Christliche Themen für jede Altersgruppe

Was die Liebe zum Spiel erhält - Interview mit Daniel Schneider

Für welche Werte kann der Fußball stehen? Dieser Frage ist Daniel Schneider nachgegangen. Der Journalist und Theologe hat sich für sein Buch „11 x Wir“ auf die Reise quer durch Fußballdeutschland begeben und mit Menschen gesprochen, die für ihre Überzeugungen stehen. Franciska Bohl hat ihn zu seinen Eindrücken und Ansichten befragt.

Daniel Schneider mit dem ehemaligen Profi-Fußballer Dominic Peitz (rechts). Eine Begegnung, die den Buchautor besonders beeindruckt hat. Foto: Pressebild/ Lea BarnowskyDaniel Schneider mit dem ehemaligen Profi-Fußballer Dominic Peitz (rechts). Eine Begegnung, die den Buchautor besonders beeindruckt hat. Foto: Pressebild/ Lea Barnowsky

Herr Schneider, wie steht es um Ihre Freude an der Fußball-WM in Katar?

Daniel Schneider: Die ist eher dünn, das muss ich ehrlich sagen. Auf der einen Seite ist da die Liebe für Fußball, ich habe Bock auf ein großes Turnier – aber nicht in der Form. Das ist ein ziemlich ambivalentes Gefühl. Natürlich steht die Veranstaltung völlig zu Recht in der Kritik wie keine andere Fußball-Weltmeisterschaft. Allerdings darf man nicht vergessen, dass viele Turniere zuvor auch schon unter zweifelhaften Umständen stattgefunden haben. In Südafrika und Brasilien etwa, wo indigene Völker vertrieben wurden. Da frage ich mich selbst: Wieso bist du jetzt so kritisch und warst es vorher nicht? Natürlich ist es gut, dass diese Kritik auch medial „gepusht“ wird – aber es bleibt widersprüchlich.

Für viele Fußball-Fans ist es ein Zwiespalt, manche boykottieren die Veranstaltung, andere wollen sich die Freude an dem Turnier nicht nehmen lassen. Raten Sie denn davon ab, sich die Spiele anzusehen?

Daniel Schneider: Nein, auf keinen Fall. Ich würde jedem raten, eine Haltung dazu zu entwickeln und sich mit Themen wie Menschenrechte zu beschäftigen. Ich würde aber nie jemandem vorschreiben, ob er sich die WM anschauen soll. Ich habe bislang einige Spiele geschaut, weiß aber ehrlich gesagt selbst noch nicht, wie ich es im Laufe des Turniers dann damit handhaben werde.

Zumal ein Boykottaufruf ja eigentlich schon vor zwölf Jahren, als das Turnier an Katar vergeben wurde, hätte erfolgen müssen …

Daniel Schneider: Ja, jetzt kommt das natürlich viel zu spät. Da muss ich mich selbst kritisch hinterfragen, wieso ich mich erst jetzt damit beschäftige.

Die Kritik an Katar ist hierzulande unumstritten. Wie sieht es aus Ihrer Sicht mit Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land aus?

Daniel Schneider: Wenn die WM etwas Gutes hat, dann das: Dass man für das Thema auch hierzulande sensibilisieren kann. Was läuft bei uns diesbezüglich gut und was nicht? Das fängt bei bestimmten Produktionsbedingungen und dem eigenen Konsumverhalten an. Mit meinen Kindern, die im Teenageralter sind, gibt es diesbezüglich immer wieder heftige Diskussionen, bei denen ich aufgefordert werde, manches in Frage zu stellen.

Trotz Kommerz und Realitätsverlust bei so mächtigen Verbänden wie der Fifa: Fußball vereint Menschen aus aller Welt. Worin liegt für Sie die Faszination dieses Sports?

Daniel Schneider: Der Fußball verbindet die Menschen miteinander, er hat eine integrative Kraft. Sei es auf der Tribüne, wo – etwas plakativ ausgedrückt – der Anwalt mit dem Sozialhilfeempfänger zusammen über ein Tor jubelt. Oder im Amateursportverein. Dort ist die Eintrittsschwelle relativ niedrig, jeder darf spielen. Es werden Werte wie Teamgeist gefördert, das ist unschlagbar. Dafür lohnt es sich, den ganzen Zirkus anzuschauen. Meine Tochter spielt selbst Fußball, das finde ich toll – sie soll Lust auf das Spiel haben und nicht nur den ganzen Kommerz sehen.

Um diese Faszination geht es auch in Ihrem Buch „11 x Wir“, das von Geschichten handelt, die Menschen mit dem Fußball erleben. Was hat Sie dazu inspiriert, dieses Buch zu schreiben?

