Christliche Themen für jede Altersgruppe

Von wegen Provisorium

Eigentlich sind die Häuser der Wohnungsnotfallhilfen für akute Notstände gedacht. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum führt jedoch dazu, dass manche Menschen jahrelang dort leben. Nun könnten auch die Gemeinschaftsunterkünfte von Geflüchteten zur Dauerlösung werden.  Von Julia Lutzeyer


Ganz neu ist die debatte nicht: Schon im November 2015 demonstrierten Menschen gegen zu teure Mieten. Die steigenden Preise verschärfen die Diskussion. (Foto: epd-bild)

Tagtäglich bewirbt sich Feras Houri als Mieter für eine Wohnung. Vergeblich. Spätestens wenn zur Sprache kommt, dass der Informatiker aus Aleppo Flüchtling ist, endet das Gespräch. Derzeit teilt sich der Syrer ein 13 Quadratmeter kleines Zimmer mit zwei Landsleuten. Seine Gemeinschaftsunterkunft am Rand des Stadtgartens befindet sich in bester Innenstadtlage. Und doch bezeichnet er seine Situation als „schlecht“. „Ich mache beim Fraunhofer Institut ein Praktikum und würde abends gern noch programmieren“, sagt er in erstaunlich gutem Deutsch. „Doch ich kann nicht. Der Lärm ist zu groß und geht bis in die Nacht.“

Wie soll jemand in der Fremde Fuß fassen, sich integrieren, sein Leben aktiv in die Hand nehmen, wenn er keinen Rückzugsraum hat und die Aussicht auf eigene vier Wände einer Illusion gleichkommt? Das fragen sich bei einer Podiumsdiskussion des Treffs Sozialarbeit Stuttgart nicht nur die vier Referenten, zu denen Faras Houri als Betroffener gehört. Auch dem aufmerksamen Publikum macht diese Problematik zu schaffen. Der Saal im Haus der Evangelischen Gesellschaft (eva) ist bis zum letzten Platz besetzt. Im Publikum sind viele Sozialarbeiter und Leiter von Flüchtlingsheimen.

„Die Wohnungsnot ist in Ballungsgebieten allgemein groß. Es müssten mehr Wohnungen gebaut werden, insbesondere mehr bezahlbare“, fasst eva-Mitarbeiter Daniel Rezanek zusammen, was jeder weiß, und hofft auf eine Diskussion, die über diese Feststellung hinaus geht. Er plädiert für kooperative Lösungsansätze, die den Wohnungssuchenden zeitnah helfen. Dabei hat er Geflüchtete in ihren eigentlich als Provisorien gedachten Gemeinschaftsunterkünften genauso im Blick wie all jene, die kein Obdach haben oder seit Jahren in den Häusern der Wohnungsnotfallhilfe leben, darunter Menschen mit Behinderung, aber auch psychisch Kranke und Süchtige.

Jürgen Armbruster, Mitglied des eva-Vorstandes, fordert von der Sozialarbeit und Diakonie eine stärkere Einmischung in Politik und Gesellschaft, um die Lage zu entspannen. So müsse darauf gedrängt werden, mehr Flächen für den sozialen Wohnungsbau freizugeben. Denn jedes Jahr fallen deutlich mehr Wohnungen aus der Mietpreisbindung als neue hinzukommen: In Stuttgart entstehen beispielsweise jährlich 300 neue Sozialwohnungen, gleichzeitig fallen um die 400 aus der Preisbindung. Selbstkritisch räumt Armbruster ein, dass auch die eva den Wohnungsbau vernachlässigt habe. „Immobilien machen immobil“, hieß es vor Jahrzehnten. „Wohnungen lediglich anzumieten und nicht selbst zu bauen hat sich als Fehler erwiesen.“ Nun fehlen sie allerorten und ganz besonders im finanziell schwachen Milieu.

