Christliche Themen für jede Altersgruppe

Von der Schwierigkeit zu helfen

Viele wollen helfen und irgendwie für Flüchtlinge da sein. Manche bringen gebrauchte Kinderkleidung oder ein übriges Fahrrad ins Flüchtlingsheim, manche Kommune lädt zu einem Kennenlernabend ein, bei der das Akkordeon-Orchester Musik macht und die Landfrauen Zwiebelkuchen anbieten. Die Journalistin Lisa Welzhofer wollte sich auch engagieren. Wie es ihr beim Helfen erging, schildert sie in dem folgenden Beitrag.


Lisa Welzhofer wollte Flüchtlingsmüttern mit einer Krabbelgruppe helfen, doch das Angebot wurde nicht angenommen. (Foto: privat)

 Im vergangenen Herbst war plötzlich dieses Gefühl da, etwas tun zu müssen. Kurz zuvor hatte ich einen Artikel über afrikanische Flüchtlinge in Libyen gelesen. Darin eine Mutter, die ihre Kinder – zwei und vier – auf der Flucht hatte zurück lassen müssen. Sterbend. Irgendwo auf dem Weg nach Europa, irgendwo auf dem Weg zu mir. Vielleicht war es diese unbekannte Afrikanerin, die mich – selbst erst seit kurzem Mutter – rührte. Die die Schicht aus Selbstbezogenheit, Abstumpfung und ironischer Distanz zum Leben, die ein durchschnittliches Westeuropäer-Leben schützt, durchdrang und mir sagte: Jetzt mach mal was! Du, deren größtes Problem es ist, ob das Kind in der Kita genug Biogemüse bekommt!

Kurz darauf wusste ich, was ich tun wollte: eine Krabbelgruppe für Flüchtlingsmütter mit ihren Babys gründen. Beim Spiel mit den Kindern könnten sich die Mütter austauschen und hilfreiche Tipps für das Leben mit Kindern in Stuttgart bekommen. Alle fanden die Idee toll: Meine Freunde, die Leiterin des Flüchtlingsheimes der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart, an das ich mich wandte, andere Ehrenamtliche. Vor allem aber ich selbst. Ich sah mich Kekse essend zwischen fröhlichen Frauen und Babys aus fremden Ländern sitzen.

Nur die Flüchtlingsfrauen fanden die Idee nicht so gut. Die Verständigungsschwierigkeiten – die meisten Frauen konnten weder Deutsch noch Englisch – waren ein Grund. Manche von ihnen hatten fünf oder sechs Kinder und keine Zeit oder kein Interesse, sich mit nur einem von ihnen zum Spielen hinzusetzen. Außerdem erhofften sich die Mütter von mir Hilfe bei ganz anderen Problemen: „Kannst du mir Arbeit besorgen?“ – „Ich suche dringend eine Wohnung!“ – „Kannst du mir mit den Dokumenten helfen?“

Aber auch mir hat die Krabbelgruppe wenig Spaß gemacht. Die Frauen blieben mir fremd, ihre drängenden Fragen waren mir unangenehm. Es war, als würden ihre Probleme, ihre Armut oder ihre Geschichten von Verfolgung von Krieg mein relativ sorgenfreies Leben in Frage stellen. Es ist eben etwas anderes, ob du einen rührenden Artikel über eine Flüchtlingsfrau liest – oder ob sie mit ihren Traumata vor dir steht, und dich um Hilfe bittet und du dich fragst, ob du eigentlich aus der 100-Quadratmeter-Wohnung ausziehen müsstest, um sie einer Großfamilie zu überlassen.

Und noch etwas musste ich mir eingestehen: Das Anderssein der Menschen machte mir ein bisschen Angst. Manches, was ich sah, ärgerte mich wie etwa die Rollenverteilung in muslimischen Familien. Manches Vorurteil bestätigte sich. Zum Beispiel, dass manche Flüchtlinge mit einer in meinen Augen fast unverschämten Erwartungshaltung auf mich zukamen.

Ich war am Anfang enttäuscht, dass meine Idee nicht funktionierte. Dann war mir meine Naivität peinlich. Ich hatte meine Bedürfnisse auf die fremden Frauen übertragen, weder an sprachliche noch kulturelle Unterschiede gedacht und vollkommen unterschätzt, wie viel Durchhaltevermögen, Arbeit und Toleranz es kostete, diesen Menschen beim Ankommen zu helfen. Ich hatte nicht erwartet, dass sie damit auch in mein Leben drängen würden und dort Fragen aufwerfen.

Nach ein paar Monaten habe ich die Krabbelgruppe aufgegeben. Fast hätte ich mein Engagement beendet. Aber dann habe ich Maher, seine Frau und die zwei Töchter kennen gelernt. Die syrische Familie wohnte damals im Heim, hatte aber schon ein Aufenthaltsrecht und brauchte dringend eine Wohnung und jemand, der ihnen bei der Suche half. Seither unterstütze ich sie im Alltag, bei der Wohnungssuche, Ämtergängen, der Suche nach gebrauchten Möbeln oder günstigen Bahntickets.

Wir haben uns gleich gut verstanden. Die Eltern sprechen Englisch und die Töchter, die hier in die Schule gehen, schon ganz gut Deutsch. Aber um ehrlich zu sein, klappte es vor allem deshalb so gut, weil die Familie in Damaskus Teil jener Mittelschicht war, zu der auch meine Familie gehört.

Im vergangenen Jahr habe ich gelernt, dass helfen nicht so einfach ist, dass ich nicht allen helfen kann, aber einigen schon. Ich habe gelernt, dass meine Toleranz Grenzen haben darf und dass ich nicht jeden Flüchtling verstehen muss. Vor allem aber habe ich gelernt, dass die eigene Komfortzone nicht mehr dieselbe ist, wenn man sie mal verlässt. Und vielleicht schätze ich sie deshalb jetzt auch ein bisschen mehr.