Christliche Themen für jede Altersgruppe

Warum der Glaube im Alter helfen kann

Die Herausforderungen im Alter sind nicht nur körperlicher Art. In der dritten Lebensphase geht es auch darum, mit sich seelisch ins Reine zu kommen und sich mit der eigenen Lebensgeschichte zu versöhnen. Der christliche Glaube bietet dabei eine Reihe von Hilfen.


Eine helfende Hand kann etwas Schönes sein. Doch Hilfe anzunehmen, fällt vielen gar nicht so leicht. (Foto: epd-Bild)

Ich erinnere mich an eine Frau im Pflegestift des Geriatrischen Zentrums in Esslingen-Kennenburg. Sie saß immer an derselben Stelle im Gang ganz hinten im „Eck“. Schweigend. In sich versunken. Lange Zeit irritierte mich ihr Verhalten. Es befremdete mich förmlich. Eine seltsame depressive Grundstimmung ging von ihr aus. So hatte ich mir das Pflegeheim vorgestellt. Immer wenn ich versuchte, mit ihr ein Gespräch zu führen, ließ sie mich ziemlich schnell merken, dass ich wieder gehen sollte.

Eines Tages setzte ich mich einfach nur neben sie. Schweigend. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir so gemeinsam saßen. Nur so weit erinnere ich mich, dass es mir unendlich lang vorkam. Und dann plötzlich fing sie an zu reden. Und sie erzählte aus ihrem Leben. Es war spannend zuzuhören, wie es damals war in Berlin mit der „Elektrischen“, dem Tanzkurs … und ihrer ersten großen Liebe. Und sie schloss mit dem Satz, der mir bis heute ganz nah ist: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, im Alter denkt man über das Leben nach. Über das, was war. Das Schöne, freilich auch das Schwere. Dann kommen mir meist die Tränen. Da brauche ich meine Ruhe. Das Sitzen hier tut mir gut. Ich fühle mich wohl. Nur die anderen meinen immer, sie müssten einen aktivieren. Nein, ich bin höchst kreativ und aktiv. Und es ist schön, aus den alten Erinnerungen zu schöpfen und zu leben.“

Alte Menschen erzählen gern von früher. Das wird häufig belächelt, als Zeitverschwendung gewertet und als Zeichen dafür gedeutet, dass die Erzählenden den Anschluss an die Gegenwart verloren haben und nur noch rückwärts schauen. Es könnte aber sein, dass sie gerade auf diese Weise mit ihrem Leben beschäftigt sind und sogar wichtige Weichen für die Zukunft stellen. Hier ist an das zu denken, was der katholische Theologe Karl Rahner eine spezifische Aufgabe des Alters nannte: „Unser Leben vor uns bringen.“

Erinnerung und Dank erweitern in zweifacher Weise den Horizont: Die gegenwärtigen Erfahrungen werden zum Teil einer größeren Geschichte. Und alle guten Erfahrungen, alles, was mir gelungen ist, sehe ich als nicht nur zufällig vorhanden an, sondern als ein Geschenk. So wird mir im Danken eine größere Wirklichkeit bewusst, die mich beschenkend und liebend umgibt. So kann die Erinnerung auch Teil einer Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte werden – gerade auch der dunklen und verdrängten und tabuisierten Lebensabschnitte.

Selbstachtung finden

Aus einer solchen Versöhnung mit unserer Geschichte – sowohl mit dem, was uns widerfahren ist, als auch mit dem, was wir selbst in dieser Geschichte angerichtet haben – könnte auch eine Haltung der Bejahung und Annahme entstehen. Das Ziel wäre: Ich sage Ja zu mir, ich kann mich selbst lieben, ich kann mich achten, für wertvoll halten. Nicht weil ich dies oder das geleistet habe, weil ich so hervorragende Eigenschaften besitze oder weil wenigstens die Summe meiner Vorzüge unverkennbar die Summe meiner Fehler überwiegt, sondern wegen des Vertrauens auf einen gnädigen Gott, der mich unabhängig von meinen Leistungen liebt, und wegen der Hoffnung auf eine Vollendung, in der dieser Gott mir meine einzigartige Würde zeigen wird.

