Christliche Themen für jede Altersgruppe

Was die Leute geben - Kirche in Süd-Kerala

Vor 75 Jahren, am 15. August 1947, wurde Indien unabhängig. Heute ist das Land für Deutschland ein wichtiger Handelspartner, doch viele der dortigen Traditionen und Entwicklungen sieht man hierzulande kritisch. Wie ist das Leben in Indien wirklich? Wie geht es den Christen dort? Was können wir von ihnen lernen? Antworten aus Großdeinbach bei Schwäbisch Gmünd.

Reverend Vinod Victor erzählt im Gottesdienst in Großdeinbach von der Kirche in Indien. Julie Lipp-Nathaniel übersetzt. Foto: Martin Janotta Reverend Vinod Victor erzählt im Gottesdienst in Großdeinbach von der Kirche in Indien. Julie Lipp-Nathaniel übersetzt. Foto: Martin Janotta

Großdeinbach liegt in Indien. Zumindest an diesem Morgen, wo der kleine Ort Gastgeber des „Indiensonntags“ ist, an dem der Kirchenbezirk Schwäbisch Gmünd alljährlich seine Partnerschaft mit der Diözese in Süd-Kerala feiert. Und das Motto des Tages stapelt nicht tief: „Zukunft unserer Kirche? Was wir von indischen Christen lernen können“. Pfarrer Peter Palm, Vorsitzender des Partnerschaftsausschusses, verspricht Einblick in eine „wachsende Kirche“.

Christen sind in Indien eine Minderheit, sie kommen zahlenmäßig weit nach Hindus und Muslimen. Laut der Organisation „Open Doors“ stellen Christen 4,9 Prozent der Bevölkerung, der offizielle indische Zensus von 2011 spricht von 2,3 Prozent Christen im Land. Rechnet man dies in absolute Zahlen um, verdeutlichen sich die Dimensionen der indischen Bevölkerung: laut Zensus 2011 gibt es 27,8 Millionen Christen im Land, laut den Zahlen, die „Open Doors“ aktuell angibt, wären es sogar 63,86 Millionen Christen. Mehr als in ganz Deutschland.

In Kerala im Süden stellen Christen mit rund 20 Prozent der Bevölkerung eine große Minderheit dar. Von dort kommt Reverend Vinod Victor. Seit einigen Monaten ist er Pfarrer der anglikanischen Gemeinde in Freiburg, davor hat er rund 15 Jahre die Partnerschaftsarbeit von Süd-Kerala mit Gmünd koordiniert. Beim Indiensonntag in Großdeinbach stellte er das kirchliche Leben in Indien vor – und zeigte die Früchte der Partnerschaft mit Gmünd.

„Ich möchte allen Deutschen Dank aussprechen, die als Missionare nach Kerala kamen“, sagt Vinod Victor auf Englisch. Er erinnert an Hermann Gundert, einen Missionar aus Stuttgart, der in Südindien die Bibel übersetzte und die erste Grammatik der regionalen Sprache Malayalam verfasste. Noch heute werde Gundert in Kerala verehrt, erzählt Victor.

Krankenschwestern aus der Klinik in Karakonam. Die Spenden aus Schwäbisch Gmünd finanzieren ihre Ausbildung. Foto: privat/ Vinod VictorKrankenschwestern aus der Klinik in Karakonam. Die Spenden aus Schwäbisch Gmünd finanzieren ihre Ausbildung. Foto: privat/ Vinod Victor

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Dann spricht der Reverend über die Gemeinde in Süd-Kerala. Rund 3000 christliche Familien gebe es dort, an jedem Tag der Woche werden Gottesdienste gefeiert und die sind gut besucht. Es gibt zahlreiche Hilfsangebote für Kinder und Frauen und auch für die „Dalits“, die „Unberührbaren“, die im traditionellen Kastensystem ganz unten stehen. Nicht zuletzt sei Mission ein Herzstück, erzählt Victor: rund 1000 Missionare sende die Kirche in andere Teile Indiens. Ein Bild zeigt Vinod Victor selbst, wie er mit dem Imam von nebenan und dem Vorsteher des örtlichen Hindu-Tempels die „Christmas Cake“, die Weihnachtstorte, anschneidet. Das friedliche Zusammenleben der Religionen, in Kerala scheint es zu funktionieren. Victor bestätigt das: „Die lokale Regierung bei uns hält gleiche Distanz zu allen Religionen.“ Andernorts sei das aber nicht ganz so: „Es gibt einige Regionen in Nord-Indien, wo es religiöse Spannungen gibt.“

