Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wein oder Traubensaft?

Die traditionelle Form des Abendmahls in der Landeskirche mit Wein, Gemeinschaftskelch und Hostie befindet sich auf dem Rückzug. So scheint es zumindest, wenn man Gottesdienste in verschiedenen Gemeinden besucht. Für manche ist das der schmerzliche Verlust einer liebgewonnenen Tradition. Für andere hingegen ist es das Zeichen eines neuen Verständnisses des Abendmahls. 


So stimmungsvoll wird das Abendmahl oft in der Osternacht gefeiert. (Foto: Werner Kuhnle)


Keinesfalls wird über „Verständnis und Praxis“ des Abendmahls nur zwischen katholischen und evangelischen Theologen gestritten, sondern auch innerhalb des evangelischen Spektrums. Wein oder Traubensaft? Einzelkelche oder Gemeinschaftskelch? Hostien oder Brot? Und soll das Brot aus Weizen-, Kartoffel- oder Sojamehl gebacken sein?

Der kirchenrechtliche Rahmen ist in der württembergischen Landeskirche klar gegeben. In Paragraf 5 der mehrfach überarbeiteten „130. Abendmahlsordnung vom 10. März 1995“ heißt es: „Regelform der Austeilung ist nach kirchlichem Herkommen die Hostie und der mit Wein gefüllte Gemeinschaftskelch.“ Der Kirchengemeinderat muss diesen Rahmen ausfüllen. Denn nicht Pfarrerin oder Pfarrer allein legen fest, wie in ihrer Kirchengemeinde Abendmahl gefeiert wird.

Dass diese Regelform nicht einfach als lästiges Hindernis oder als Ärgernis abgetan werden sollte, hat gute Gründe, wie Theologen argumentieren. So weist etwa der Ravensburger Dekan Friedrich Langsam darauf hin, dass das „Abendmahl eine Gabe Jesu an die Kirche ist, über die diese nicht frei verfügt“. Und Jesus hat mit seinen Jüngern beim Mahl Wein im Kelch gehabt. Und keinen Traubensaft. Wenn auch sicher mit Wasser verdünnten und zusätzlich gesüßten Wein, wie Stefan Krauter, Ulmer Münsterpfarrer, ergänzt. Die Jünger tranken auch nicht aus Einzelkelchen, sondern alle aus einem, wie die Einsetzungsworte unmissverständlich belegen.

Hinzu kommt: „Nimmt man das durch Jesus Christus berufene neue Volk Gottes aus Juden und Christen ernst, muss die jüdische Tradition, in der Jesus selbst stand, ernst genommen werden“, argumentiert Dekan Langsam. „In der jüdischen Tradition spielt der Wein für den Kultus eine zentrale Rolle. So bei der Sabbatfeier und beim Passahmahl. Daneben spiegelt sich im Wein eine breite Metaphorik. Der Wein ist Zeichen der Heilszeit und repräsentiert Überfluss und festliche Freude. Er ist Ausblick auf Gottes endzeitliches Fest- und Freudenmahl“, sagt der Theologe.

Auch deshalb ist „eine Feier mit Chips und Sprudel“ niemals ein Abendmahl, fügt Münsterpfarrer Krauter hinzu: „Ein Abendmahl ist eben keine Party mit Häppchen. Gerade im evangelischen Abendmahlsverständnis ist es wichtig, so zu feiern, wie Jesus es uns aufgetragen hat“ – im Unterschied zur katholischen Eucharistiefeier, bei der bis auf wenige Ausnahmen nur der Priester aus dem Kelch trinkt, die Gläubigen aber die Hostie erhalten.

Dennoch verschließen weder die Kirchenrechtler noch die im Alltag ihrer Gemeinde stehenden Pfarrer die Augen vor der Wirklichkeit. Menschen mit Suchterkrankung, die konsequent abstinent leben, könnten ihr Leben lang nicht mehr am Abendmahl teilnehmen, gäbe es nur die sogenannte Regelform. Und pflegebedürftige Menschen im Altersheim können oftmals einfach keine Hostie essen.

Einigkeit besteht auch darin, dass beim Abendmahl mit Kindern und Konfirmanden konsequent auf Alkohol verzichtet wird. Denn es geht darum, „um der Liebe willen Sorge zu tragen, dass niemand von der Teilnahme ausgeschlossen wird“, sagt Friedrich Langsam. Und auch Stefan Krauter sagt: „Es ist nicht vorstellbar, ausgerechnet bei der Feier der Gemeinschaft Menschen zu beschämen.“

Wie vermeidet man das? Eigentlich geht es ganz einfach. So ist es zum Beispiel in einer kleinen Gemeinde nicht unbedingt eine gute Idee, nur einen einzigen Kreis zu bilden, wenn es nur Wein zum Abendmahl gibt. Der einzige Gottesdienstbesucher, der dann, aus welchen Gründen auch immer (er könnte ja zum Beispiel auch erkältet sein), keinen Wein aus dem Gemeinschaftskelch trinken will, sitzt dann ganz allein in der Bank. „Einfach zwei kleine Kreise nacheinander bilden, dann gibt es immer welche, die in der Bank sitzen, und welche, die vorne stehen“, sagt Krauter.

