Christliche Themen für jede Altersgruppe

Weite Wege in der Diaspora

In Baden-Württemberg leben geschätzt 6000 Armenier – verstreut von Konstanz bis Mannheim. Die Stammkirche der kleinen Gemeinde, die von Pfarrer Diradur Sardaryan geführt wird, steht in Göppingen. Seine Gottesdienste hält der Theologe aber im ganzen Land.


Bei den Gottesdiensten der armenischen Gemeinde reichen die Sitzplätze manchmal nicht aus. )Fotos: privat)

Die Wege sind weit im Gemeindegebiet von Pfarrer Diradur Sardaryan, was seine Arbeit mitunter zur Herkulesaufgabe macht. An manchen Sonntagen hält der armenische Geistliche in Kehl einen Gottesdienst, an anderen in Heidelberg, dann wieder in Weingarten oder Neckarsulm. Das Leben in seiner Gemeinde ist verteilt auf beachtliche 36?000 Quadratkilometer. Auf ganz Baden-Württemberg nämlich, was für ihn vor allem eines bedeutet: sehr viele Stunden hinter dem Steuer seines Autos zu verbringen. „Es ist mir wichtig, möglichst viele Menschen zu erreichen“, sagt der Theologe.

Bis zu 7000 Kilometer kommen so jeden Monat zusammen, ein enormes Pensum, das sich Diradur Sardaryan sozusagen selbst auferlegt hat. Seit der Pfarrer im Jahr 2007 die armenische Gemeinde in Baden-Württemberg übernommen hat, ist die Zahl an Gottesdienststandorten im Land kontinuierlich gestiegen. Zuletzt dazugekommen im Reigen ist die evangelische Lutherkirche in Bad Cannstatt, in der Diradur Sardaryan seit knapp zwei Jahren an jedem dritten Sonntag im Monat einen armenischen Gottesdienst hält. Auch die Lutherkirche ist an diesen Sonntagen wie überall anders gut besucht, was den Pfarrer einerseits freut und ihm gleichzeitig zeigt, wie er sagt, dass er auf dem richtigen Weg ist.

Im Jahr 1980 in der armenischen Hauptstadt Eriwan geboren, hat sich Diradur Sardaryan schon früh hingezogen gefühlt zur geistlichen Welt. Tief beeindruckt hat ihn dabei vor allem die spirituelle Schlichtheit der Klöster. Zu denen haben ihn seine Eltern mitgenommen, die kulturell interessiert und viel unterwegs waren. Ein Art Schlüsselerlebnis hatte er als zwölfjähriger Schüler, als er in einem Theaterstück die Rolle von Jesus spielte und dafür die Bergpredigt auswendig lernen musste. Ein prägender Moment, wie er erzählt: „Die Auseinandersetzung mit dem biblischen Text hat mich mitgerissen.“

Dem Ministrantenamt in Eriwan folgte zunächst ein Priesterseminar in Jerusalem, dann ein Theologiestudium im bulgarischen Sofia. Später besuchte er noch die Katholische Universität in Eichstätt und die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, an der er 2007 am Institut für Orthodoxe Theologie mit „magna cum laude“ promovierte. Im gleichen Jahr wurde er zum Priester geweiht. Seither hört er nicht mehr auf seinen früheren Vornamen Levon, sondern auf den geistlichen Namen Diradur, was so viel heißt wie Theodor. „Welchen Namen man bekommt, entscheidet der Bischof“, sagt der 35-Jährige.

Die armenische Gemeinde in Baden-Württemberg zu übernehmen, war dagegen seine eigene Entscheidung, die er kaum hätte besser treffen können. Die Stammkirche der Gemeinde steht in Göppingen, wo der Familienvater längst seine neue Heimat gefunden und lieb gewonnen hat. Er wohnt zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen im Stadtbezirk Bartenbach, nur wenige Minuten von der Heilig-Kreuz-Kirche entfernt, in der seit mehr als 30 Jahren das Herz der armenischen Gemeinschaft schlägt. 1983 war die alte Dorfkirche, die seinerzeit leer stand, umgebaut und renoviert worden. Seither läuten die Kirchenglocken wieder.

