Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wandern statt essen - Fastenwandern

Kopfschmerzen, Glaubersalz, Verdauungsgespräche: Fastenwandern ist ein eindrückliches Erlebnis. Vor 20 Jahren habe ich mich in einem Kloster in der Pfalz eine Woche darauf eingelassen. Es ist mir in Erinnerung geblieben, als ob es gestern gewesen wäre.

Wandern. Foto: Hermann, pixabayWandern. Foto: Hermann, pixabay

Der Blitz schlug ein um 15.30 Uhr. Da saßen wir in der Runde zusammen und hatten gerade einen Liter Glaubersalz auf ex getrunken. Ich war der Erste, der aufstand, um sich in Richtung Badezimmer zu verabschieden. Die komplette Darmentleerung bildet den Anfang einer jeden Fastenwoche. Nun stand der Verdauungsapparat auf null.

Am Tag zuvor waren wir angereist. Menschen aus unterschiedlichen Lebenslagen. Birgit mit ihrer Teenager-Tochter Nina, Karen, die schon das 15. Mal fastete, Dieter, der mal seinen Job hinter sich lassen wollte, sowie ich, der einfach neugierig war: Wie wird das wohl sein für einen, dem schon der Verzicht aufs zweite Schnitzel schwerfällt?

Zugegeben war die Aussicht, ein paar Pfunde loszuwerden, eine durchaus verlockende. Akribisch hatte ich mir mein Eingangsgewicht notiert: 93,2 Kilo. Es interessierte niemanden. „Damit das gleich klar ist“, sagte Gerhard, „ums Abnehmen geht es hier nicht.“ Gerhard war unser Fastenwanderleiter. Das Fasten beherrschte er wie kein anderer. Das Wandern leider nicht. Es gab keinen Tag, an dem wir uns nicht kilometerweit verliefen.

Die verborgenen Ecken des Pfälzerwaldes, wir lernten sie alle kennen. Was wir auch kennenlernten, waren die geheimen Winkel unseres Körpers und unserer Seele. Wer fastet, trinkt keinen Kaffee und bekommt danach Kopfschmerzen. Die Reizbarkeit nimmt zu, die Belastbarkeit ab, doch irgendwann stellt sich ein wunderbares Gefühl von Gelassenheit ein.

Das eigentliche Wunder war, dass das Wandern ohne Essen kein Problem darstellte. Man musste nur genug trinken. Erlaubt war ein süßer Apfelsaft, und wenn es gar nicht anders ging, hielt Gerhard auch einen Löffel Honig bereit. Wie gesagt, beim Fasten war er ein Profi, die Wegekarte jedoch lasen wir zur Sicherheit bald selber.

Die Abende waren hart. Wer darauf geeicht ist, nach einem schönen Wandertag ein schönes Essen zu genießen, macht erst mal ein langes Gesicht. Wir schlürften eine dünne Gemüsesuppe, während die Schwestern des Klosters Marienberg den anderen Gästen eine Pfälzer Schlachtplatte servierten.

Sehnsucht nach dem Schnitzel

„Ist ja ekelhaft“, sagte Karen. Ich hingegen erwischte mich bei dem Gedanken, wie ich nachts in die Küche ging und nach den Resten des Büffets suchte. Ich habe es dann doch nicht getan, sondern durchgehalten. Ganz allmählich begannen sich Körper und Seele umzustellen. Gerhard brachte uns behutsam die Idee des Fastens näher. Gab uns Impulse für eine gesündere Ernährung. Nutzte die geistliche Atmosphäre des Klosters, um auch unsere Seele ins Gleichgewicht zu bringen.

Roter Apfel. Pixel2013, pixabayPixel2013, pixabay

Am siebten Tag war der Spuk vorbei. Fastenbrechen. Das Verspeisen des ersten Apfels wurde zelebriert wie das Sieben-Gänge-Menü in einem Sterne-Restaurant. 41 Minuten dauerte es, bis wir den letzten Bissen verzehrt hatten. Vier Tage später rief mich Dieter an und berichtete mir, wie es um seine Verdauung und seinen Stuhlgang bestellt war. Das erscheint mir heute reichlich bizarr, doch beim Fastenwandern ist auch das völlig normal. Natürlich bin ich zu Hause dann sofort auf die Waage gestanden: 87,1 Kilo, eine Momentaufnahme aus besseren Zeiten.

Übrigens bekam ich ein halbes Jahr danach nette Post von Birgit und ihrer Tochter. Darin stand: „Wir waren nochmals Fastenwandern mit Gerhard. Es war wieder toll, nur Karte lesen kann er immer noch nicht.“

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