiger Christ wie er an den eigenen hohen Idealen gescheitert ist. „Nach Jahrzehnten zerfließen alle Maßstäbe und lösen sich im Nichts auf. Alles, was einmal Gültigkeit hatte, ist verloren.“ Dabei, so stellt er im Rückblick fest, „waren wir jahrzehntelang ein perfekt eingespieltes Paar“. Dass unter dem Deckmantel der Harmonie schon seit vielen Jahren Konflikte schwelten, sei ihm erst vor ein paar Jahren bewusst geworden.

Trennungsschmerz - Monate der inneren Aufruhr

Über 40 Jahre ist es her, dass sich Steffen Boger und seine Frau Marlene das erste Mal begegneten. Die beiden begeisterten Läufer lernten sich bei einer Sportveranstaltung kennen. Beide teilten von Anfang an ihre große Begeisterung für den Sport, der Dreh- und Angelpunkt ihres gemeinsamen Lebens wurde. „Daraus ist eine symbiotische Verbindung entstanden“, sagt Steffen Boger. Er stellt nachdenklich fest: „Heute glaube ich: Dadurch haben wir uns zu wenig Freiraum gelassen.“

joggen. Foto: 5132824 pixabayFoto: 5132824 pixabay

„Spiralförmig“, so beschreibt er es, baut sich das Paar ein gemeinsames Leben auf. „Wir haben klein angefangen.“ Im Alter von 26 Jahren heiraten sie – eine „rationale Entscheidung“. Ein Jahr später folgt das erste Kind, eine Tochter, später die Geburt des Sohnes. Irgendwann ziehen sie aus ihrer Wohnung aus und bauen sich ein Haus. Es folgen viele Jahre, die dem entsprechen, was Steffen Boger nüchtern als „Musterehe“ bezeichnet. „Wir waren ein eingespieltes Team.“

Wann die schleichende Veränderung einsetzte, weiß Steffen Boger heute nicht mehr genau. Ob dabei die Unzufriedenheit seiner Frau, ihr Neid auf seine beruflichen Erfolge oder seine häufige Abwesenheit eine entscheidende Rolle spielte. „Unsere Beziehung hat sich immer mehr verengt, anstatt offen zu werden“, sagt er heute. Irgendwann wurde der Ton zwischen dem Paar zunehmend gereizter. Steffen Boger fühlte sich gegenüber ihren Gefühlsausbrüchen machtlos, entfremdete sich zunehmend von ihrer Familie. Spürte, dass er anfing, innerlich von seiner Ehe loszulassen – und offen wurde für eine neue Beziehung.

Eine gemeinsame Paartherapie scheiterte. Er lernte eine andere Frau kennen, traf sich heimlich mit ihr. „Es war für mich ein Weg, dem emotionalen Gefängnis zu entkommen. Gleichzeitig widersprach das meinen christlichen Wertevorstellungen.“ Für ihn, der von seinen Eltern zur Treue erzogen worden war, ein innerer Aufstand gegen bisherige moralische Richtlinien – und gleichzeitig eine Art Befreiungsschlag.

Trennung - eine bittere Zeit

Nachdem Steffen Boger seiner Familie eröffnet hatte, dass er sich von seiner Frau trennen würde, folgte „ein emotionales Erdbeben“, wie es der 58-Jährige heute beschreibt. Die beiden erwachsenen Kinder lehnten eine Trennung ab und schlugen sich auf die Seite ihrer Mutter. Seine Frau weigerte sich zunächst, die neue Situation anzunehmen, konfrontierte ihn mit Vorwürfen und lehnte eine weitere Aussprache ab.

Es folgten harte juristische Auseinandersetzungen um materielle Dinge, mit unüberbrückbaren Zerwürfnissen. Die Konflikte wurden über E-Mails und Rechtsanwälte ausgetragen. Enge Freunde reagierten fassungslos, manche von ihnen gingen auf Distanz. „Eine bittere Zeit“, sagt Steffen Boger.

Bis heute ist die Scheidung nicht in die Wege geleitet. „Wir brauchen Zeit, meine Familie und ich“, sagt Steffen Boger. „Im Moment macht keiner den ersten Schritt.“ Inzwischen lebt er mit seiner neuen Partnerin zusammen – in alter Umgebung. Finanziell ist das meiste geklärt, die materielle Aufteilung zwischen dem Paar ist erfolgt. Das in den vergangenen zweieinhalb Jahren meist distanzierte Verhältnis zu seinen Kindern macht ihm zu schaffen. „Das hinzunehmen fällt mir bis heute schwer“, sagt Steffen Boger. Erste Anzeichen dafür, dass sich das Verhältnis zu seinen Kindern wieder entspannt, sind da. Mehr aber nicht.

Nun versucht Steffen Boger erst einmal, sein Leben neu zu ordnen, dem Unruhezustand Herr zu werden. Eine Herzoperation hat ihm zu schaffen gemacht, auch die Hüfte ist nicht mehr so belastbar wie früher. Er hat seine Arbeitszeiten neu geregelt und eine Auszeit genommen, um wieder zu sich selbst zu finden. Die neue Partnerschaft ist ihm wichtig. Auch, dass beide sich regelmäßig über ihre Wünsche austauschen und Konflikte offen ansprechen.

Die Autobahnbrücke erinnert Steffen Boger an die dunkelsten Zeiten nach der Trennung. Heute kann er wieder nach vorn blicken. Foto: Torsten KösterDie Autobahnbrücke erinnert Steffen Boger an die dunkelsten Zeiten nach der Trennung. Heute kann er wieder nach vorn blicken. Foto: Torsten Köster

Regelmäßig geht der freie Journalist joggen, manchmal läuft er dabei unter einer Autobrücke vorbei. Und erinnert sich an einen der bitterste Momente zu Beginn seiner Trennung: Als er oben stand, in den Abgrund blickte und sich ausmalte, wie es sein könnte, wenn alles vorbei wäre. Dann aber hastig wegrannte, um den Gedanken nicht weiterzuspinnen.

Ab und zu beschleichen ihn Selbstzweifel. War der Schritt unausweichlich? Was für Fehler hat er gemacht? An welchen Werten lohnt es sich, trotz des Scheiterns, festzuhalten? Noch hat Steffen Boger nicht auf alle Fragen eine Antwort gefunden. Aber er spürt wieder so etwas wie innere Freiheit. „Ich habe eine große Sehnsucht nach Normalität, nach verständnisvollem Miteinander. Doch diese Sehnsucht kann nicht von heute auf morgen erfüllt werden. Das braucht seine Zeit.“

Buch-Tipp

Das vollständige Porträt über Steffen Boger und seine Lebensgeschichte sowie weitere Kurzbiografien von Menschen, die sich auf der Schwelle zwischen altem und neuem Leben befinden, sind in folgendem Buch erschienen:

Wie an der Schwelle eines neuen Lebens“. Umbrüche – zehn hoffnungsvolle Lebenswege.

Franciska Bohl:

Edition Evangelisches Gemeindeblatt 2020,

14,95 Euro.

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de

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