Und die Abendmahlsordnung ist so weit gefasst, dass es viele Möglichkeiten gibt, ein Abendmahl würdig zu feiern. In der „Arbeitshilfe Abendmahl mit Kindern“ steht beispielsweise: „Wenn Kinder und Jugendliche am Abendmahl teilnehmen, sollte unvergorener Traubensaft angeboten werden. Alkohol ist für Kinder nicht geeignet, selbst wenn ihnen ein Schluck gesundheitlich nicht schaden würde. Erwachsenen, die nicht von sich aus Saft vorziehen, sollte das traditionelle Festgetränk Wein gereicht werden.“

Es gibt in der Arbeitshilfe gleich einen Tipp, wie man Wein und Saft auch optisch kenntlich machen kann: Zur Unterscheidung kann man verschieden-farbige Servietten unterlegen. Oder man kann neben Rotwein weißen Traubensaft reichen.

Manche Gemeinden bilden einen Kreis auf der „Kanzelseite“ und einen auf der „Taufsteinseite“. Hier gibt es Wein im Gemeinschaftskelch, da Traubensaft in Einzelkelchen. Wer zum Traubensaft geht, muss nicht gleich Alkoholiker sein. Er könnte ja auch  nur an der Seite seiner Kinder sein wollen.

Im Ulmer Münster wird am ersten Sonntag im Monat morgens um acht Gottesdienst in Form der Deutschen Messe gefeiert. Da gibt es nur Traubensaft in Einzelkelchen. Weil aber die Münstergemeinde keine Einzelkelche hat, sondern nur zum Teil sehr wertvolle Gemeinschaftskelche, leiht man sich die kleinen Einzelkelche von der Nachbargemeinde aus. Wird das Abendmahl dagegen im Hauptgottesdienst gefeiert, gibt es nur Wein aus dem Gemeinschaftskelch. Genau der traditionelle Gemeinschaftskelch ist auch die „hauptsächliche Hemmschwelle“, ob jemand am Abendmahl teilnimmt oder nicht, hat Münsterpfarrer Krauter beobachtet. Kindern, Jugendlichen, aber auch vielen Erwachsenen ist die Vorstellung, aus dem Becher zu trinken, den gerade ein völlig fremder Mensch neben ihnen an den Lippen gehabt hat, schlicht unangenehm.

In nicht wenigen Gemeinden in Württemberg hat man das Problem auf typisch schwäbische und ganz praktische Weise gelöst. Es steht ja schließlich nicht explizit in der Abendmahlsordnung, wie oft im Jahr die Regelform zu praktizieren ist.

Was im Kelch ist, erfassen die Statistiker des Oberkirchenrates nicht. Aber wie oft das Abendmahl gefeiert wird, wird genau notiert. Oliver Hoesch, Sprecher der Landeskirche, nennt die Zahlen von 2014: „17?609 Abendmahlsfeiern in Gottesdiensten oder im Anschluss daran, einschließlich den Gottesdiensten in Heimen und Anstalten und 1?779 Abendmahlsfeiern als Haus- und Krankenabendmahl“.

Die in Württemberg traditionell starken Freikirchen sind bei der Verwendung von Wein strenger. Bei den Baptisten mit etwas mehr als 10?000 Mitgliedern in Baden-Württemberg gibt es grundsätzlich keinen Wein beim Abendmahl. Der Teller mit dem Brot und der Kelch mit dem Saft werden durch die Reihen weitergegeben.

Mehr als doppelt so viele Gemeindeglieder in Baden-Württemberg wie die Baptisten hat die evangelisch-methodistische Kirche. In der aktuellen Agende steht: „In der Gemeinde wird festgelegt, ob Wein oder Traubensaft gereicht wird. Doch ist Traubensaft gegenüber Wein der Vorzug zu geben.“ In der Praxis wird deshalb fast überall Traubensaft verwendet.

Das ist bei den Methodisten schon lange so: Im Rahmen der Abstinenzbewegung des 19. Jahrhunderts führten die Vorläuferkirchen der heutigen United Methodist Church die Verwendung von unvergorenem Traubensaft ein. Die bekanntesten Kämpfer gegen den Alkoholmissbrauch entstammten ihren Reihen, so etwa der Liederdichter Ernst Gebhardt. Bis heute sind die Methodistien stark in der Arbeit für Suchtkranke engagiert.

Jochen Hägele, Pfarrer der Brüdergemeinde in Korntal, beschreibt die Praxis in seiner Gemeinde so: „Wir geben die Gaben nach Herrnhuter Ordnung durch die Reihen. Bei uns gibt es Brot für alle, nicht Hostien. In den ersten fünf Reihen im Betsaal gibt es Saft im Einzelkelch, in den restlichen Reihen Wein im Gemeinschaftskelch. Die Gemeinde hat das gelernt und setzt sich entsprechend. Das ist eine Form, die ich sehr kooperativ finde.“ Dadurch sind nach Hägeles Auffassung Menschen mit Alkoholproblemen geschützt. Es gebe schließlich viele Gründe, den Einzelkelch zu nehmen.

In den Gemeinden der Herrnhuter Brüdergemeine selbst liegt die Entscheidung, ob Wein oder Saft verwendet wird, beim Ältestenrat, dem Leitungsgremium einer Gemeinde, sagt Pressesprecher Erdmann Carstens. Meist jedoch werde Saft verwendet.

Kompromisslos abstinent feiern die Siebenten-Tags-Adventisten. Auf der Internetseite ihres Hope-Bibelstudien-Instituts ist zu lesen: „Etwas, das das Denkvermögen trübt, emotional enthemmt, Menschen ins soziale Abseits trieb und schon bei einem Glas ein paar hundert Hirnzellen zerstört oder einen trockenen Alkoholkranken wieder rückfällig werden lässt, ist sicherlich kein passendes Symbol für Jesu Blut.“