Dass die Kommune am Fuß der Schwäbischen Alb ein Zentrum der Armenisch-Apostolischen Kirche geworden ist, hat vor allem mit dem ehemaligen Außenwerk der Kornwestheimer Schuhfabrik Salamander zu tun und mit dem Göppinger Spielzeughersteller Märklin. Viele der bis zu 6000 Armenier, die derzeit in Baden-Württemberg leben, sind einst aus der Türkei, dem Iran oder Irak als Gastarbeiter ins Land gekommen. Zwischenzeitlich leben sie seit zwei, drei Generationen hier. Alleine im Landkreis Göppingen wohnen momentan etwa 60 armenische Familien, in Stuttgart sind es ungefähr 150. „Die meisten sind inzwischen deutsche Staatsbürger, das ist ihnen sehr wichtig“, betont Diradur Sardaryan. „Deutschland ist ihre zweite Heimat geworden.“

Mit Integrationsproblemen hat der engagierte Pfarrer bei seiner Gemeindearbeit daher kaum zu tun, ganz im Gegenteil: „Uns macht eher die Assimilation Sorgen“, sagt er. Die Traditionen seines Volkes „auch in der Diaspora“ zu erhalten, ist ihm ein wichtiges Anliegen, wie er sagt: „Kultur und Sprache geben den Menschen ihre Identität.“

Zum Angebot der armenischen Kirchengemeinde gehört daher auch die Sonntagsschule im Gemeindehaus der Cannstatter Lutherkirche, in der fünf ehrenamtliche Lehrerinnen unterschiedliche Fächer unterrichten, von Religion bis zu traditionellen Tänzen.

Auf dem Stundenplan steht zudem auch die bewegte Geschichte der Armenier, die als das älteste christliche Volk der Welt gelten. Knapp drei Millionen Einwohner hat das kleine Land mit der großen Vergangenheit heute noch. „90 Prozent davon gehören der Neuapostolischen Kirche“, sagt Pfarrer Diradur Sardaryan. Ein wichtiges Thema ist natürlich der Völkermord, insbesondere in diesem Jahr, in dem sich der Genozid an den Armeniern zum hundertsten Mal jährt. „Das ist ein sehr trauriges Kapitel in unserer Geschichte. Aber nicht nur unsere Vergangenheit ist wichtig, sondern auch das, was uns heute prägt“, betont der Theologe.

Um Einblicke in die Lebensart der Armenier zu ermöglichen, hat die Kirchengemeinde zusammen mit einigen Mitstreitern eigene Kulturtage konzipiert, die in diesem Herbst bereits zum fünften Mal in der Landeshauptstadt Stuttgart veranstaltet werden. Auf dem Programm stehen neben klassischer armenischer Musik und Lesungen vor allem auch orthodoxe und ökumenische Gottesdienste, um Menschen unterschiedlicher Konfession zusammenzubringen.

„Die meisten wissen nicht viel über die Existenz der armenischen Gemeinde und was uns ausmacht, zum Beispiel dass viele Wissenschaftler und Künstler im Land Armenier sind“, sagt Diradur Sardaryan. „Diese Tage sind eine wunderbare Möglichkeit, sich zu begegnen, sich auszutauschen, sich kennenzulernen und einen Dialog zu führen.“

Immerhin stellt Baden-Württemberg die zweitgrößte armenische Gemeinde in Deutschland, nach Nordrhein-Westfalen mit dem Sitz der Diözese in Köln. Ideen und Tatendrang hätte der Pfarrer genug, um „weitere Brücken zwischen den Ländern zu bauen, über die sich Freundschaften entwickeln können“, wie er sagt. Doch oft fehlt es an den Mitteln: Die Gemeinde finanziert sich allein durch die Spenden ihrer Mitglieder. Diradur Sardaryan selbst, der neun Sprachen spricht, liebt Deutschland inzwischen so sehr wie sein Heimatland Armenien, das er noch zweimal im Jahr besucht. Seine Eltern und die beiden Brüder leben immer noch dort, er selber geht in Baden-Württemberg seiner Berufung nach. Auch wenn die Wege hier weit sind für den Pfarrer aus Armenien.

Information zur Armenischen Gemeinde

Die armenische Gemeinde Baden-Württemberg ist im Internet unter der Adresse www.agbw.org   präsent. Dort sind neben ausführlichen Informationen zur Geschichte der Gemeinde auch die Termine und Orte der Gottesdienste zu finden.

In diesem Jahr jährt sich der Völkermord an den Armeniern zum 100. Mal, mehr auf den folgenden Seiten. Die zentrale Gedenkveranstaltung „1915–2015. Hundert Jahre Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich“ findet am 24. April in Stuttgart statt. Um 16 Uhr findet ein Gottesdienst am Kreuzstein im Friedhof Stuttgart-Steinhaldenfeld statt, um 19.15 Uhr spricht Landesbischof Frank Otfried July in der Lutherkirche in Bad Cannstatt ein Grußwort.