Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Weil er mich liebt“ - Sterbehilfe - Ehepaar Schneider im Interview

Ihre Positionen zum Thema Sterbehilfe lagen einmal weit aus-einander. Heute sind sich Anne und Nikolaus Schneider darin einig, dass die Autonomie des Einzelnen ein hohes Gut ist. Im Gespräch mit Dorothee Schöpfer erklären der frühere EKD-Vorsitzende und seine Frau ihre Haltung zum assistierten Suizid.

Trost. Mitgefühl. Foto: Sabine van ErpFoto: Sabine van Erp

Es gab eine Zeit, da war Nikolaus und Anne Schneider nicht klar, wieviel Zeit sie noch zusammen verbringen können. Anne Schneider ist 2014 an einem aggressiven Brustkrebs erkrankt. Nikolaus Schneider hat daraufhin sein Amt als EKD-Vorsitzender niedergelegt. Und seiner Frau zugesagt, er würde bei ihr bleiben, sollte sie Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollen – auch wenn er sich als Kirchenleiter gegen den assistierten Suizid ausgesprochen hatte. Anne Schneider ist wieder gesund geworden, das Thema Sterbehilfe beschäftigt das Theologenehepaar jedoch nach wie vor.

Wieviel Streitlust verträgt eine Ehe?

Anne Schneider: Eine gute Ehe braucht Streitlust, sonst wird sie langweilig!

Nikolaus Schneider: Wir haben durchaus unterschiedliche Positionen. Aber ich kann mich darauf verlassen, dass meine Frau sogar meine Position wiedergibt, wenn nur sie gefragt ist. Und umgekehrt ist es ebenso. Fairness beim Streiten und starkes Vertrauen, das ist uns wichtiger als Einstimmigkeit.

Den Konsens suchen Sie nicht?

Nikolaus Schneider: Doch, den suchen wir. Aber wenn wir keine Übereinstimmung erreichen, dann konnten wir mit den bestehen bleibenden Unterschieden bislang gut leben.

Anne Schneider: Wenn es etwa um unsere unterschiedlichen theologischen Positionen zur Sterbehilfe geht, dann sind wir uns beide einig in der Gewissheit, dass Gottes absolute Wahrheit keinem Menschen verfügbar ist. Und weil wir uns darin einig sind, halten wir auch die Ambiguität aus, dass über den Willen Gottes in der Sterbehilfefrage nicht einer für alle und ein für alle Mal entscheiden kann. Auf der Basis dieser Übereinstimmung billigen wir es dem anderen zu, dass er ein anderes Verständnis von Gottes konkretem Willen in dieser ethischen Frage hat.

» Eine Ehe braucht Streitlust «

Sie haben die Debatte um Sterbehilfe bereichert und befeuert, als Sie 2014 ihre unterschiedlichen Auffassungen öffentlich gemacht haben. Herr Schneider, Sie haben damals gesagt, dass Sie Ihrer Frau den Wunsch nach Sterbehilfe nicht abschlagen würden, obwohl Sie selbst die Hilfe zur Selbsttötung als EKD-Vorsitzender grundsätzlich abgelehnt hatten.

Anne Schneider: Nikolaus sagte damals, er würde mich begleiten, wenn ich den Weg einer assistierten Suizidbegleitung wählte. Weil er mich liebt, auch wenn er diesen Schritt moralisch, ethisch, theologisch nicht für richtig hält. Das war für mich wunderbar …

… dass Ihr Mann über seinen theologischen Schatten gesprungen ist?

Nikolaus Schneider: Für mich gilt 1. Korinther 13,13: Nun aber bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei. Die Liebe aber ist die größte unter ihnen.

Anne Schneider: Diese Haltung ist aber auch nicht erst durch meine Erkrankung an Brustkrebs entstanden. 2007 hat Nikolaus schon als Präses der Rheinischen Kirche geschrieben, es kann ein Akt der Liebe sein, wenn einer den anderen zum Suizid begleitet. Es gab 2014 ja Vorwürfe gegen Nikolaus, er hätte seine Überzeugungen aufgrund persönlicher Betroffenheit über Bord geworfen. Das war Unsinn. Auch deshalb liebe ich Nikolaus: Für ihn war und ist die konkrete Beziehung immer das Wichtigste. Er hat seine theologischen Überzeugungen sowie synodale Entscheidungen, die ihre Berechtigung haben und die Kirche zusammenhalten, nie über Beziehungsfragen gesetzt. Nikolaus hat aus einem Korintherbrief zitiert, ich zitiere die Johannesbriefe: Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Anne und Nikolaus Schneider. Foto: PrivatEigentlich würde ich jetzt mit Ihnen lieber weiter über die Liebe sprechen. Aber wir haben uns die Sterbehilfe als Thema vorgenommen. Wie ist Ihre Position dazu heute?

