Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wenn der Dirigent voll aufdreht

ULM – Feierabend: Es ist Zeit, die Stimme zur Geltung zu bringen und einzusetzen. 140 junge Leute singen im Ulmer Chor „Choriosity“, 80 stehen auf der Warteliste. Aus gutem Grund.

Mein lieberherrgesangverein! Längst ist es wieder das große Ding: Sing! Auch in Ulm. Abseits der strengen Kirchen- und Frauen-in-der-Mitte-des-Lebens-Gospelchöre ist vor fünf Jahren der Chor „Choriosity“ aus der dortigen Musiklandschaft gesprossen. Die Geschichte geht so: Eine Medizinstudentin, die heute noch mitsingt, machte 2013 ein Praktikum bei einem Dermatologen. Martin Winter hieß der. Sie sagte ihm, wie gerne sie doch wieder in einem Chor singen würde. Wie früher bei „Ten Sing“ – der Sing-Bewegung im CVJM, zu der aktuell in Deutschland bis zu 150 Gruppen mit etwa 5000 Jugendlichen gehören. Dann der Zufall: Winter erzählte, er habe so einen Ten-Sing-Chor in Bochum geleitet. 

Es dauerte nicht lange und die beiden gründeten ihren maßgeschneiderten Chor. Im ersten Jahr waren fast 50 Sänger und Sängerinnen dabei, im zweiten 80, im dritten 120. Seitdem sind es nie weniger. Aktuell sogar 140. Choriosity räumt auf Wettbewerben ab, letztes Jahr folgte der Auftritt in der berühmten New Yorker Carnegie Hall, während den Konzerten können sich die Zuhörer irgendwann nicht mehr halten, stehen auf, tanzen mit. Es ist, als würde sich die Lust an der Musik in jedem Singenden ballen, um sich dann plötzlich in einem gewaltigen, mehrstimmigen Klang ohne Vorwarnung aufs Publikum zu entladen. Die Stimmkörper werden zu Instrumenten, zu Bässen, Geigen, Schlagzeugen und sogar Kirchen zu „Music Halls“.

Kein Wunder. Dirigent Martin Winter, 36 und Monty genannt, den Konzertbesucher meist nur von Hinten sehen, dreht jedesmal voll auf. Dann bewegt er sich, als stünde er mitten auf der Tanzfläche in einem Club, dirigiert raumgreifend, exzentrisch, leidenschaftlich, streift auch Mal mit der Hand den Boden. Musik durchströmt ihn. Klar, dass bei so einem Anblick seine Sänger und Sängerinnen Hits wie das eindringliche „Take Me To Church“ von Hozier, das ausschweifende „Chandelier“ von Sia oder Michael Jacksons „Man In The Mirror“ so herüberbringen, als wäre jeder Song ihr Lieblingslied. 

 

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Aktuell sind mehr als hundert dabei – die meisten zwischen 20 und 30 Jahre alt, viele studieren noch. Es könnten längst doppelt so viele sein. Doch mehr würden einfach nicht mehr in den Probenraum passen, den der CVJM in seinem Gebäude gegenüber des Ulmer Münsters zur Verfügung stellt. Erst, wenn Plätze frei werden, weil jemand etwa fürs Studium oder einen Job wegzieht, ergibt sich eine Chance für Nachrücker. Die Warterei kann schon mal mehr als ein Jahr dauern. Aktuell warten 80. 

Franzi Dürz, 22, ist Kauffrau und hat immer in Chören gesungen. Sie erzählt: „Als ich nach Ulm gezogen bin, habe ich gegoogelt, welche Chöre es gibt und mir ein paar Youtube-Videos von Choriosity angeschaut. Die fand ich voll gut. Ich war dann auf einem Konzert und erstmal voll neidisch, dass ich nicht gleich mitsingen konnte, sondern erst auf die Warteliste musste.“ Die Bewohnerinnen der WG über ihr hatten es schon geschafft. Seit November ist auch sie dabei. Wäre sie ein Mann, hätte sie es da etwas einfacher gehabt, denn sie sind in Chören stets Mangelware, werden mit Handkuss genommen. Bei Choriosity stehen keine auf der Warteliste, aber dennoch sind genug da. Tenöre, Baritone und Bässe machen ein Drittel aus, so will es der Dirigient für einen ausgewogenen Klang.

Was treibt sie alle dorthin? Könnten sie doch dienstags zwischen 19.30 und 21.30 Uhr mit einem Drink in der Bar sitzen oder Netflix schauen. Warum gehen sie nach anstrengenden Uni- oder Arbeitstagen zum Singen, opfern manchmal sogar noch einen weiteren Tag für Stimmproben oder für ein ganzes Proben-Wochenende. Fenja Rothe, 27, sagt: „Es macht Spaß zu sehen, dass auch andere total Bock haben zu singen.“ Die junge Frau, die in Ulm Mensch-Computer-Aktion studiert, ist seit eineinhalb Jahren dabei. „Ich wurde gleich warmherzig aufgenommen. Da war mir klar: Ich komme wieder.“ Andere stimmen nickend zu. 