Daniel Schneider: Die Liebe zum Spiel und die Frage nach der Relevanz des Fußballs in der Gesellschaft. Dieser strahlt in viele Bereiche rein, wie man auch jetzt gespürt hat, als ukrainische Fußballvereine unterstützt wurden. Aber auch die kritische Distanz, die ich gegenüber dieser zunehmenden Kommerzialisierung verspüre, war ausschlaggebend. So war das Buch eine persönliche Auseinandersetzung: Was bedeutet der Sport mir noch, was kann ich akzeptieren – und was nicht?

Haben Sie darauf eine Antwort gefunden?

Daniel Schneider: Nicht die, die ich mir erhofft hatte. Doch durch die Geschichten habe ich viele Hoffnungsschimmer entdeckt, die mir zeigen, dass der Fußball eine große Strahlkraft hat und wertevermittelnd sein kann. Allerdings: Nicht um jeden Preis. Man darf auch nicht naiv sein und die schweren Geschichten ausklammern.

Ihr Buch erzählt auch von den unangenehmen Machenschaften im Profi-Fußball, etwa bei dem Fußballer Dominic Peitz, der gemobbt wurde. Haben Sie solche Erzählungen als Fußballfan nicht desillusioniert?

Daniel Schneider: Zum Glück liebt Dominic Peitz den Fußball nach wie vor und arbeitet auch in dem Bereich. Als Direktor eines Nachwuchsleistungszentrums macht er das, was er kann und liebt: Junge Leute zu fördern. Und so hat seine Erfahrung ihn gewissermaßen auch positiv geprägt.

Gibt es eine Begegnung, die Sie besonders beeindruckt hat?

Daniel Schneider: Eben die mit Dominic Peitz, weil er mir die Augen geöffnet hat. Denn er achtet nicht drauf, ob die Jungs gewinnen oder verlieren, sondern wie sie sich untereinander verhalten. Wir können uns in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt ebenfalls hinterfragen: Muss es immer um das reine Ergebnis gehen? Oder ist nicht der Prozess, wie man miteinander etwas erreichen kann, wichtiger? Auch das Gespräch mit Philipp, einem Mentor, hat mich beeindruckt: wie er hinter die Fassade des Einzelnen sehen kann.

Die Faszination für den Fußball und seine „große Strahlkraft“ hat Daniel Schneider nie losgelassen – trotz Kritik an dem Geschäft. Foto: Pressebild/ Erik PrzybillaDie Faszination für den Fußball und seine „große Strahlkraft“ hat Daniel Schneider nie losgelassen – trotz Kritik an dem Geschäft. Foto: Pressebild/ Erik Przybilla

Was konnten Sie für sich persönlich mitnehmen von den Begegnungen?

Daniel Schneider: Das waren alles Leute, die zwar keine absoluten Topstars sind, aber im Fußball-Bereich aktiv. Sie haben mir eine bestimmte Haltung gezeigt und offen über ihre Probleme gesprochen. Deshalb sind sie für mich Hoffnungsträger, die die Liebe zum Spiel und Fußball erhalten. Sie sind dafür mitverantwortlich, dass ich immer noch Lust darauf habe – bei allem Mist, der passiert.

Man darf auch nicht naiv sein

Der Glaube spielt bei einigen Ihrer Interviewpartner eine große Rolle. Wie sieht das bei Ihnen persönlich aus: Besteht eine Verbindung zwischen Glaube und Fußball?

Daniel Schneider: Ich bin nicht so ein Freund davon, diese beiden Bereiche plakativ miteinander zu verbinden. Mit dem Begriff vom „Fußballgott“ kann ich wenig anfangen. Aber eine Verbindung besteht auf jeden Fall. Sportmentor Philipp erlebt zum Beispiel hautnah, wie befreiend es für einen Leistungssportler sein kann, wenn Menschen, die ansonsten sehr stark nach ihrer Leistung beurteilt werden, von einem Gott hören, der durch das ganze „Bling-Bling“ hindurch liebevoll direkt ins Herz sieht. Das passiert meist fernab der Öffentlichkeit.

Was wünschen Sie dem Fußball und seinen Anhängern für die Zukunft?

Daniel Schneider: Ich wünsche mir, dass wieder mehr Wert auf Authentizität gelegt wird. Dass sich manche Menschen in diesem Business nicht so wichtig nehmen und es wieder mehr um das runde Leder an sich geht.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Buch 11x Wir

Daniel Schneider:

11 x Wir. Wie wir leben, woran wir glauben, was uns verbindet.
SCM Häenssler 2022, 208 Seiten, 22 Euro.

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28

oder per E-Mail unter bestellung@evanggemeindeblatt.de

 

Daniel Schneider (Jahrgang 1979) ist Journalist und Theologe. Er arbeitet als Drehbuchautor für das WDR-Fernsehen, als Dozent für die IST-Hochschule für Management und als Redakteur für das Evangelische Rundfunkreferat NRW. Zudem schreibt er Bücher und ist als Moderator und Referent unterwegs.