Christliche Themen für jede Altersgruppe

Weltbilder über Kreuz lernen

Der Glaube in der Gesellschaft verdunstet immer mehr und sogar manche Muslime melden ihre Kinder im evangelischen Kindergarten an, weil Religion dort wenigstens ein Thema ist. Wie sieht es dann in der Schule aus? Ist es Zeit für den gemeinsamen Religionsunterricht aller Gläubigen?

 

„Oh Mann, was waren noch mal die fünf Säulen des Islam?“, stöhnt Sebastian und legt seine Stirn in Falten. „Wallfahrt nach Mekka, Unterstützung für die Armen, Fasten … und was war das noch?“ Der große Bruder ruft von oben: „Die müssen auch so viel beten!“ Ob sie das wirklich tun, fragt sich Sebastian, notiert aber vorsichtshalber: täglich mehrfaches rituelles Beten.

Sebastian besucht die 8. Klasse eines evangelischen Gymnasiums in Stuttgart und paukt für eine Klassenarbeit. Seine Klassenkameraden sind Christen, es gibt niemanden, der einer anderen Religionsgemeinschaft angehört. Der Religionsunterricht ist an dieser Schule bis zum Abitur Pflicht; er kann nicht abgewählt oder durch einen Ethik-Unterricht ersetzt werden. Es wäre aber schon praktisch, wenn ich im Unterricht einfach jemanden fragen könnte, wie das so ist mit der Beterei und dem Fasten, denkt sich der 13-jährige Schüler. Und überhaupt, wie ist das mit Jesus? Ist er für die Muslime ein Prophet oder was?

Großer Streit ums kleine Fach 

Szenenwechsel. Die 25-jährige Matou aus dem Senegal ist als Au-pair bei einer Stuttgarter Familie. Zum ersten Mal erlebt sie das christliche Weihnachtsfest und Ostern. An Ostersonntag kommt es zu einer denkwürdigen theologischen Auseinandersetzung. Als Muslimin ist Matou davon überzeugt, dass Jesus nicht auferstanden ist, weil ein anderer für ihn gekreuzigt wurde. Und wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben ist, dann gibt es logischerweise auch keine Auferstehung, so Matou. Alles nur Fake. Die deutsche Gastfamilie glaubt zunächst, nicht richtig gehört zu haben. Wie kann man denn eine solche theologische Position vertreten? Überzeugung prallt auf Überzeugung. 

In den Koranschulen im Senegal ist dies allgemeine Lehrmeinung, sagt die junge Frau aus Afrika. Man komme schon ins Grübeln, räumt der junge deutsche Familienvater ein, wenn man so unvermittelt mit einer Überzeugung und einem Weltbild konfrontiert wird, das nicht nur konträr, sondern offenkundig nicht minder fest ist als das eigene.

Längst ist die deutsche Gesellschaft und damit auch die deutschen Schulklassen multireligiös geworden. Zusätzlich wird die religionspädagogische Lage durch die große Anzahl agnostischer oder atheistischer Eltern verkompliziert. Die Frage lautet: Wer soll wem über (welchen) Gott etwas beibringen? Inzwischen ist auch die religiöse Indoktrination trauriger Alltag in deutschen Schulen, beschimpfen sich Schulkinder gegenseitig als Scheißmoslems, Scheißjuden, Scheißchristen. Was hilft gegen diesen Wahn? Die Verfechter eines bekenntnisorientierten Religionsunterrichts in der Schule sagen: Genau dieser! Denn erst durch die Begegnung mit Menschen, die vom Glauben erfüllt sind und deren Begeisterung man spürt, kann man überhaupt wissen, was diese glauben und warum. Als Kind und Jugendlicher kann man nur etwas über die Komplexität von Religion lernen, wenn die Unterweisung von gläubigen Menschen erfolgt, argumentieren sie. Nur so sei eine Weitergabe von Religionserfahrung möglich. Dies ist in einem religionsneutralen Ethikunterricht nicht möglich. 

Für die Befürworter des Bekenntnisunterrichts ist klar, dass nur derjenige, der als junger Mensch einen solchen Unterricht genossen hat, anschließend in der Lage ist, auf Augenhöhe mit Andersgläubigen zu diskutieren. Religionsunterricht ist daher weit mehr als bloße Wissensvermittlung. Nur wer sich selbst und sein religiöses Bekenntnis kennt, kann sich selbst erkennen und dann aufgeklärt und tolerant auf andere Religionen zugehen. Doch ist konfessioneller Religionsunterricht in der Schule kein kirchlicher Religionsunterricht wie er etwa in Form von Konfirmanden- oder Firm­unterricht erteilt wird. Der Anspruch lautet vielmehr, die Schüler durch den schulischen Unterricht in ein reflektiertes Verhältnis zur Religion zu setzen. Der jeweilige Referenzrahmen freilich ist stets eine spezifische Religion. 