Nikolaus Schneider: Ich habe 2014 deutlich gemacht, dass in der Konfliktsituation zwischen dem Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen und der Aufgabe staatlichen Handelns, das Leben zu fördern und zu schützen, die Aufgabe des Staates den Vorrang hat. Und im Konfliktfall der Einzelne in seinem Selbstbestimmungsrecht zurücktreten muss. Das würde ich in dieser Schärfe heute nicht mehr sagen. Das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen ist Ausdruck seiner Identität und seiner Persönlichkeit. Das will ich in gleicher Weise wertschätzen wie den Lebensschutz. Das ist für mich nicht nur eine gesellschaftliche, sondern ebenso eine theologische Frage: Der Glauben ist immer auch Ausdruck der Beziehung des Einzelnen zu Gott. Daraus leite ich eine hohe Wertschätzung der Persönlichkeit des Einzelnen und seiner Verantwortung für sich selbst ab.

Gerade für Protestanten ist die Selbstbestimmung ein hohes Gut. Warum ist der Wunsch nach einem selbstbestimmten Ende für die Kirche so schwer zu akzeptieren?

Nikolaus Schneider: Kirchenleitungen und Synoden sind in ihrem Handeln sehr stark an Ordnungsfragen orientiert und schauen auf die „Spielregeln“ für alle. Da rückt die Frage der Gemeinschaft, die verbindliche Werte für alle sucht, in den Vordergrund. Das Recht und die Autonomie des Einzelnen rücken dabei nach hinten.

Anne Schneider: Mir geht es bei der Selbstbestimmung um die Frage, wie gewichte ich meine Autonomie? Wir Menschen sind keine einsamen Inseln. Wenn ich mich entscheide, jetzt sterben zu wollen, dann will ich diese Entscheidung vor meinen Kindern, vor meinen Enkeln und vor allem vor Nikolaus verantworten. Und auch vor Gott. Ich möchte sterben in der Gewissheit, Gott kommt mir entgegen, er öffnet mir die Tür. Die mir von Gott geschenkte Verantwortung für mein Leben hört doch nicht auf, wenn die Sterbephase anfängt. Sterben gehört zum Leben. Wie ich sterbe, das gehört zum menschlichen Verantwortungsbereich. Und das kann für mich auch bedeuten, dass wir unseren Sterbeprozess beschleunigen.

Christen glauben an das ewige Leben. Das irdische Leben zu beenden, wenn es nicht mehr erträglich scheint, wäre dann eben eine Abkürzung?

Anne Schneider: Wenn ich als Christin theologisch vom „Leben“ rede, dann endet das doch nicht mit meinem Tod. Das Argument, das Leben ist eine Gabe Gottes, umschließt für mich das ewige Leben und ist deshalb kein Argument gegen Suizid oder Beihilfe zum Suizid. Das Sterben ist eine wichtige Phase des irdischen Lebens. Aber wenn man sieht, wie qualvoll diese Phase oft ist, dann muss es doch möglich sein, diese Phase abzukürzen. Wir sollten uns bei dieser theologischen Streitfrage immer klar sein: Es geht um eine sehr begrenzte Anzahl von Menschen, über die wir bei der Diskussion um assistierten Suizid reden. Es geht um Menschen, die eine tödliche Krankheit haben oder in ihrem Leben grundsätzlich keinen Sinn mehr finden. Es geht nicht um Menschen, die ihr irdisches Leben in einer akuten Problemsituation wegwerfen wollen.

Demnächst soll im Bundestag eine Regelung für den ärztlich assistierten Suizid gefunden werden. Wie würde Ihre Wunschregelung aussehen?

