Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vorort des Himmels

Das Paradies gibt es nicht nur an weißen Sandstränden mit hochgewachsenen Palmen, sondern auch in der Kirchenarchitektur. Vor allem an zisterziensischen Klosterbauten werden zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert vor der Kirchentür Vorhallen gebaut, die „Paradies“ genannt werden.

Der Blick vom Paradies – der Vorhalle der Kirche – in den Innenhof der Klosteranlage Maulbronn. (Foto: epd-bild)



Unter ihrem Einfluss entstanden jene ebenso faszinierenden wie rätselhaften karolingischen Bauten. Das schönste erhaltene Portal zu einem Paradies ist in Lorsch in Südhessen zu besichtigen. Entstanden ist es im 10. Jahrhundert. Der Klosterplan für das Kloster St. Gallen, entstanden auf der Insel Reichenau in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts, zeigt eine eigenartige Form der Vorhalle im Westen der Klosterkirche. Das Paradies ist halbrund wie eine Apsis im Osten, eingerahmt von zwei runden Türmen dargestellt. Vermutlich wurde der St. Gallener Klosterplan niemals baulich ausgeführt. Er gilt als Idealplan für ein Benediktinerkloster. Allerdings bestand ein Paradies, wie es der Plan zeigt, einst an der Laterankirche in Rom.

Warum mit der aufkommenden gotischen Formensprache ab dem 12. Jahrhundert der Bau von Paradiesen aufgegeben wurde, ist unklar. Angenommen werden kann, dass die zunehmend prächtig ausgestalteten Westportale die Funktion der Vorbereitung und Einstimmung der Gläubigen übernehmen sollten. Indes: Die Zisterzienser behielten die Idee eines Vorgartens vor dem Sakralraum bei. Gründe dafür mögen in der Theologie zu finden sein. Vermutungen gehen davon aus, dass es eine Tradition gab, die Vorräume mit Bildern aus dem biblischen Paradies und damit auch mit der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies auszumalen.

Möglicherweise war das gebaute Paradies zudem der Raum der Vorbereitung auf den Eintritt in den Sakralraum. Auch ein Gebiet der äußerlichen Reinigung wird angenommen, zumal in etlichen Vorhallen Brunnen standen. Vielleicht hat die Einführung des Weihwassers an den Kirchentüren den Bau von Paradiesen überflüssig gemacht.

Experten weisen darauf hin, dass in Kirchen ohne Baptisterium (Taufkapelle) Taufen in den Vorhallen – im Paradies – vorgenommen wurden. Denn der Schritt des Menschen in die Gemeinschaft erfolgt, bevor er die Kirche betritt. Der Raum der inneren und äußeren Vorbereitung der Gläubigen, wie er vor der St.-Georg-Kirche auf der Insel Reichenau erhalten ist, kann auch verstanden werden als Hinweis, dass das Paradies nicht der erstrebenswerte Platz ist. Vielmehr soll dieser gesucht werden in der Gegenwart Gottes, die in den eigentlichen Räumen der Kirche zu finden ist.