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Warum wir sind, wie wir sind - Interview mit Rainer Riemann, Persönlichkeitsforscher

Was prägt einen Menschen stärker: seine Gene oder seine Umwelt? Der Persönlichkeitsforscher Rainer Riemann erklärt im Interview mit Isabella Hafner, warum Studien mit Zwillingen so wichtig sind, um Antworten auf diese Frage zu bekommen.

Ob eineiig oder zweieiig – für die Zwillingsforschung sind beide Geschwistertypen interessant. Foto: adobe stock/KittyOb eineiig oder zweieiig – für die Zwillingsforschung sind beide Geschwistertypen interessant. Foto: adobe stock/Kitty

Wird die Wahrscheinlichkeit, Mehrlinge zu gebären, vererbt?

Rainer Riemann: Eineiige Zwillinge zu bekommen ist in der Regel nicht auf genetische Faktoren zurückzuführen. Doch wenn eine Frau eine Mutter oder Schwester hat, die zweieiige Zwillinge geboren hat, ist die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch, auch welche zu bekommen.

Sie waren an einigen neueren Zwillingsstudien beteiligt, in denen psychologische Merkmale untersucht wurden. Ist der Mensch Sklave seiner Gene oder Produkt seiner Umwelt?

Rainer Riemann: Ich würde hier nicht von „Versklavung“ sprechen. Gene und Umweltfaktoren sowie das Zusammenwirken beider wirken sich auf die Entwicklung von Menschen aus. Die Anteile schwanken, je nachdem, was man untersucht: Denkfähigkeit, Sportlichkeit, Kreativität oder Persönlichkeit.

Warum untersuchen Sie in der Zwillingsforschung ein- und zweieiige Zwillinge?

Rainer Riemann: Zwillingsforscher versuchen etwas nachzubauen: Wir suchen eineiige Zwillinge, weil deren genetisches Material hundert Prozent gleich ist. Man vergleicht sie mit Menschen, die ebenfalls zur gleichen Zeit in einer gemeinsamen Umgebung aufgewachsen, aber eben nicht genetisch identisch sind. Also mit zweieigen Zwillingen. Normale Geschwister könnte man auch nehmen, aber schon eine Schwan -gerschaft kann unterschiedliche Einflüsse haben. Wenn wir dann bei den Zweieiigen feststellen, dass sie sich in einem bestimmten Merkmal deutlich weniger ähneln als Eineiige, können wir einigermaßen sicher darauf schließen, dass ein Merkmal stärker genetisch beeinflusst ist

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» Anlage und Umwelt sind bedeutsam«

Es gab in den 1960er-Jahren die Auffassung, die Umwelt wirke sich mehr auf den Menschen aus als die Gene. Die Schule könnte also theoretisch alles aus einem Menschen heraus kitzeln …

Rainer Riemann, Zwillingsforscher. Foto: PressebildRainer Riemann: Es gab immer wieder solche Strömungen. Der englische Philosoph John Locke war im 17. Jahrhundert der Ansicht, der Mensch komme als Tabula rasa auf die Welt – also sozusagen als unbeschriebenes Blatt. Ähnlich dachte der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Heute wissen wir: Es gibt bedeutsame genetische Unterschiede. Aber auch kein psychologisches Merkmal, das ausschließlich durch Gene bedient wird. Anlage und Umwelt sind beide dafür bedeutsam.

Werden bestimmte Veranlagungen erst durch die Umwelt geweckt?

Rainer Riemann: Wir stellen fest, dass Menschen mit bestimmten Anlagen auch in bestimmte Umwelten hinein geboren werden: Wenn jemand musikalische Eltern hat, erbt er mit höherer Wahrscheinlichkeit ein musikalisches Talent. Er kommt aber zugleich möglicherweise in ein Elternhaus, in dem Musik eine größere Rolle spielt. Das Beispiel lässt sich auf Sport übertragen, auf sprachliche Entwicklung … Das Gute ist, wir leben heute in Deutschland in einer Umwelt, die vielfältige Möglichkeiten bereitstellt. □

Zur Person

Rainer Riemann ist einer der berühmtesten Zwillingsforscher Deutschlands. Er arbeitete an vier großen Zwillingsstudien mit und forschte bis vor kurzem noch an der Universität Bielefeld. Jetzt ist er im Ruhestand.