Die 26-jährige Psychologin Corinna Henne, die schon seit zweieinhalb Jahren mitsingt, sagt, es fühlt sich an wie Nachhause-Kommen, wenn sie den Probenraum betritt. „Ich habe hier einen extrem großen Freundeskreis. Wenn man eine Weile dabei ist, kann man mit jedem was reden.“ Auch spannende Erfahrungen habe sie hier machen könne, wie etwa die Konzertfahrt letztes Jahr nach New York, aber auch Chorwettbewerbe und andere Auftritte.

Die Choriosity-Sänger sind kein Einzelphänomen. Früher beknieten Schulchöre Schüler mitzumachen. Heute ist Chorsingen Trend und Massenbewegung geworden. In vielen Städten laden Projektchöre ein, für einen bestimmten Auftritt eine begrenzte Zeit lang gemeinsam zu proben. In Berlin, Bremen, Hamburg, Köln und München sind in den vergangenen Jahren Kneipenchöre entstanden, die Bierchen, Bars und Singen miteinander vereinen. 

Fakt ist: Kontakte zu neuen Menschen sind besonders leicht zu knüpfen, wenn einen dieselbe Leidenschaft verbindet: etwa Sport oder Musik. Beim Singen kann man gleich loslegen, jahrelanges Üben bis man überhaupt mitmachen kann, ist nicht nötig. Ganz schief sollten die Töne allerdings nicht in der Luft scheppern und auch Notenlesen können ist von Vorteil.

Über drei Millionen Menschen in Deutschland singen heutzutage in Chören. Sie sind in der Regel lebenszufriedener, ausgeglichener und besitzen mehr Selbstbewusstsein als Nichtsänger, wie der Münsteraner Musikpsychologe Karl Adamek herausgefunden hat.  Dabei verhielten sie sich auch sozial verantwortlicher und seien psychisch belastbarer. Und als wäre das nicht genug, verbinden sich beim Singen die Synapsen im Gehirn neu: Singen macht klug – und ist gesund. Untersuchungen haben gezeigt, dass schon nach dreißig Minuten Singen unser Gehirn Endorphine, Serotonin und Noradrenalin – Glücks- und Motivationshormone – vermehrt produziert und Stresshormone abgebaut hat. 

Wissenschaftler des Musikpädagogik-Instituts der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität schauten sich Speichelproben von Kirchenchor-Mitgliedern an, die das Requiem von Mozart sangen. Nach der Probe war die Anzahl der Immunglobuline A, die von den Schleimhäuten aus Krankheitserreger bekämpfen, stark gestiegen. Wenn sie Mozarts Musik nur auf CD hörten, blieb die Antikörper-Anzahl unverändert. 

Schon 15 Minuten reichen angeblich aus, um das Herz-Kreislauf-System auf Trab zu bringen: Dabei intensiviert sich die Atmung, der Körper wird besser mit Sauerstoff versorgt und während man die Lunge dehnt, kräftigt man die Rumpfmuskulatur. Sänger trainieren tiefe Bauchatmung statt flache Brustatmung und damit ihre Lungenkapazität – gut für ein langes Leben. Nebenbei fördert das alles sogar die Verdauung. 

Schwedische Forscher untersuchten in den 90ern über 12?000 Menschen aller Altersgruppen und entdeckten, dass Chormitglieder eine viel höhere Lebenserwartung hatten als Nicht-Singer.

Wenn Crinna Henne müde von der Arbeit ist und ihr draußen, wie zur Zeit, auch noch Nässe und Kälte entgegen schlagen, fällt es ihr normalerweise schwer, sich nochmal aufzuraffen und wohin zu gehen. „Wenn ich dann aber hier bin, die Leute treffe und singe, dann fällt alles ab, dann komme ich runter“, sagt sie, gähnt kurz, lacht und Martin Winter fragt nach fast zwei Stunden, wer wie müde ist auf einer Skala von 0 bis 10. Corinna hält tapfer ihre Hand im Mittelfeld hoch, Pech gehabt. Die zwei Ultramüden dürfen sich nun nämlich ein Abschlusslied aussuchen: „Titanium“ von David Guetta und Sia. Der Chor bricht schlagartig in gespieltes Entsetzen aus. Ein so anspruchsvolles Lied jetzt noch! 

Ein kleiner Moment, dann geht’s los. Erst getragen, fast leise, und dann: Da gehen sie wieder ab, lassen sich befeuern, halten durch, knallhart wie aus Titan. Fallen können sie auch noch später. Todmüde und glücklich, ins Bett.