Christliche Themen für jede Altersgruppe

Was soll das denn bedeuten?

Dass an Weihnachten Werbesprüche Blüten treiben, sind Christen gewöhnt. Es geht ums Weihnachtsgeschäft, und dafür werden christliche Versatzstücke zweckentfremdet. „Weihnachten wird unterm Baum entschieden“, hieß es mal. Dieses Jahr spielt ein Slogan mit dem Wort „Christus“. 

„Jetzt Christus geliefert“, heißt es auf einem Plakat am Stuttgarter Hauptbahnhof. (Foto: Gemeindeblatt)

Was soll das denn bedeuten?, möchte man fragen, wenn man am Stuttgarter Hauptbahnhof auf einem S-Bahn-Plakat liest: „Ihr Rinderlein kommet! – Jetzt Christus geliefert.“ Worauf spielt diese Werbung mit dem Burger unter der Weihnachtsmann-Mütze an? Etwa auf die Auslieferung Jesu ans Kreuz? Oder, noch schlimmer, auf das Abendmahl? Nein, es ist viel banaler. Junge Leute lesen die Botschaft lautmalerisch. Es heißt übersetzt: „Jetzt krist du’s geliefert.“ Oder noch deutlicher: Jetzt kriegst du es geliefert. Logisch, es geht ja auch um eine Plattform für Lieferservices, lieferando.

Und was hat sich die Firma dabei gedacht? Sollte die Werbung provozieren? „Nein“, sagt Lieferando-Geschäftsführer Jörg Gerbig.  „Diese Werbung war als witziges Wortspiel gedacht.“ Die Internet-Plattform mache derzeit seit Monaten Außenwerbung mit Wortspielen zum Thema Essen. Zum Beispiel gibt es Plakattexte wie „Ich will ein Rind von Dir“ oder „Isch bin dir Farfalle“. Das Christus-Plakat reihe sich in diese Serie von Wortspielen ein.

Dass die religiöse Konnotation, zum Beispiel „Christus ausgeliefert“, mitschwingen könnte, sei ihnen nicht in den Sinn gekommen, räumt Jörg Gerbig ein. Er betont aber, dass vor dem Start einer Werbeaktion immer in Betracht gezogen werde, ob ein Plakat jemanden verletzen könnte.

Hat sich die Firma denn theologisch beraten lassen? Geschäftsführer Jörg Gerbig: „Nicht theologisch, jedoch von Werbeexperten.“ Er ist überzeugt,  keine ethischen Grenzen überschritten zu haben. „Unserer Meinung nach haben wir mit dem Plakat in keiner Weise schlechte beziehungsweise anstößige Motive in Umlauf gebracht und schlecht gehandelt.“ Die Wortspiele sollen ein Schmunzeln bewirken. Aufgrund der Vielzahl der Kampagnen könne es aber dazu kommen, dass man gewisse Interpretationen von Wortspielen nicht durchdenke und Leute die Werbung als anstößig erachten, räumt Gerbig ein. „Dies ist jedoch nicht unsere Intention.“

Zum Schmunzeln ist Pfarrer Steffen Kern, dem Vorsitzenden der Apis, dem Evangelischen Gemeinschaftsverband Württemberg, nicht zumute. Für ihn ist eine Grenze überschritten. Und zwar einerseits dadurch, dass die Kampagne mit „Christus“ den Glaubenstitel für Jesus Christus verwende, „der vielen Christen heilig ist und den sie etwa auch im Gebet verwenden“. Zum andern aber sei der sprachliche Witz schlichtweg „ein kalter“: Dass „Jetzt Christus geliefert“ für „Jetzt kriegst du’s geliefert“ stehen soll, erschließe sich für viele nicht spontan. Dennoch will Kern sich nicht zu sehr aufregen: „Es ist einfach ein Paradebeispiel für schlechte Werbung. Als Auftraggeber würde ich die Werbeagentur wechseln.“

Zu kritischer Distanz rät Peter Steinle, Medienbeauftragter der Prälatur Reutlingen, und warnt, durch diese Debatte indirekt Werbung für die Firma zu machen. Religiöse Anspielungen seien in der Werbung gang und gäbe. Er habe dafür grundsätzlich ein weites Herz und gewinne auch ungewöhnlichen Bezügen gerne noch Originelles ab. „Im vorliegenden Fall gelingt mir das nicht“, sagt Steinle. „Meine Konsequenz heißt: Souverän drüberstehen und selber kochen.“

Einen anderen Aspekt bringt Uwe Renz, Pressesprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart, ins Spiel. Ihn störe fast noch mehr  der Satz „Ihr Rinderlein kommet“, sagte er nach der Betrachtung des Plakates. Wenn er an die Rindfleisch-Massenproduktion denke, die Abholzung von Regenwald dafür und an die dramatischen Folgen für das Weltklima, empfinde er die Rinderlein-Werbung direkt als zynisch.

Eine humorvolle Reaktion kommt aus der Evangelischen Kirche in Deutschland: Ein EKD-Sprecher sagte: „Wenn ein Unternehmen, das Speisen ausliefert, ausgerechnet mit einer Geschmacklosigkeit wirbt, darf es sich nicht wundern, wenn das nicht nur bei religiösen Menschen schlecht ankommt.“