Perspektive für junge Mädchen

Finanziert wird die anglikanische Kirche in Süd-Kerala von dem, „was die Leute geben“, sagt Victor. Nicht zuletzt ist dabei auch das wichtig, was die Leute aus dem Kirchenbezirk Schwäbisch Gmünd geben. Seit 2010 finanzieren Spenden aus Gmünd die Ausbildung von Krankenschwestern im Krankenhaus der Diözese in Karakonam. Junge Mädchen aus ärmsten Verhältnissen erhalten dort ein Stipendium für die Berufsausbildung. Zusätzlich zu dieser dauerhaften Unterstützung hat der Kirchenbezirk im vergangenen Jahr eine Spenden-Aktion veranstaltet. Grund war die Pandemie, die Indien hart getroffen hat. Durch die Spenden konnte die Kirche in Süd-Kerala unter anderem Menschen mit Digitalgeräten ausstatten und Impfaktionen organisieren.

Zurück nach Großdeinbach am Indiensonntag. Vinod Victors Frau Molly trägt ein Lied auf Malayalam vor. Und nach dem Gottesdienst gibt es bei Chai und Zitronenreis mit – nach deutschen, nicht indischen Maßstäben – scharfer Soße Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen.

Friedliches Zusammensein der Religionen: Vinod Victor mit dem Imam (links) und dem Hindu-Priester beim Anschneiden der Weihnachtstorte. Foto: privat/ Vinod VictorFriedliches Zusammensein der Religionen: Vinod Victor mit dem Imam (links) und dem Hindu-Priester beim Anschneiden der Weihnachtstorte. Foto: privat/ Vinod Victor

Zum Beispiel mit einem Würdenträger der Church of England: Leslie Nathaniel, Erzdekan der anglikanischen Kirche für Deutschland, Nordeuropa und Osteuropa, eine Position direkt unterhalb des anglikanischen Bischofs für Europa. Ob London, Hamburg oder in Württemberg, bei der Evangelischen Gesellschaft und in der Gmünder Augustinuskirche: Leslie Nathaniel ist allerhand rumgekommen in der Welt. Das hat mit seinem Beruf zu tun – und mit seiner Frau. Julie Lipp-Nathaniel ist in Südindien geboren, ihr Vater Richard Lipp, ein Schwabe, war einer der Gründungsbischöfe der Church of South India, der Kirche von Südindien. Dort ist auch Leslie Nathaniel aufgewachsen und zum Priester geweiht worden.

Heute wohnt das Ehepaar in Süßen bei Göppingen. Die Partnerschaft von Gmünd und Kerala liegt ihnen am Herzen. „In einer Zeit wie jetzt, wo die Beziehung zu Indien politisch nicht einfach ist, ist es wichtig, solche Freundschaften in den Vordergrund zu stellen“, sagt Leslie Nathaniel.

Was aber, um die Ausgangsfrage des Indiensonntags aufzunehmen, können wir denn nun von den Christen in Indien lernen? Leslie Nathaniel antwortet: „Die Christen in Indien haben viel Freude am Zusammenkommen, Freude am gemeinsamen Gebet.“ Peter Palm sagt: „Die Kirche dort weiß genau, wozu sie da ist. Da fühle ich bei unserer Kirche oft eine gewisse Verunsicherung.“

Für Christen aus Württemberg könnte es bald Gelegenheit geben, vor Ort etwas von indischen Christen zu lernen. Peter Palm und Leslie Nathaniel planen derzeit eine Gruppenreise nach Indien. 2024 soll es soweit sein.

Der Anteil der Christen in Indien ist je nach Region sehr unterschiedlich. In Kerala stellen sie eine große Minderheit, in einigen Regionen östlich von Bangladesch sogar die Mehrheit. Im Norden Indiens, auch in den bekannten Städten wie Neu-Delhi, Kalkutta oder Mumbai (Bombay), ist die Zahl der Christen äußerst gering. Dort gibt es viele Muslime, vor allem aber sind dort die Hochburgen der Hindu-Nationalisten.