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Alternative Ethik?

Von Jahr zu Jahr sinkt die Zahl der Schüler im Religionsunterricht und steigt die Zahl jener, die einen religionsneutralen Ethik-Unterricht besuchen. Deshalb sei es höchste Zeit, den traditionellen (konfessionsgebundenen) Religionsunterricht durch einen neutralen Religionsunterricht zu ersetzen, sagen manche Bildungsexperten. Nach wie vor aber besuchen mehr Schüler und Schülerinnen den Religions- als den (in den weiterführenden Schulen alternativ angebotenen) Ethikunterricht. Dies bedeutet aber keine Ewigkeitsgarantie. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov vom Herbst 2016 unterstützten 69 Prozent das Vorgehen Luxemburgs, das den konfessionellen Religionsunterricht zum neuen Schuljahr 2016 durch einen allgemeinen Werteunterricht im Fach „Leben und Gesellschaft“ ersetzt hatte. 

In den ostdeutschen Bundesländern wird die Abschaffung des Religionsunterrichts von über 80 Prozent der Befragten unterstützt. Als Berlin 2006 den verpflichtenden Ethik-Unterricht einführte (Religion und der „Humanistische Lebenskundeunterricht“ blieben als freiwillige Wahlfächer bestehen), sammelten die Gegner Unterschriften für einen Volksentscheid „pro Reli“. Ihr Vorstoß endete mit einer krachenden Niederlage, sie hatten am Ende zu wenige Unterschriften. Zu einem wichtigen Argument für den konfessionsgebundenen Religionsunterricht sind heute unerwartet die Muslime geworden, die in den Verfassungen von Weimar (1919) und Bonn (1949), als der Religionsunterricht Verfassungsrang bekam, keine Rolle spielten. Ein islamischer Religionsunterricht, der wie der evangelische oder katholische Unterricht staatlich kontrolliert würde und ein ordentliches Lehrfach wäre, wird inzwischen von vielen als großer Integrationsfortschritt angesehen. 

Jesus im IslamWenn es um den Religionsunterricht geht, hält ohnehin jedes Bundesland etwas anderes für richtig. Gemäß Grundgesetz ist Religionsunterricht ein ordentliches Schulfach und wird zusammen mit den Religionsgemeinschaften erteilt. Ausnahmen gelten in Bremen, Brandenburg und Berlin. Dort ist ein bekenntnisgebundener Religionsunterricht kein Pflichtfach. In Brandenburg gibt es stattdessen das Pflichtfach „Lebensgestaltung-Ethik“, in Bremen wird konfessionsunabhängiger Religionsunterricht erteilt und in Berlin gibt es das Pflichtfach Ethik. Ethik ist „Wahlpflichtfach“ und damit faktisch gleichberechtigt mit dem Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, es ist „Ersatzfach“ unter anderem in Baden-Württemberg und Bayern. 

In den neuen Bundesländern besuchen wesentlich mehr Schüler den Ethikunterricht, während in den alten Bundesländern noch weitgehend der konfessionelle Religionsunterricht die Oberhand hat. Das Beispiel Baden-Württemberg verdeutlicht dies: An den Grundschulen dieses Bundeslandes ist Ethikunterricht bislang überhaupt nicht vorgesehen, hier dominiert allein der bekenntnisorientierte Religionsunterricht. Erst in den Klassen 8 bis 10 gibt es „Ethik“ an allen weiterführenden Schulen, an Gymnasien ab Klasse 7 und in der Oberstufe. Auch berufliche Gymnasien bieten Ethik in der Kursstufe an.

Inzwischen hat ein Umdenken bei den Bildungspolitikern eingesetzt, noch in dieser Legislaturperiode soll Ethikunterricht in der gesamten Sekundarstufe I etabliert werden. Die Grundschulen bleiben weiter außen vor, obwohl im letzten Schuljahr landesweit knapp 20 Prozent der Grundschüler nicht am Religionsunterricht teilnahmen. Sie müssen in der Schule beaufsichtigt werden oder dürfen, sofern der Religionsunterricht in Randstunden erteilt wird, nach Hause gehen. 

Warum aber sollen nicht muslimische, christliche und atheistische Kinder gemeinsam etwas über Jesus lernen? Gemeinsam etwas über Mohammed? Gemeinsam über Jahwe und Buddha? Gemeinsamer Unterricht über den Glauben statt nach Konfessionen getrennter Unterricht, in dem jeweils der eine Glauben gelehrt wird, fordern daher die Kritiker des bekenntnisgebundenen Religionsunterrichts. Miteinander über verschiedene Weltanschauungen und religiöse Konzeptionen ins Gespräch kommen und die Grenzen ausloten, ist ihr Ansatz und sie argumentieren, dass man den jungen Menschen mit einem konfessionell gebundenen Religionsunterricht genau diese Möglichkeit nimmt. 

