Christliche Themen für jede Altersgruppe

Warm und wohlig - Freude, der Feind der Angst

Heiter durchs Leben gehen, das hört sich gut und gesund an. Doch wie schafft man es, innere Freude zu erzeugen, wenn man unter Depressionen leidet oder äußere Möglichkeiten zur Freude entfallen? Dorothee Wolf, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle der Evangelischen Kirche in Stuttgart, hat sich mit Franciska Bohl unterhalten.

Mann. Freude. Lachen. Foto: pexels, pixabayFreude. Lachen. Foto: pexels, pixabay

Wann haben Sie persönlich zuletzt echte Freude empfunden?

Dorothee Wolf: Eine Verkäuferin hat für mich ein bestimmtes Stoffsäckchen gesucht und es mir dann einfach so geschenkt! Ich war überrascht und habe mich sehr gefreut. Gefreut habe ich mich auch, als ein Freund mir nach zwei Monaten schrieb, das Alpenveilchen, das ich ihm vor zwei Monaten geschenkt hatte, blühe unaufhörlich und er würde sich täglich darüber freuen.

 

Was passiert im Körper, wenn der Mensch Freude verspürt?

Dorothee Wolf: Wenn wir Freude empfinden, reagiert im Gehirn unser Belohnungssystem: Dort werden Botenstoffe und Glückshormone ausgeschüttet, die spürbar im Brustbereich, über den Herzschlag und den Atem, aber auch sonst im Körper ein warmes, wohliges Empfinden auslösen. Oft malen sie ein „echtes“ Lächeln in unser Gesicht, wir fühlen uns lebendig, weil die Wachheit und Aktivität im ganzen Körper zu spüren sind. Wenn wir Freude erleben, haben wir keine Angst, denn diese beiden Emotionen sind inkompatibel. Das heißt, unser Körper ist in einem entspannten, gut durchbluteten Zustand und signalisiert auch anderen Menschen, dass keine Gefahr im Verzug ist. Manchmal ist diese Freude ansteckend und reißt andere Menschen mit.

» Freude und Angst sind inkompatibel «

Foto: Gerd Altmann, pixabayFoto: Gerd Altmann, pixabay

Bei Menschen, die unter Depressionen leiden, ist der Zugang zur Freude blockiert. Wie können Betroffene diesen wiederfinden?

Dorothee Wolf: Freude kann man nicht machen, doch es ist möglich, etwas dafür zu tun, dass sich Freude wieder einstellen kann. Etwa sich Zeit zu nehmen und bestimmte Erfahrungen, Momente bewusst zu machen, sie zu würdigen. Übungen könnten sein: Musik hören, Sport machen, aufgeschobene Dinge erledigen, Sonne tanken, lesen und sich berühren lassen. Ist die Depression sehr fortgeschritten, dann geht es unter Umständen auch darum, medizinische und psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Kann sich Freude auch durch Nichtstun einstellen?

Dorothee Wolf: Neulich war ich bei meiner hochbetagten Mutter, die oft einfach nur dasitzt und zum Fenster hinausschaut. Ausnahmsweise griff ich nicht gleich zur Zeitung oder zum Handy, sondern saß auch „untätig“ da und spürte zunächst etwas Unbehagen, im Sinne von „Du musst doch etwas machen …“. Überraschenderweise stellte sich nach einigen „langen“ Minuten eine wohlig-warme Ruhe in mir ein, ich schaute meine Mutter an, die mich fragte: „Machst du das öfter, so vor dich hinträumen?“ „Nein“, sagte ich, „aber ich sollte es mir öfter erlauben – und es einfach tun.“

Wie kann innere Freude entstehen, wenn äußere Möglichkeiten zur Freude, wie beim Lockdown, reduziert sind oder ganz wegfallen?

Dorothee Wolf: Es sind die kleinen Dinge im Alltag, die selbstverständlich sind und oft nicht wahrgenommen werden. Sich Zeit nehmen, bewusst wahrnehmen, was jetzt im Moment ist. Innehalten, sich einlassen auf einen schönen Moment, etwas genießen, sich und anderen Menschen etwas Gutes tun – all das kann Freude bereiten. Im ersten Lockdown kursierte eine Aufzählung von Möglichkeiten, die wegen Corona nicht abgesagt sind: Natur, Lachen, Freundlichkeit, Freundschaft, Zuwendung und Liebe. Ebenfalls Lesen, Fantasie und Hoffnung.

Was, wenn die Geduld, wie jetzt in der vierten Corona-Welle, am Ende ist?

 

Dorothee Wolf, Psychologische Beraterin Ev. Kirche Stuttgart. Foto: PrivatDorothee Wolf: Verständlicherweise haben wir jetzt wieder vermehrt Ängste, sind enttäuscht, dass es wieder kein unbeschwertes Weihnachten gibt und Pläne wieder über den Haufen geworfen werden. Da werden Ärger und Gereiztheit laut. Das ist normal. Doch es gibt trotzdem die Möglichkeit, einen guten Umgang mit all diesen Gefühlen zu finden. Der Neurobiologe Gerald Hüther meint, wenn sich ein Gefühl meldet wie Angst oder Wut oder körperlicher Schmerz, dann sollten wir nicht sagen: Bitte geh schnell wieder weg. Wir sollten fragen und hinhören: Was möchtest du mir sagen? Jedes Gefühl ist ein Hinweis auf ein ungestilltes Bedürfnis. Du wirst wieder zum Gestalter deines Lebens und deiner Lebendigkeit, wenn du dich liebevoll mit dir selbst verbindest. Wie wir mit uns selbst umgehen, das ist aus meiner Sicht etwas sehr Wesentliches.

Macht es langfristig glücklich, anderen immer wieder eine Freude zu bereiten?

Dorothee Wolf: Jemandem eine Freude zu bereiten, etwas zu geben, worüber sich der andere freut, einen Wunsch zu erfüllen, zu unterstützen, ist befriedigend. Denn ich gehe in Beziehung und erfahre eine Resonanz. Anselm Grün beschreibt diese Erfahrung wie folgt: „Freude verbindet uns. Freude drängt uns, sie mit anderen zu teilen. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Freude schafft Beziehung. Sie schenkt uns Lebendigkeit. Und sie stärkt unsere Gesundheit.

Wir Deutschen gelten allgemein eher als freudloses Volk. Ist die Fähigkeit zur Freude auch kulturell bedingt?

Dorothee Wolf: Der kulturelle Hintergrund spielt eine große Rolle, wie Gefühle und Empfindungen ausgedrückt werden. Innerhalb Europas scheinen die Menschen südlicher Kulturregionen expressiver in ihren Verhaltensweisen zu sein im Vergleich zu Menschen, die in nördlichen Regionen beheimatet sind. Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend, dass die Intensität der Gefühle nicht zwingend auch so kommuniziert wird. Insgesamt kommen sowohl die interkulturellen als auch die individuellen Unterschiede zum Tragen. Innerhalb einer Kultur kommt noch hinzu, inwieweit Gefühle in der eigenen Familie gelebt werden durften und auch mit welchem Temperament eine Person ausgestattet ist. Fest steht: Die Fähigkeit, Freude zu empfinden und zu erleben, ist uns allen mitgegeben. Wie wir sie leben, ausdrücken und kommunizieren, ist sehr unterschiedlich.

www.beratungsstelle-stuttgart.de

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