Armbruster fordert die Politik und die Träger sozialer Einrichtungen auf, die Realität anzuerkennen, dass die System­unterkünfte noch lange als Behausung dienen werden und folgerichtig aufgewertet werden müssten. Auch die strengen Brandschutzvorschriften, die Behaglichkeit verhindern, müssten überdacht werden. Eine Heimleiterin aus dem Publikum bestätigt: „Mit dem Verweis auf die provisorische Unterbringung dürfen Geflüchtete keine persönlichen Einrichtungsgegenstände in ihren Zimmern haben.“ Dabei ist die Übergangslösung längst ein Dauerzustand.

Stefan Spatz, Sozialamtsleiter der Landeshauptstadt Stuttgart, hält dagegen, dass die heutige Situation im Vergleich zu den Massenunterkünften der Vertriebenen nach dem Krieg und bis weit in die 1960er-Jahre hinein geradezu rosig sei. „Die hatten keine Duschen und haben sich an den Waschbecken gewaschen.“ Für Feras Houri hat er den Rat: „Fordern Sie Ihren Sozialarbeiter so richtig heraus.“

Unruhe im Saal! Der auf dem Podium anwesende Sozialarbeiter Daniel Rau erwidert: „Jeder von uns tut, was möglich ist. Nur zur Erinnerung: Der Betreuungsschlüssel in den Flüchtlingsunterkünften beträgt 1 zu 120.“ Ohnehin dürfte Herr Houri mit seiner beruflichen Qualifikation und seinem spürbaren Ehrgeiz zu den leicht zu vermittelnden Fällen gehören. Es sind auch Analphabeten unter denen, die vor Krieg, Terror und Armut nach Deutschland geflohen sind.

Eine gute Nachricht kann Spatz dennoch vermelden: „Es wird besser“, sagt der Amtsleiter. „Jedem Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft sollen in absehbarer Zeit sieben Quadratmeter zur Verfügung stehen.“ Die Aussetzung dieses rechtlich garantierten Mindeststandards lief zum Jahreswechsel aus. Für Menschen wie Feras Mouri würde das bedeuten, dass er sein Zimmer nur noch mit einer Person teilen muss.

2018 soll der sogenannte Pakt für Integration kommen. So sieht es die Landesregierung vor. Die Meinungen darüber sind geteilt. Die Mehrheit der Sozialarbeiter oder Flüchtlingshelfer, die zu Wort kommen, mahnt an, dass teilweise traumatisierte Menschen, die auf 4,5 Quadratmeter hausen, durch die vierteljährliche Überprüfung individuell ausgehandelter Zielvorgaben einem zusätzlichen Druck ausgesetzt würden. „Controlling ist nicht Kontrolle, sondern Steuerung“, hält Spatz dagegen. Armbruster vermittelt: „Eine Zielvereinbarung gehört zur Professionalität.“ Er betont, dass die Phase der Verlässlichkeit die Phase der Improvisation abgelöst habe. 

In der Diskussion wird mehrfach darauf hingewiesen, dass das bürgerschaftliche Engagement für Geflüchtete einbreche. 2015 waren 4000 Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe engagiert, mittlerweile nur noch 2000. „Es gibt schlechte Erfahrungen mit Flüchtlingen als Mieter: Die kulturellen Unterschiede sind groß, etwa beim Schlaf- und Kontaktverhalten“, weiß eine Frau aus dem Publikum. Nach Spatz’ Angabe leben immerhin 146 Geduldete oder anerkannte Asylanten mittlerweile in Privatwohnungen. „Und das in Stuttgart!“ – nach München das teuerste Pflaster bei den Mieten und Immobilienpreisen. Doch auch die zweigeschossigen Unterkünfte in teilweise guter Lage schüren den Sozialneid. Ein Trugbild, wie Insider wissen. Denn in den Systembauten mit den sonnen- oder orangegelben Außentreppen lebt es sich weniger gut als es den Anschein hat. Zu denken gibt die bei der Veranstaltung zitierte Äußerung eines neunjährigen Flüchtlingskindes: „Meine Schulfreundin kommt mich nicht besuchen, weil ihre Eltern nicht wollen, dass sie ein Flüchtlingsheim betritt.“