Nikolaus Knoepffler, dem Leiter des Ethikzentrums der Universität Jena etwa schwebt ein Fach wie „Religion und Philosophie“ vor, in dem alle Schüler gleich welcher Religion gemeinsam unterrichtet werden, um zu verstehen, was Weltanschauungen, was Religionen sind, wer die großen Religionsstifter und Philosophen waren. Einen klassischen „Gesinnungsunterricht“ lehnt er daher ab. Die eigene religiöse Identität, die man im Elternhaus und in der Kirchgemeinde lernt, erfährt und erlebt, sollte im öffentlichen Raum „Schule“ mit anderen Identitäten konfrontiert werden. Denn wer im Religionsunterricht neben jemandem sitzt, der anderes oder gar nicht glaubt, der lernt, was Toleranz heißt. Intuitiv würde ein solcher Schüler Lessings Ringparabel verstehen: dass jede Religion gleich wahr und gleich falsch ist; und zwar gleich wahr, solange sie tolerant, gleich falsch, sobald sie dogmatisch ist. 

Die Bundesrepublik ist ein säkularer (nicht zu verwechseln mit laizistischer oder atheistischer) Staat mit einer säkularen Verfassung, welche die Religionsfreiheit auch an staatlichen Schulen in zweifacher Weise schützt. Die positive Religionsfreiheit wird durch einen konfessionellen Religionsunterricht gewährleistet, die negative Freiheit wird gesichert, indem niemand gezwungen wird, den Religionsunterricht zu besuchen bzw. kein Lehrer gezwungen werden kann, einen solchen zu erteilen. Das Grundgesetz garantiert die Glaubensfreiheit. Artikel 7 garantiert dem Religionsunterricht in öffentlichen Schulen den Status eines „ordentlichen Lehrfachs“, welches „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt“ wird. 

Religionsfreiheit

Damit ist der Religionsunterricht an Schulen eine sogenannte „res mixta“, eine gemeinsame Angelegenheit von Staat und Kirche. So haben wir in Deutschland eine staatliche Schulaufsicht auf der einen und die (Mit)Bestimmung für Lehrinhalte und Lehrkräfte bei den Religionsgemeinschaften auf der anderen Seite. Die Folge ist, dass im Fach „Reli“ Katholiken neben Katholiken, Protestanten neben Protestanten, (und zukünftig vielleicht auch) Muslime neben Muslimen lernen und im Fach „Ethik“ der ganze Rest. Die Befürworter des konfessionellen Bekenntnisunterrichts argumentieren, dass es erst einer religiösen Bildung bedarf, um überhaupt zu einer Urteilsbildung zu kommen. Man muss also erst Experte in seinem Glauben sein, muss wissen, was es beispielsweise bedeutet, evangelischer Christ zu sein, um dann Vertretern anderer Religionsgemeinschaften zu begegnen.

In der gegenwärtigen „religionspluralen Situation“ sei der konfessionelle Religionsunterricht besonders wichtig, findet Theologieprofessor und Oberkirchenrat der Landeskirche in Baden Christoph Schneider-Harpprecht ,,denn ein Interreligiöser Dialog bedinge eine „gebildete Religion“. Dieser religiösen Bildung an den Schulen sei es maßgeblich zu verdanken, dass der Fundamentalismus in Deutschland bislang so gering gehalten wurde, meint Werner Baur, Oberkirchenrat der Württembergischen Landeskirche. Dies sei mit ein Grund, warum sich die Kirchen in Deutschland für den muslimischen Religionsunterricht stark machten.

Eine Schärfung der eigenen religiösen Identität lasse sich viel effektiver in der direkten Konfrontation mit anderen Identitäten erleben, halten die Befürworter eines überkonfessionellen Religionsunterrichts dagegen. Bereits in der Schule zu erleben, dass es verschiedene ethische Ansätze, unterschiedliche moralische Vorstellungen und Glaubenssätze gleichberechtigt nebeneinander gibt, würde den Schülern helfen, in Grundfragen des Lebens Verschiedenheit zu erleben und auszuhalten. Vorurteile und Wissenslücken könnten im Dialog ebenso ab- wie Akzeptanz und Toleranz aufgebaut werden. Anstatt zusätzlich islamischen Unterricht für muslimische Kinder oder jüdischen Unterricht an staatlichen Schulen anzubieten, plädieren sie dafür, alle Kinder und Jugendliche in Religion überkonfessionell und gemeinsam zu unterrichten. Religion lehrt, dass es etwas Größeres gibt als uns Menschen. Religionskritik besagt, dass der Mensch dieses Größere verneinen darf. Nur wer beides lernt, ist fähig zur Religionsfreiheit: unbehelligt glauben oder unbehelligt nicht glauben zu dürfen. Ohne diese Freiheit ist ein friedliches Miteinander der unterschiedlichen Kulturen und Religionen undenkbar.