Der evangelische Theologe Fulbert Steffensky hat einmal gesagt: „Am Ende des Lebens ist man durch gar nichts mehr gerechtfertigt außer durch den Blick der Güte, der uns schöner findet, als wir sind und je waren.“ Und weiter: „Wir Alten sollten uns von niemandem einreden lassen, wir seien eigentlich noch nicht alt. Wir sollten es uns auch selbst nicht einreden. Wir sollten allmählich die große Lebenskunst gelernt haben, uns nicht mehr durch uns selber zu rechtfertigen.“ Wir brauchen uns also nicht zu schämen, wenn wir an uns selbst denken und mal ganz egoistisch sind.

Abgeben können

So paradox es klingen mag: In dem Maß, in dem wir unsere Übereinstimmung mit uns selbst gefunden haben, werden wir auch fähig werden, was unvermeidlich zum Altern dazugehört und uns doch bis zuletzt oft am schwersten fällt: das Abgeben. Wir brauchen keine Angst zu haben, beim Abgeben und Loslassen uns selbst zu verlieren. Möglicherweise gehört zur Kunst des Altseins und Altwerdens auch, selbst das Abgeben und Loslassen genießen zu können als ein Geschenk von Gott her.

Sich helfen lassen

Die meisten von uns werden im Alter hilfebedürftiger. Diese Tatsache wird wohl niemand bestreiten können. Aber sie persönlich anzunehmen, das fällt vielen doch ausgesprochen schwer. Noch dazu in einer Kultur, in der die Selbstbestimmung einen sehr hohen Stellenwert hat.

So möchten viele lieber vorher sterben, als von anderen  abhängig zu werden. Als Menschen sind wir aber bei aller Selbstbestimmung auch auf die Fürsorge angewiesen. Besonders deutlich wird das am Anfang des Lebens und dann wieder am Ende, wenn die Kräfte nachlassen und wir uns nicht mehr selbst versorgen können. Abhängigkeit und Unabhängigkeit sind ein Teil von uns. Das gehört mit zu unserer Würde als Ebenbild Gottes. Es stimmt, was der Medizin-ethiker Daniel Callahan einmal geschrieben hat: „Die Unabhängigkeit mag uns ein besseres Gefühl geben, sie schmeichelt uns stärker. Trotzdem bleibt sie nur die halbe Wahrheit unseres Lebens.“

Die Erfahrung der Endlichkeit zulassen

Das Wissen, dass wir endlich und begrenzt sind und unser Leben ein Ende hat, ist nicht in allen Lebensphasen von gleicher Dringlichkeit. Am Anfang des Lebens ist das Ende noch kein Thema. Im Alter aber schon. Auf vielfältige Weise meldet sich dieses Ende zu Wort: im Nachlassen des Gehörs, in der Abnahme sportlicher Leistungen, im Müdewerden … Man kann diese Anzeichen verdrängen. Das hält das Altwerden aber nicht auf. Im Gegenteil: Das Altwerden wird durch dieses bewusste Verdrängen eher noch unheimlicher und bedrohlicher. Wäre es nicht befreiend und tröstlich, auch im Vertrauen auf Gott, der das endliche und vergehende Leben wert achtet, dieser Endlichkeit einfach nur Raum zu geben und bei aller noch gegebenen Lebendigkeit, sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit damit vertraut zu machen?

Ausblick

Unsere Lebensjahre werden nicht klingen wie Töne eines Musikstücks, das irgendwann unvollendet abbricht, sondern aus den Tönen unseres Lebens wird das Ganze einer Lebensmelodie werden. Die Hoffnung auf Vollendung erlaubt den Mut zum Bruchstückhaften unseres Lebens. Nicht als eine Form der Resignation, sondern als Realisierung einer Weisheit, die darauf vertraut, dass der Horizont der Wirklichkeit weiter ist als die Grenzen des Sichtbaren.


Autor Reiner Zeyher war bei der Projektstelle Alten-Pflege-Heim-Seelsorge und ist seit 2010 Dekan in Vaihingen/Enz.

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