Nikolaus Schneider: Wenn ein Mensch nur noch lebt, weil die Medizin mit ihren riesigen Fortschritten eine für ihn unerträgliche Lebenssituation verlängert. Oder wenn das Leben eines Menschen nur noch Leiden ist, dann sollte eine Möglichkeit für einen legalen ärztlich assistierten Suizid geschaffen werden. Das wäre durchaus mein Wunsch. Das Sterbehilfegesetz von 2015, dem ich damals zugestimmt hatte, hat hier leider keine Rechtssicherheit schaffen können. Einzelne Ärzte, die in einer solchen Situation – auch damals schon ganz in meinem Sinne – Menschen zum Sterben geholfen haben, wurden strafrechtlich verfolgt. Das muss ausgeschlossen sein. Der Weg einer ärztlichen Suizidbeihilfe sollte offen sein für Menschen, die diese Hilfe brauchen und für Menschen, die diese Hilfe leisten. Die Tatherrschaft für den Suizid muss dabei allerdings beim Sterbewilligen sein. „Tötung auf Verlangen“ und im Besonderen auf ein aktuell nicht mehr artikulierbares Verlangen – etwa bei Demenz oder Koma – sollte nicht mit dem neuen Sterbehilfegesetz legalisiert werden. Ich bin froh, dass keiner der vorliegenden Entwürfe in diese Richtung denkt.

» Entscheiden kann nur der Betroffene «

Anne Schneider: Erst mal hoffe ich sehr, dass die Entscheidung über ein neues Sterbehilfegesetz im Bundestag nicht noch einmal aufgeschoben wird. Von den drei vorliegenden Entwürfen lehne ich den ab, der die Beihilfe zum Suizid grundsätzlich unter das Strafrecht stellt und Straffreiheit für bestimmte Ausnahmefälle festlegt. Das würde nach meiner Ansicht der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes vom Februar 2020 zuwiderlaufen. Dass bei allen Vorschlägen eine ergebnisoffene Beratungspflicht vorgesehen ist, finde ich richtig. Die Entscheidung muss bei dem Sterbewilligen verbleiben. Nur der Betroffene kann entscheiden, ob sein Leben für ihn lebenswert ist oder ob er Suizidbeihilfe in Anspruch nehmen will.

Wenn assistierter Suizid gesetzlich erlaubt ist, muss er dann auch in diakonischen Einrichtungen möglich sein?

Anne Schneider: Ich denke schon.

Nikolaus Schneider: Ja, auch in kirchlichen Einrichtungen sollte ärztlich begleiteter Suizid möglich sein. Aber niemand vom ärztlichen oder pflegerischen Personal kann dazu gezwungen werden, Suizidbeihilfe zu leisten. Das Thema muss mit allen Mitarbeitenden der Einrichtung besprochen werden. Aber auch wenn der Träger der Einrichtung sich gegen Suizidbeihilfe ausspricht: Wir haben es in den Einrichtungen der Diakonie zu respektieren, wenn Menschen ethische Entscheidungen treffen, die mit unseren ethischen Normen in Teilen über Kreuz liegen. Diesen Menschen nach längerem Aufenthalt zu sagen, „ihr müsst das Haus verlassen, wenn ihr ärztlich begleiteten Suizid möchtet“, ist für mich undenkbar.

Anne Schneider: In der Schweiz ist es nach meiner Kenntnis so, dass die Sterbehilfe nicht von dem Personal der Pflegeeinrichtung geleistet wird. Wenn ein Bewohner den assistierten Suizid wünscht, dann kommen Vertreter von Sterbehilfevereinen wie Exit oder Dignitas ins Haus. Die Rollen sind klar verteilt.

Was ist gutes Sterben für Sie?

Anne Schneider: Dass ich vor meinem Mann sterbe, damit er mir die Hand und meinen Kopf hält. Das wäre mein Wunsch, dafür bete ich. Und dass wir auch am Ende des Lebens nicht verzweifeln, sondern der Gewissheit vertrauen, dass Gott uns entgegenkommt.

Nikolaus Schneider: Und der Glaube uns trägt. Für mich bedeutet gutes Sterben, dass ich nicht einsam bin. Dass meine Frau meine Hand hält – oder meine Kinder und Enkel, Menschen, die mir vertraut sind. Und dass ich nicht unter Schmerzen sterben muss, Abschied nehmen und auch das letzte Stück meines Lebens wahrnehmen kann. □

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Vom Leben und Sterben. BuchcoverAnne und Nikolaus Schneider: Vom Leben und Sterben.


Ein Ehepaar diskutiert über Sterbehilfe, Tod und Ewigkeit.

Neukirchener Verlagsgesellschaft 2019

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